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Schalke 04 News: Peter Neururer über Kolasinac, Gross & Co.

Neururer über S04-Held Hoppe: "Ein kleines Fußball-Wunder"

Sky Sport

16.01.2021 | 10:17 Uhr

Peter Neururer spricht im Interview mit skysport.de über die Lage beim FC Schalke 04.
Image: Peter Neururer spricht im Interview mit skysport.de über die Lage beim FC Schalke 04. © Imago

Peter Neururer ist seit Jahren Mitglied des FC Schalke 04. Im Interview mit skysport.de erzählt der langjährige Bundesliga-Trainer von einem Anruf nach dem Sieg gegen Hoffenheim, spricht über Sead Kolasinac und erklärt, warum der Dreierpack von Matthew Hoppe "ein kleines Fußball-Wunder" für ihn war.

Sky Sport: Herr Neururer, einen Befreiungsschlag des FC Schalke 04 oder die Einstellung des Tasmania-Rekordes - mit was hatten Sie gegen Hoffenheim im Vorfeld gerechnet?

Peter Neururer: Mit Rechnen habe ich bei Schalke aufgehört. (lacht) Ich hatte gehofft, dass die Negativserie ein Ende nimmt, denn der Tasmania-Rekord schwebte ja wie ein Damoklesschwert über dem Verein. Glückliche Momente, ein überragender Ralf Fährmann sowie die Konsequenz, bei eigenem Ballbesitz mutig nach vorne zu spielen, haben die ganzen Diskussionen und Vergleiche rund um Tasmania verschwinden lassen. Jetzt kann sich der Verein wieder den wesentlichen Dingen widmen.

Sky Sport: Was hat dieser Sieg für die Knappen bedeutet?

Neururer: Als ich am Samstagabend Richtung Flughafen gefahren bin, habe ich am Vereinsgelände beobachten können, wie Fans vor lauter Freude Leuchtraketen in den Himmel geschossen haben. Ich habe auch einen Anruf eines Schalker Fanklubs bekommen, ob ich nicht auch rauskommen würde. Ich antwortete: "Leute, wir haben ein Spiel gewonnen und können jetzt kurz Luft holen und durchatmen, aber noch lange nicht aufatmen." Ganz wichtig wird sein, diesen Erfolg richtig einzuordnen.

Neururers Zeit als Schalke-Trainer

Peter Neururer bewahrte den FC Schalke 04 einst vor dem Sturz in die Bedeutungslosigkeit. 1989 verhinderte er den Abstieg aus der 2. Liga. Im November 1990 wurde er dann überraschend beurlaubt, obwohl Schalke auf einem Aufstiegsplatz stand.

Sky Sport: Auf Schalke wartet also noch ein langer und harter Abstiegskampf?

Neururer: Das mag jetzt komisch klingen, aber durch den Sieg hat die Truppe die Möglichkeit, in dieser Saison noch etwas "Großes" zu erreichen: den Klassenerhalt. Hätte man das im Sommer gesagt, wäre man für verrückt erklärt worden. Aber aufgrund der Tatsache, dass Bielefeld, Köln und Mainz wohl auch bis zum Schluss da unten bleiben werden, ist die Möglichkeit noch vorhanden. Vor dem Sieg gegen Hoffenheim konnten die Fans nur davon träumen, die Relegation noch irgendwie zu erreichen. Jetzt können sie davon träumen, vielleicht direkt den Klassenerhalt zu schaffen. Allerdings ist eine Frage dabei entscheidend …

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Sky Sport: Die da wäre?

Neururer: Ist Schalke in der Winter-Transferphase dazu in der Lage, durch Spielverkäufe Geld zu generieren, um Verstärkungen - die zweifelsohne von Nöten sind - zu holen? Erst wenn sich diese Frage bejahen lässt, kann man konkrete Ziele für die nächsten Spiele aussprechen.

Sky Sport: Auf welchen Positionen würden Sie noch Bedarf sehen?

