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Wimbledon: Kommentar zur Leistung von Djokovic und Nadal

Es liegen immer noch Welten zwischen Nadal / Djokovic und dem Rest

Seit knapp zwei Jahrzehnten dominieren Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic das Herrentennis. Die vermeintliche Wachablösung hätte es schon vor Jahren geben sollen, doch Wimbledon 2022 zeigt einmal mehr, dass diese wohl noch einige Zeit auf sich warten lassen wird. Ein Kommentar.

Bei den US Open im vergangenen Jahr war es endlich passiert. Daniil Medvedev deklassierte Novak Djokovic im Finale glatt in drei Sätzen und gewann sein erstes Major-Turnier. Damit verhinderte der Russe nicht nur den Kalender-Grand-Slam des Djokers, der zuvor schon die Australian Open, die French Open und Wimbledon gewann, sondern läutete auch die endgültige Wachablösung im Herrentennis ein. Die Zeit der Big-Three aus dem seit geraumer Zeit verletzten Federer sowie Nadal und eben Djokovic war beendet, so die durchaus populäre Meinung damals.

Wimbledon Championships 2022

  • Datum: 27. Juni - 10. Juli
  • Ort: London, Vereinigtes Königreich
  • Center Court: 15.000 Zuschauer
  • Kategorie: Grand Slam (2022 ohne Ranglistenwertung)
  • Preisgeld: Insgesamt ca. 46 Mio. Euro
  • Übertragung TV und Livestream: Sky, skysport.de & Sky Sport App

Wachablösung muss noch warten

Die nächste Generation bestehend aus Medvedev, Alexander Zverev, der Djokovic im Halbfinale des Turniers schon am Rande der Niederlage hatte, aber letztlich in fünf Sätzen verlor, Stefanos Tsitsipas oder noch jüngerer Stars wie beispielsweise Carlos Alcaraz, war nun an der Reihe. Doch das Jahr 2022 zeigt, dass die Wachablösung wohl noch eine ganze Zeit auf sich warten lassen könnte.

Bei den Australian Open durfte Djokovic nach der Corona-Farce nicht an den Start gehen, Federer fehlte ohnehin verletzt und Nadal hatte wegen anhaltender Fußschmerzen noch rund zwei Monate vor dem Turnier an Rücktritt gedacht. Doch der Spanier feierte nach rund sechs Monaten Pause ein famoses Comeback und gewann in Melbourne, als er den zehn Jahre jüngeren Medvedev im Finale trotz 0:2-Satzrückstand noch in fünf Sätzen bezwang.

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Bei den French Open triumphierte der Stier von Manacor auch beim zweiten Grand Slam des Jahres, obwohl er im Grunde auf einem Bein spielte, da er sein linkes Bein während des gesamten Turniers betäuben musste. Hätte der mittlerweile 36-Jährige nicht antreten können, wäre der Titel wohl sehr wahrscheinlich an Djokovic gegangen, der bis zu seinem Aus gegen Nadal im Viertelfinale seine Partien absolut dominierte. Die beiden Legenden zeigten in Paris einmal mehr, dass sie nicht einmal ansatzweise vorhaben, der nächsten Generation das Feld zu überlassen und bestätigten diesen Eindruck nun auch in den Viertelfinals in Wimbledon eindrucksvoll.

Djokovic mit Comeback-Sieg gegen Sinner

Djokovic schien dort nämlich gegen den erst 20-jährigen Jannik Sinner auf verlorenem Posten. Der Italiener, der in der Runde davor Alcaraz aus dem Turnier nahm, war in den ersten beiden Sätzen zu gut für den 20-fachen Grand-Slam-Sieger. Doch wie so oft konnte Djokovic noch ein paar Gänge nach oben schalten und siegte am Ende doch noch relativ souverän mit 5:7. 2:6, 6:3, 6:2 und noch einmal 6:2. Es war Djokovics 26. Sieg in Wimbledon in Serie und der Traum vom vierten Triumph an der Chruch Road in Folge lebt weiter. Auch im Halbfinale gegen Lokalmatador Cameron Norrie ist der Serbe nämlich klarer Favorit.

Und Nadal? Der Rekord-Grand-Slam-Sieger schlug erstmals seit drei Jahren wieder in London auf und hatte in den frühen Runden noch Anlaufschwierigkeiten. Auch im Viertelfinale gegen Taylor Fritz, der zuvor noch keinen Satz abgeben musste, sah es nicht gut aus. Auf den Tag genau 14 Jahre nachdem er das für viele Experten beste Match der Geschichte im Wimbledon-Finale 2008 gegen Federer für sich entschied, beeinträchtige den Spanier eine Bauchmuskelverletzung bereits zu Beginn, doch als diese im zweiten Satz nach einem Aufschlag schlimmer wurde, konnte Nadal sich phasenweise nur sehr eingeschränkt bewegen. Sein Service war sogar für das restliche Match komplett in Mitleidenschaft gezogen und er schlug rund zehn Kilometer pro Stunde langsamer auf als sonst.

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Papa Nadal forderte Rafa aufzugeben

Sein Vater im Publikum forderte ihn offen dazu auf, das Match aufzugeben, wie Nadal nach dem Spiel auch auf der Pressekonferenz zugab. Doch der Spanier kämpfte und erinnerte sich vielleicht auch an einen Satz, den er selbst vor einigen Monaten in Indian Wells sagte. Beim Masters lag er damals im entscheidenden Satz gegen Sebastian Korda schon mit 2:5 und zwei Breaks zurück und hatte Probleme, ehe er doch noch das Match im Tiebreak für sich entschied. "Bei dieser Art von Match, in dieser Position, verliert man von 100 Matches wahrscheinlich 90. Aber wenn du aufgibst, wirst du 100 verlieren", erklärte Nadal seine Herangehensweise beim Comeback.

Auch gegen Fritz war Aufgeben keine Option und am Ende bastelte Nadal mit dem 3:6, 7:5, 3:6, 7:5 und 7:6-Sieg weiter an seinem Mythos, schließlich konnte er einen aufstrebenden Top-15-Spieler trotz massiver Beeinträchtigung besiegen. Ob er zum Halbfinale gegen Tennis-Rüpel Nick Kyrgios am morgigen Freitag antreten kann, ist aber offen. Nadal will die Verletzung ausführlich untersuchen lassen, ehe er eine Entscheidung trifft.

Djokovic und Nadal immer noch klar besser als der Rest

Sollte er gegen den Australier, der sein Duell gegen Cristian Garin glatt in drei Sätzen gewann, auflaufen, ist ihm aber auch dort wieder alles zuzutrauen und bei einem Sieg dürfte dann Djokovic im Endspiel warten. Es wäre das 60. Duell der beiden Tennis-Legenden, aktuell führt Djokovic im direkten Duell mit 30:29. Kein Match gab es in der Geschichte des Herrentennis häufiger.

Unabhängig vom Ausgang wird nach dem Turnier übrigens erstmals seit 2004 (!) keiner der Big-3 auf einem der ersten beiden Plätze der Weltrangliste stehen. Grund dafür ist, dass beim wichtigsten Rasentunier der Welt keine Weltranglistenpunkte vergeben werden und Djokovic somit als Titelverteidiger viele Zähler nicht verteidigen kann. Nadal wird ab Montag auf Platz drei geführt, Djokovic fällt sogar auf Rang sieben zurück. Doch die Viertelfinalduelle gegen Sinner und Fritz haben gezeigt: Wenn es drauf ankommt, liegen immer noch Welten zwischen Djokovic / Nadal und dem Rest der Tennis-Welt...

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