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St. Pauli News: Göttlich und seine leidenden Angestellten

Krise auf St. Pauli: Göttlich und seine leidenden Angestellten

Sven Töllner

08.01.2021 | 17:57 Uhr

Der FC St. Pauli steckt in einer tiefen Krise.
Image: Der FC St. Pauli steckt in einer tiefen Krise. © DPA pa

Der FC St. Pauli steht aktuell auf dem vorletzten Platz in der 2. Bundesliga. Die Hamburger stecken vor dem Nachholspiel bei Schlusslicht Würzburger Kickers (ab 18.15 Uhr LIVE auf Sky Sport Bundesliga 1) in der Krise. Ihre Probleme sind hausgemacht.

Beim Wort "Experiment" interveniert Andreas Bornemann vehement. Aus voller inhaltlicher Überzeugung sei der FC St. Pauli mit Vereins-Ikone Timo Schultz (43) in die Saison gegangen, betont der Sportchef stets. Und von dieser Überzeugung weichen die Verantwortlichen am Millerntor bislang keinen Millimeter ab. Schultz hat das Vertrauen, Schultz bleibt, Zweifel an Schultz gibt es nicht.

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Das Treuebekenntnis wird in diesen Tagen häufig erneuert. Denn die Trainerfrage ist nach Abpfiff längst zu einer verlässlichen Standardsituation geworden. Kein Wunder: St. Pauli hat von den ersten 13 Spielen eines (!) gewonnen. Seit dem Derby-Coup gegen den tabellenführenden Stadtrivalen aus dem Volkspark (2:2) haben die Kiez-Kicker sechs von sieben Spielen verloren und rasen in höllischem Tempo in Richtung Liga drei. Mit Schultz?

Stützen, die nicht stützen

Der dienstjunge Profi-Trainer hat sich im St. Pauli-Nachwuchs eine Wertschätzung erarbeitet, die über die Grenzen des Klubs hinaus für Aufmerksamkeit gesorgt und den Fokus externer Interessenten geschärft hatte. "Schulle", der am Millerntor als Spieler einen Ruf als tadelloser Fußball-Malocher genossen hat, ist also keine klassische Billiglösung mit einem gern genommenen Schuss Reeperbahn-Romantik. Die Einschätzungen etlicher beobachtender Experten waren einhellig - und sind es noch immer: Der kann was. Aber kann er auch die höchst komplizierte Drucksituation mit dem notwendigen Scharfsinn handhaben?

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Die Maßnahmen, mit denen der Coach den dringend benötigten Ruck ins Gefüge treiben will, sind bislang ohne Effekt verpufft. Ein stabiles Stamm-Konstrukt hat Schultz bei den ersten 13 Versuchen nicht gefunden. Ehemalige Stützpfeiler wie Buballa, Knoll oder auch Benatelli rufen ihre Leistung nicht konstant ab und sind deshalb nicht gesetzt. Oder sind die schlachterprobten Haudegen gerade deshalb verunsichert, weil sie sich ihrer Rolle nicht sicher sein können?

Ist Stojanovic die Lösung?

Auch Robin Himmelmann zählt zur Riege der zweitligagestählten Routiniers. Die Baustelle, die mittlerweile im Tor entstanden ist, ist hausgemacht. Bereits unter Jos Luhukay - quasi die wandelnde Anti-These zum Vollblut-Kiezianer Schultz - war der Stamm-Keeper der letzten Jahre alles andere als unumstritten. Es war Schultz, der den Mut aufbrachte, es ohne Himmelmann zu versuchen. Dafür wurde er bitter bestraft. Ersatzmann Svend Brodersen leistete sich gleich bei seinem zweiten Einsatz einen kapitalen Bock und entschied die Partie in Fürth damit frühzeitig zu Ungunsten der Hamburger.

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Dass nun mit Dejan Stojanovic ein Torwart von der Bank des englischen Zweitligisten Middlesborough bis zum Saisonende ausgeliehen wurde, belegt, wie groß die Not im Kasten ist. Dieses Problem nicht vor Saisonbeginn mit Nachdruck angepackt zu haben, ist ein Versäumnis, das Sportdirektor Andreas Bornemann anzulasten ist. Das Qualitäts-Defizit gar nicht als solches identifiziert zu haben, müsste sich die gesamte sportliche Leitung inklusive des Trainerteams als Fehleinschätzung ins Klassenbuch schreiben lassen.

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Aus braun-weiß ist grau geworden

Die Stabilität einer Mannschaft beginnt mit einem gefestigten Torhüter. Die Effektivität wird von zielsicheren und abschlussstarken Torjägern gewährleistet. Mit Henk Veerman und Dimitrios Diamantakos hat der Klub im Sommer 23 Saisontore verkauft. Die Spieler wollten weg, deren Abgänge waren folglich nicht zu verhindern. Adäquaten Ersatz zu beschaffen, war eine außergewöhnlich anspruchsvolle Aufgabe. Die Kandidaten, auf die Bornemann gesetzt hat, erzählen bislang keine Erfolgsgeschichte. Makienok (zwei Tore), Dittgen (drei) und Kyereh (drei) bräuchten eine spürbare Leistungsexplosion, um den nach Würzburg und Sandhausen schwächsten Angriff der Liga auf ein erfolgreiches Niveau zu hieven. Es passt alles in allem also hinten und vorne nicht.

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Sollte St. Pauli das richtungsweisende Nachholspiel in Würzburg (ab 18.15 Uhr LIVE auf Sky Sport Bundesliga 1) nicht gewinnen, wäre das das zwölfte sieglose Spiel in Serie - neuer Negativrekord im Unterhaus für die ehemaligen Freibeuter der Liga. Alles ziemlich zahnlos. Braun-weiß ist ganz schön grau geworden. Dabei sollte sich über das vielschichtige soziale Engagement hinaus der sportliche Output schon längst wieder auf einem glamouröseren Niveau eingepegelt haben.

Kontinuität ist etwas anderes

Luhukays Vorgänger Markus Kauczinski wurde auf Tabellenplatz sechs liegend mit dem Hinweis entlassen, dass "wir wieder Fußball sehen wollen, der gespielt wird, um zu gewinnen - und nicht um nicht zu verlieren." Eine Forderung des Präsidenten Oke Göttlich, der sich bei Amtsantritt 2014 selbst die Marschroute auferlegt hatte, für personelle Kontinuität zu sorgen. Die Modelle Freiburg oder Heidenheim sollten als romantische Blaupause für den St. Pauli-Weg dienen. Schultz ist der sechste Trainer in Göttlichs sechsjähriger Amtszeit.

Kontinuität sei kein Selbstzweck, befand Göttlich nach einer der Entlassungen. Eine Einschätzung, die auch aktuelle Gültigkeit haben dürfte. Schultz und Bornemann, seine sportliche Exekutive, sind derzeit jedenfalls eher leidende Angestellte. Das Vertrauen in das Duo besteht - auf jeden Fall bis zur Partie in Würzburg. Beim sieglosen Tabellenletzten erwartet indes nicht nur Göttlich ein Zeichen. Die gesamte St. Pauli-Gemeinde braucht dringend ein robustes Signal, das ihr den Glauben an das kickende Personal und an die handelnden Verantwortlichen zurückbringt.

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