Neururer: Dass Matthew Hoppe gegen Hoffenheim drei Tore - und dann noch dieser Güteklasse - gelungen sind, ist toll, gleichzeitig aber auch ein kleines Fußball-Wunder. Ich habe ihn öfters in der Regionalliga spielen sehen. Dort war er immer sehr engagiert, aber ich bin konform mit Dirk große Schlarmann (Sky Reporter, Anm. d Red.): Kaum einer hätte geglaubt, dass der Junge auch nur annähernd Bundesliga-Reife besitzt. Deswegen muss Schalke - wenn möglich - die Qualität im Sturmbereich erhöhen. Und dann bräuchte es meiner Ansicht nach noch einen Akteur im Zentrum, der das Spiel mitbestimmt. Aber man muss schauen, wie viel Geld akquiriert werden kann, da eine Übereinkunft mit Clemens Tönnies ja nicht zustande gekommen ist.

Sky Sport: Mesut Özil twitterte im Anschluss vom "Kolasinac-Effekt". Kann er allein wirklich Schalkes Schlüssel für den Klassenerhalt sein und was sagt das im Umkehrschluss über die Mannschaft aus?

Neururer: Wenn ein Spieler, der über die linke Seite kommt und in der ganzen Saison bislang nur 90 Minuten in der Premier League gespielt hat, die Antriebsfeder sein soll, dann wäre etwas komplett falsch gelaufen. Kolasinac allein ist nicht der Schlüssel zum neuen Ziel Klassenerhalt, aber in Verbindung mit den anderen Spielern strahlt er genau die richtige Signalwirkung aus, die Schalke nun benötigt.

Sky Sport: Jetzt gibt es mehrere Gedankenspiele um Kolasinac: Zum einen überlegt Trainer Christian Gross, ihn künftig ins Zentrum zu ziehen. Auf welcher Position hilft er Schalke Ihrer Ansicht nach am meisten?

Neururer: Gegen Hoffenheim hat er als Linksverteidiger am meisten geholfen, weil er Druck nach vorne gemacht und Amine Harit gut abgesichert hat. Sonst hätte dieser nicht in dieser Art und Weise performen können. Kolasinac kann auch im Zentrum spielen, aber Gross wird mit seiner Erfahrung wissen, wo er der Mannschaft am meisten helfen kann.

Sky Sport: Zum anderen gibt es Überlegungen, Kolasinac zum festen Kapitän zu ernennen … (gegen Hoffenheim vertrat er den verletzten Omar Mascarell als Kapitän, Anm. d. Red.)

Neururer: Das ist eine interne Sache, aber ich gehe davon aus, dass Kolasinac einen großen Effekt auf die Mannschaft hat, weil er ein Spieler ist, der vorangeht und den Ball auch in Extremsituationen fordert. In puncto Kapitänsfrage war meine Philosophie immer: Nicht der Trainer, sondern die Mannschaft bestimmt den Kapitän. Wenn die Truppe sich dazu entschieden hat, dann war das auch korrekt.

Sky Sport: Nach Sky Informationen hatte der FC Valencia Interesse an Omar Mascarell, doch Schalkes aktueller Kapitän will auf jeden Fall bis zum Sommer bleiben. Wäre ein Abgang im Winter nachvollziehbar für Sie gewesen?

Neururer: Leider war er bislang - auch verletzungsbedingt - nicht einmal in der Verfassung, die er hatte, als Schalke ihn verpflichtet hat. In Frankfurt zählte er zu den besten Sechsern der Liga. Unter David Wagner hatte er eine ordentliche Hinrunde absolviert, war aber auch da nicht so dominant wie zu seinen Frankfurter Zeiten.

1:30
Sky Info: Valencia will Omar Mascarell von Schalke 04 verpflichten. (Videolänge: 1:30 Minuten)

Sky Sport: Sollte Kolasinac tatsächlich dauerhaft die Binde übernehmen, wäre er der fünfte Kapitän seit 2017. Dazu gab es unter Sportvorstand Jochen Schneider seit März 2019 sechs Trainer. Da darf die Lage, in der sich Schalke befindet, eigentlich nicht mehr großartig überraschen, oder?

