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Kolumne: Lothar Matthäus über Hansi Flick und die Lage beim FC Bayern

Matthäus: Diesen Vorwurf muss ich Flick machen

13.04.2021 | 19:09 Uhr

Eine Zusammenarbeit zwischen Hansi Flick (r.) und Hasan Salihamidzic beim FC Bayern scheint dauerhaft nicht vorstellbar.
Image: Eine Zusammenarbeit zwischen Hansi Flick (r.) und Hasan Salihamidzic beim FC Bayern scheint dauerhaft nicht vorstellbar. © Getty

Sky Experte Lothar Matthäus analysiert jede Woche exklusiv in seiner Kolumne "So sehe ich das" aktuelle Themen der Fußballwelt. Dieses Mal spricht der Rekord-Nationalspieler ausführlich über die Situation von Hansi Flick beim FC Bayern und die Viertelfinal-Rückspiele in der Champions League.

Wann waren die Bayern das letzte Mal Außenseiter? Ich kann mich kaum erinnern. Wahrscheinlich 2019 gegen Liverpool. Nun ist es wieder soweit. Nach dem 2:3 aus dem Hinspiel wird es schwer, die Offensive mit Neymar und Mbappé auszuschalten und gleichzeitig selbst mindestens zwei Tore zu erzielen.

Kein adäquater Ersatz auf der Bayern-Bank

Ich habe den Eindruck, dass der Kader der Bayern aktuell mehr oder weniger aus elf Spielern besteht. Die einen sind verletzt, die anderen sportlich nicht auf dem Niveau, wirklich eine Verstärkung zu sein.

Vor 18 Monaten war es so, dass mit Philippe Coutinho, Ivan Perisic und Thiago drei Qualitätsspieler da waren, die jederzeit Leistung abgerufen haben. Die dafür gesorgt haben, dass sich Leon Goretzka, Thomas Müller, Serge Gnabry oder Kingsley Coman ausruhen konnten, dass es möglich war, eine Verletzung auszukurieren, oder Hansi Flick einfach taktisch und personell etwas ausprobieren konnte, ohne ins Risiko zu gehen.

STIMMT AB!

Jetzt ist überhaupt keine adäquate Möglichkeit auf der Bank vorhanden. Die meisten Transfers machen so wenig Sinn, wie vielen Experten von Anfang an klar war. Und zu allem Überfluss steigt auch noch die Verletzungsgefahr, weil der Rest noch mehr spielen muss.

Roca & Co. "selbst mit viel Phantasie" keine Bayern-Stars

Hier ist natürlich weder die Rede von Leroy Sané noch in Zukunft von Dayot Upamecano, deren Qualität ist unbestritten. Auch wenn Flick wahrscheinlich lieber Timo Werner anstelle von Sané gehabt hätte, so ist er mit Leroy total zufrieden. Beides sind schließlich sehr gute Fußball-Spieler.

Marc Roca, Douglas Costa, Alexander Nübel, Eric Maxim Choupo-Moting und Bounar Sarr wären mir auch in Corona-Zeiten und bei schwierigeren Umständen auf dem Transfermarkt, selbst mit viel Phantasie, nicht als Bayern-Stars eingefallen. Nübel und Choupo-Moting waren jedoch zumindest ablösefrei.

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Der Cheftrainer des deutschen Rekordmeisters hat aktuell nicht mehr die Möglichkeit, durchzuwechseln. Zu den sportlichen Fragen, kommen für Hansi nun also auch verstärkt Herausforderungen in persönlicher Hinsicht. Hier geht es vor allem um seine Zukunft und die Kommunikation.

Flick muss anders auftreten

Und hier muss ich auch meinem Freund Hansi Flick ausnahmsweise einen Vorwurf machen. In Interviews und Pressekonferenzen auf die wichtigen Fragen hauptsächlich mit "nächste Frage" zu antworten, hilft keinem weiter. Ihm selbst am allerwenigsten. Das gibt kein gutes Bild ab und schwächt seine Position. Das hat er nicht nötig. Der Trainer, der die erfolgreichste Saison in der Geschichte des FC Bayern zu verantworten hat, muss anders auftreten. Klarer, deutlicher, ehrlicher und geschickter.

Das gibt kein gutes Bild ab und schwächt seine Position. Das hat er nicht nötig.
Matthäus über Flicks aktuelles Auftreten

Alle Verantwortlichen müssten sich umgehend auf eine einheitliche Sprachregelung in der Causa Flick und Salihamidzic einigen. Jeder weiß, dass es in dieser Konstellation nicht weiter geht. Hansi könnte sich beim nächsten Mal hinstellen und beispielsweise sagen: "Ja, es gibt Redebedarf. Wir setzten uns alle nach dem für uns so wichtigen Spiel gegen Paris zusammen und besprechen, wie es nach dieser Saison weiter geht." An der perfekten Formulierung können ja auch Kommunikations-Experten mitarbeiten.

So gewinnt man Ruhe, Zeit und die Oberhand. Danach klärt man in einem Gespräch mit allen Entscheidungsträgern, wer mit wem in der nächsten Saison noch zusammenarbeitet und kommuniziert das. Entweder ist es wie beim ähnlichen Konflikt in Paris zwischen Sportdirektor Leonardo und Thomas Tuchel der Trainer, der gehen muss oder eben der Sportchef.

