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Hamburger SV: Trainer Daniel Thioune im exklusiven Interview

Thioune vor Derby: "St. Pauli besitzt Nehmer-Qualitäten"

Sky Sport

30.10.2020 | 15:25 Uhr

25:54
Sky Reporter Sven Töllner hat HSV-Trainer Daniel Thioune vor dem Derby gegen den FC St. Pauli zum XXL-Interview getroffen. Das ganze Interview im VIDEO (Videolänge: 25:54 Min.).

Der Hamburger SV ist unter Daniel Thioune wieder eine Einheit auf dem Platz. Der neue Trainer hat der Mannschaft neues Leben eingehaucht. Vor dem Derby gegen den FC St. Pauli führt Sky ein exklusives Interview mit dem 46-Jährigen.

Sky Sport: Es waren und sind ereignisreiche Zeiten beim HSV - kommen Sie mit der Verarbeitung hinterher?

Thioune: Das fällt mir schon schwer. Auf der einen Seite ist es ein großer Schritt, Trainer beim HSV zu werden - auch ein sehr großes Privileg. Mit Spielern arbeiten zu dürfen, die schon ein bisschen was erlebt haben, macht es umso spannender. Wir haben alle Träume und Ziele. Den wollen wir nahekommen. Wir hatten ein paar Probleme, die erste Pokalrunde, ein paar holperige Startphasen - aber bis jetzt bin ich ganz d'accord mit dem, was wir bislang erreicht haben.

Sky Sport: Können Sie bei all dem weiterhin authentisch bleiben, oder ist es schwierig?

Thioune: Was ich von meinen Spielern erwarte, erwarte ich auch von mir. Ich bin ein Mensch, der reflektiert und adaptiert. Wenn der eine oder andere Satz von außen kommt, dann werte ich ihn und dann filtere ich ihn. Wenn er mir hilft, auf Erfolg einzuzahlen, dann wäre ich schlecht beraten, mich darauf nicht einzulassen. Wichtig ist, dass man sich immer wieder auf sich reduziert. Das haben mir Menschen geraten, die mich schon länger begleiten. Es ist wichtig, dass man sich zurückziehen kann.

Sky Sport: Die Familie ist jetzt in Hamburg. Gibt es Ihnen einen zusätzlichen Impuls?

Thioune: Es ist wichtig, mich zu meiner Familie zurückziehen zu können. Ich brauche mein Umfeld, um daraus Energie zu ziehen. Wir sind jetzt als HSV-Familie unterwegs. Meine Tochter war am Wochenende auch hier im Stadion. Meine Kinder feiern frenetisch und feuern uns an. Wir als Familie stehen komplett hinter dem, was wir machen.

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Sky Sport: Sie haben ein Markenzeichen: Sie tragen am Spielfeldrand stolz ihre Hoodies. Wie sieht es mit feinen Anzügen aus?

Thioune: Wenn mal ne Hochzeit ansteht, verlasse ich auch den Hoodie und die Jeans. Es ist aber wichtig, dass man authentisch bleibt. Würde ich Woche für Woche in einen Anzug springen, würde ich mich verstellen - das wäre nicht ich. Ich fühl mich so wohl - das kann man mit mir verbinden.

Sky Sport: Sie sind ein emotionaler Wirbelwind am Spielfeldrand: Warum sitzen Sie nie auf der Bank?

Thioune: Es gibt Phasen im Spiel, in denen ich mich auch mal zurückziehe. Bei offensiven Standardsituationen sind die Kameras nicht auf mich gerichtet, dann nehm ich auch mal einen Schluck Wasser und atme durch. Es ist aber wichtig, dass meine Mannschaft mich wahrnimmt und dass ich auf sie wirke - das kann ich nur, indem ich stehe. Ich will sie permanent begleiten und ihnen Unterstützung geben. Ich will ihnen nicht sagen, wie es geht - aber in dem einen oder anderen Moment kann ich Hilfestellung leisten. Ich glaube, wenn man nach außen schaut und reflektiert bekommt, dass der Kopf oben bleiben muss, ist das einfacher zu demonstrieren, als wenn man sitzt.