Neururer: Nein, daran wird deutlich, dass irgendwas nicht stimmen kann, zumal einige Kapitäne wie Höwedes und Fährmann rauskomplimentiert worden sind. Zudem ist die Quantität der Trainer in Bezug auf die Zeit hochsignifikant. Wenn jeder Trainer dann noch seine eigene Philosophie mitbringt, ist das nicht wirklich förderlich. Und die Mannschaft hat jedes Mal ein Alibi, jedes Mal ist der Trainer schuld. Die hohe Fluktuation sagt eine Menge über den aktuellen Zustand aus.

Sky Sport: Nun hat Gross das Kommando. Viele waren skeptisch - Sie auch?

Neururer: Ich war froh, dass sie sich endlich für Erfahrung entschieden haben. Für so eine Extremsituation kann man keinen Trainer ohne Profi-Erfahrung an die Seitenlinie stellen. Junge Trainer müssen scheitern dürfen, und wenn dann ein Trainer-Talent an so einer Situation wie auf Schalke scheitern und von der Bildfläche verschwinden würde, wäre das sehr, sehr traurig. Diese Situation können nur erfahrene Trainer lösen.

Sky Sport: Also können Sie die Entscheidung von Sportvorstand Jochen Schneider pro Gross nachvollziehen?

Neururer: Das hängt immer davon ab, wie groß das jeweilige Netzwerk ist. Junge und unerfahrene Trainer sind mit Sicherheit durch das Raster gefallen. Wie viele erfahrene Trainer Schneider kennt, weiß ich nicht. Aber er hat einen genommen und dass er sich für jemanden entscheidet, den er persönlich kennt und mit dem er schon erfolgreich zusammengearbeitet hat, ist doch klar.

Sky Sport: Hat Jochen Schneider noch eine Zukunft auf Schalke?

Neururer: Wenn die Klasse gehalten wird, warum nicht? Jochen Schneider hat aktuell noch mit so vielen Altlasten zu kämpfen, dass er gar nicht richtig loslegen kann. Natürlich hat er auch Fehler begangen, sonst wäre Schalke nicht in dieser Situation. In erster Linie leistet er aber gute Arbeit, allerdings wird er behindert durch die Fehler der Vergangenheit. Da sollten sich auch seine Vorgänger mal ihre Gedanken machen. Da wurden Millionen-Summen für Spieler rausgeschleudert, die sportlich heute keine Rolle mehr spielen, aber immer noch unter Vertrag stehen.

Sky Sport: Gefragt ist derzeit wieder Ralf Fährmann. Hat Sie die Maßnahme von Gross, ihn wieder zur Nummer eins zu machen, überrascht?

Neururer: In dieser Saison hat mich in Bezug auf Schalke gar nichts mehr überrascht. Fährmann war ja die Nummer eins bis zum Leipzig-Spiel und musste in der Halbzeit verletzungsbedingt ausgewechselt werden. Anschließend haben mich die guten Leistungen von Rönnow und dass Fährmann zur Nummer zwei erklärt wurde, überrascht. Dass er danach plötzlich wieder die Nummer eins wurde, obwohl er den verletzten Rönnow zunächst nur vertreten sollte, hat mich auch überrascht. Wissen Sie, was mich aber nicht überrascht hat?

Ich verstehe nicht, warum Spieler wie Kilian Ludewig oder Jonjoe Kenny für ein Jahr ausgeliehen werden, wenn ich Spieler aus der eigenen Jugend wie Thiaw und Becker zur Verfügung habe.
Peter Neururer

Sky Sport: Nämlich?

Neururer: Dass Fährmann gegen Hoffenheim eine sehr gute Leistung gebracht hat. Es war ganz wichtig, dass Schalke endlich mal wieder zu Null gespielt hat.

Sky Sport: Herausragend war in diesem Spiel auch Amine Harit, der für viele Fans ein Rätsel bleibt. An guten Tagen gehört zu den besten Spielern der Bundesliga, an schlechten läuft es überhaupt nicht bei ihm. Einen Graubereich gibt es bei ihm nicht. Haben Sie eine Erklärung für diese extremen Leistungsschwankungen?