Flick oder Salihamidzic: Einer muss gehen

Aber mehr denn je steht für mich fest: Hasan Salihamidzic und Hansi Flick werden in der nächsten Saison nicht mehr zusammenarbeiten. Es muss und wird einer gehen.

Ich persönlich würde an Bayerns Stelle versuchen, Flick zu halten. Selbst wenn er zur Nationalmannschaft möchte. Er hat einen Vertrag und wenn der Klub es nicht erlaubt, dann muss er bleiben. Aber er sollte sich wohlfühlen. Dies tut er aktuell offensichtlich nicht und wir alle wissen, woran oder an wem das liegt.

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Bayern-Präsident Herbert Hainer spricht bei Sky90 über das Verhältnis zwischen Hasan Salihamidzic und Hansi Flick. (Länge: 37 Sekunden)

Nun stellt sich für mich die Frage, wer für den FC Bayern wichtiger ist. Hasan oder Hansi? Den Erfolg der letzten Saison dürfen sich beide anheften. Jeder hat einen großen Teil dazu beigetragen. Aber es gibt immer einen, der wichtiger ist. Ich bin der Meinung, dass es in diesem Fall der Trainer ist.

Flick hat mehr Anteil am Bayern-Erfolg

Er hat dafür gesorgt, dass ein Team, das unter Niko Kovac nicht mehr das volle Potenzial ausgeschöpft hat, in Rekordzeit zur besten Mannschaft der Welt wurde. Er hat dem Verein wieder die Spiel-DNA zurückgegeben. Unter Flick war und ist der Spielstil zu erkennen, für den der Klub bewundert und beneidet wird.

Kapitän Manuel Neuer und Robert Lewandowski haben sich gerade erst öffentlich für seinen Verbleib stark gemacht. Zum einen kommt so etwas äußerst selten vor und zum anderen sind diese beiden nicht irgendwer. Sie sind in ihrem Bereich die Besten der Welt und für viele, zwei der wichtigsten Transfers der Vereins-Historie.

Er hat dem Verein wieder die Spiel-DNA zurückgegeben
Matthäus über Flick

Seit Flick die Bayern trainiert sind Freude, Attraktivität und maximaler Erfolg zurückgekehrt. Darüber hinaus hat es Hansi geschafft, ähnlich wie Jupp Heynckes für eine positive, angenehme und friedliche Stimmungslage im ganzen Verein zu sorgen.

Darum bin ich der Meinung, dass Hansi für den Gesamterfolg dieses Klubs wichtiger ist, als Brazzo. Und wenn beide nicht mehr miteinander können, würde ich an Bayern Stelle Flick behalten.

Meisterschaft ist in Gefahr

Egal wie: Es muss eine Lösung her. Das färbt sonst noch mehr auf die Mannschaft ab, als ohnehin schon. Das Ganze lenkt total ab. Ein Ausscheiden gegen Paris ist das eine. Das kann jedem passieren und wäre unter den jetzigen Voraussetzungen keine Schande. Aber ich bin mir momentan auch nicht mehr sicher, dass die Bayern Deutscher Meister werden.

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Eine Niederlage in Wolfsburg am nächsten Samstag bei einem Sieg von RB in Hoffenheim und es wären nur noch zwei Punkte Vorsprung bei fünf verbleibenden Spielen. Bei der aktuellen Stimmungslage rund um die Säbener Straße, ist alles möglich.

Chelsea ist durch - ansonsten "alles möglich"

Außer beim Rückspiel zwischen Chelsea und dem FC Porto ist meiner Meinung nach auch zwischen Dortmund und City sowie in der Partie Liverpool gegen Real Madrid alles möglich.

Chelsea ist nach dem 2:0 in Porto im Halbfinale. Sie sind mit Thomas Tuchel mehr als nur ein Geheimfavorit auf den Titel. Hier sehe ich übrigens einen Kader und eine Ersatzbank, wie sie für Hansi Flick wünschenswert wäre. Da sitzen dann ein Olivier Giroud, Hakim Ziyech, Tammy Abraham, Timo Werner oder N'Golo Kanté am Wochenende auf der Bank. Stichwort Qualität in der Tiefe. Die sucht Flick in dieser Saison bei Bayern vergebens.

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Liverpool ist wie Bayern und Dortmund im Rückspiel Außenseiter. Ein 1:3 gegen Real muss man erstmal aufholen und die Spanier haben durch den Sieg im Clásico am Wochenende noch mehr Selbstbewusstsein als ohnehin. Und Dortmund hat es ähnlich schwer wie die Reds und die Bayern, sind aber genauso wenig chancenlos. City ist nicht mehr so dominant wie noch vor Wochen, sie haben am Wochenende trotz drückender Überlegenheit gegen Leeds verloren und waren auch im Hinspiel nicht überzeugend.

Außer bei Chelsea gegen Porto wird es also spannend. Ich bin gespannt, was in den kommenden Tagen auf dem Platz und - vor allem in München - neben dem Platz geschieht…

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