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HSV-Trainer Thioune über Simon Terodde. (Videolänge: 27 Sekunden)

Sky Sport: Mit den Rothosen gelang Ihnen ein Startrekord - belohnen Sie sich dafür?

Thioune: Das Belohnungsprinzip sollte immer eine Rolle spielen. Es ist aber wichtig, dass wir das abspalten von Sieg oder Niederlage. Ich finde, man kann sich belohnen, wenn man sich das leisten kann. Dafür braucht man nicht unbedingt ein Fußballspiel zu gewinnen. Wenn alle an einem Strang ziehen und gemeinsam etwas umsetzen - dann kann man sich belohnen. Wenn man so privilegiert ist und dann nach fünf Spielen die Tabellenführung innehat, darf man sich in dem Augenblick nicht zurücklehnen. Dann muss man mehr machen! Vielleicht gibt's irgendwann den Punkt, an dem man sich belohnen darf und muss. Aber das ist noch ein sehr weiter Weg. Dafür arbeiten wir hart - und dann ist das auch angemessen. Aber in dem Augenblick, in dem man sich belohnt, ist man zufrieden. Das darf man niemals sein.

Sky Sport: Sie haben eine sehr tiefe Stimme ...

Thioune: Der Bart hat sich spät entwickelt und das gilt auch für die Stimme. Hat schon ein paar Tage gedauert. Meine Stimme ist sehr präsent - es gibt Momente, in denen ich mich zurücknehmen muss - nach einer englischen Woche zum Beispiel tut der Hals auch ziemlich weh. Ich glaube, mit meiner Stimme kann ich ein bisschen was bewirken. Da zählt nicht immer nur der Inhalt, sondern auch die Lautstärke. Ich kann sie ganz gut nutzen, muss sie aber auch schonen - ausschließlich nur rumzubrüllen ist zudem auch nicht angebracht.

Sky Sport: Trainieren sie ihre Stimme?

Thioune: Ich mache mir Gedanken, wann ich meine Stimme einsetze. Wenn ich motivational was erreichen will, hilft es, so einen Bass zu haben - die zu trainieren ist schwer. Wenn ich das gemacht hätte, hätte ich vielleicht eine etwas hübschere Gesangsstimme.

Sky Sport: Und nun zum Hamburger Derby - welchen Stellenwert hat es für Sie?

Thioune: Bin bislang noch nicht in den Genuss gekommen. Ohne despektierlich zu klingen, weiß ich aber, dass so ein Derby im Westen oder im Süden auch einen hohen Stellenwert hat. HSV-Pauli - das hat schon eine ordentliche Brisanz.

Sky Sport: Im Februar gab es im letzten Aufeinandertreffen eine 0:2-Pleite im Volksparkstadion. Wie wollen Sie die Scharte auszuwetzen?

Thioune: Was in der Vergangenheit entstanden ist, werden wir in der Zukunft nicht ausmerzen können. Dafür kann ich natürlich auch nicht die Verantwortung übernehmen oder den Kopf hinhalten. Ich bin dafür da, für die Zukunft Entscheidungen zu treffen. Sinnvoll, dass man da rational rangeht und das ganz nüchtern betrachtet. Für mich ist es am Freitag erstmals elf gegen elf. Aber ich weiß, welche Wirkung es hat. Dafür werden wir hart arbeiten - aber es wird auch nur drei Punkte dafür geben.

Sky Sport: Tatsächlich nur elf gegen elf?