Neururer: Harit hat gegen Hoffenheim gezeigt, zu welchen Leistungen er imstande ist. Sein hohes fußballerisches Potenzial ist unbestritten, leider hat er es bislang viel zu selten abgerufen. Nun hat er die Messlatte sehr, sehr hochgelegt. Man sieht, welche Qualitäten er hat, aber auch nur in Verbindung mit anderen Spielern. Er benötigt dann auch einen Stürmer wie Hoppe, der die richtigen Wege geht und die Bälle fordert.

Sky Sport: Wie bewerten Sie folgenden Thesen? Erstens: Schalke hat in den vergangenen Jahren die hoch anerkannte Knappenschmiede zu sehr vernachlässigt. Unter Jens Keller standen zeitweise acht Spieler gleichzeitig auf dem Platz, die aus der eigenen Jugend gekommen sind.

Neururer: Natürlich zählt Norbert Elgert (Schalkes A-Jugendtrainer, Anm. d. Red.) zum Nonplusultra im Nachwuchsbereich. Er ist in der Lage, jeden Spieler zum Optimum zu führen, aber: Wenn dieses Optimum mal nicht ausreichend ist, um besser zu sein als die vorhandenen Spieler im Profikader, dann ist nicht der Profi-Trainer schuld. Es gibt Jahrgänge, bei denen die Qualität nicht reicht. Wenn aber in jedem Jahr zwei Spieler aus der U19 den Sprung in den Profikader schaffen sollten, dann ist das großartig. Aktuell stehen mit Malick Thiaw, Timo Becker, Can Bozdogan und Nassim Boujellab vier Spieler aus der eigenen Jugend im Kader, also wurde da auch nichts vernachlässigt. Eine Philosophie kann ich aber nicht nachvollziehen …

Peter Neururer trainierte den FC Schalke 04 von April 1989 bis November 1990 in der 2. Bundesliga.
Image: Peter Neururer trainierte den FC Schalke 04 von April 1989 bis November 1990 in der 2. Bundesliga. © Imago

Sky Sport: Ja bitte …

Neururer: Ich verstehe nicht, warum Spieler wie Kilian Ludewig oder Jonjoe Kenny für ein Jahr ausgeliehen werden, wenn ich Spieler aus der eigenen Jugend wie Thiaw und Becker zur Verfügung habe. Einen Spieler auszuleihen und nach einem Jahr gut ausgebildet wieder abgeben zu müssen, erschließt sich mir nicht. Da sind zweifelsohne Fehler gemacht worden.

Manche schaffen es ja auch nur bei anderen Vereinen, siehe Marvin Friedrich bei Union. Da frage ich mich natürlich auch: Warum wurde er damals nicht eingesetzt? Aber wenn die Qualität zu dem Zeitpunkt nicht gestimmt hat, kann man dem Trainer keinen Vorwurf machen, denn er muss abliefern.

Sky Sport: Die zweite These lautet: Mit einer qualitativ hohen Durchlässigkeit hätte Schalke mit dem eigenen Nachwuchs eine Philosophie und ein Identifikationsgerüst aufbauen können und stünde nicht da, wo sie sich jetzt befinden

Neururer: Die Talente aus dem eigenen Nachwuchs müssen über eine gewisse Qualität verfügen, man stellt ja keinen Spieler auf, bloß, weil er jünger als sein Konkurrent ist. Wenn man nur einem Jugendwahn folgt, findet man sich möglicherweise ganz schnell in der zweiten Liga wieder. Was aber richtig ist: Schalke braucht ganz schnell wieder eine Spielphilosophie, Schalke braucht wieder Gesichter und Typen, mit denen sich die Fans identifizieren können, gerade hier im Ruhrgebiet.

Sky Sport: Abschließend: Bleibt Schalke in der Bundesliga?

Neururer: Ich hoffe es - und nach Möglichkeit auf direktem Wege.

Das Interview führte Robin Schmidt.

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