Thioune: Wichtig, das von mehreren Seiten zu betrachten. Habe Spieler in meiner Mannschaft, die schon Derbys gewonnen haben. Wichtig, dass sie den Jungs erzählen, wie gut sich das anfühlt. Aber vielleicht ist es auch wichtig zu erzählen, wie schmerzhaft eine Niederlage in diesem Spiel ist. Alle sind willkommen, sich einzubringen. Für mich ist es wichtig, eine Mannschaft auf dem Platz zu haben, die ein Spiel gewinnen will. Da spielt dann mehr als die taktische Ausrichtung eine Rolle - nämlich die Frage, wie sehr will ich diesen Sieg. Ganz einfach zeigen, dass ich besser bin als der Gegner.

Sky Sport: Dienen dabei die Fans als Motivation?

Thioune: Die spielen eine sehr wichtige Rolle. Mit den Fans Fußball erleben zu dürfen - wir merken doch gerade in diesen schweren Zeiten, wie wenig vom Fußball übrig geblieben ist. Wir sind dankbar, dass ein paar kommen dürfen. Das macht es aus, bejubelt, aber auch mal kritisch hinterfragt zu werden. Wenn ein Pfeifkonzert kommt, weiß man, dass man nicht alles richtig gemacht hat. Damit muss man sich auseinandersetzen. Weil vieles aus der Tradition auf den Verein wirkt, muss man da auch als Trainer sensibel mit umgehen.

Sky Sport: Wie beschreiben Sie die Mentalität des FC St. Pauli?

Thioune: Die besitzen Nehmer-Qualitäten. Das hat man in Bochum und gegen Nürnberg gesehen - und ich habe sie am Montag auch im Stadion beobachtet: In Darmstadt sind sie auch zurückgekommen. Timo Schultz weiß schon, wie er seine Spieler erreicht. Da muss man sehr sensibel mit umgehen und darauf achten, wie wir mit und gegen den Ball agieren. Wir dürfen uns in keiner Situation sicher sein, dass wir bereits auf der Erfolgsspur sind. Dafür muss man die Mannschaft sensibilisieren. Mentalität ist bei St. Pauli immer gegeben - aber sie darf nicht besser sein als bei meiner Mannschaft.

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Sky Sport: Spüren Sie die Wucht der Geschichte in Hamburg?

Thioune: Ist präsent, wenn ich Hrubesch auf dem Campus treffe oder medial Uwe Seeler wahrnehme. Die Geschichte ist allgegenwärtig. Momente wie gegen Würzburg - erst behäbig, dann Fußball total nach der Halbzeit - da wäre die Nordtribüne explodiert. Da spürt man die Wucht dann sicher umso mehr. Das fehlt aktuell - aber ich habe meine Fantasie, dass das irgendwann wieder so kommen wird.

Sky Sport: Finden Sie bei St. Pauli irgendwas gut?

Thioune: Hab mich für die Farben entschieden, die ich jetzt vertrete, die mir eine Möglichkeit geben und für die ich alles tun werde, um den Fußball so zu spielen, wie ich ihn mir vorstelle. Man darf aber auch St. Pauli erwähnen, in dem Augenblick, wo es um eine Wertediskussion geht. Das sind Werte, die für St. Pauli-Fans von großer Bedeutung und auch für mich selbstverständlich sind. Deswegen darf man in diesen Punkt auch mit der Konkurrenz sympathisieren.

Sky Sport: Wie sieht die Vorbereitung auf so ein Derby aus? Läut alles normal ab, oder gibt es eine spezielle Einstimmung?

Thioune: Es wäre völliger Quatsch, wenn ich behaupten würde, es wäre ein ganz normales Fußballspiel. Das ist unmöglich. Gerade weil ich weiß, wie hoch der Stellenwert bei unseren Fans ist. Wir werden alles dafür tun, das nächste Heimspiel zu gewinnen und das Fanherz zu beglücken. Das ist unser einziges Ziel - für die Fans würden es dann etwas mehr als drei Punkte. Für mich als Trainer geht es aber rational nur darum.

Das Interview führte Sven Töllner

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