Bei den Special Olympics World Games 2023 trifft die Sportelite der Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung in Berlin aufeinander. Leidenschaft für Sport und Bewegung: Der Grundstein wird meist in der Schule gelegt. Für den Diversity Day ist Sky der Frage nachgegangen, wie Sportunterricht an Förderschulen gelebt wird.
Jan Ebert unterrichtet seit 2008 an der Christoph-Graupner-Schule in Darmstadt, einer Schule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung und einer Abteilung für körperlich und motorische Entwicklung. Statt Sportstunden benutzt der 42-Jährige im Exklusivinterview lieber den Begriff Bewegungsangebote.
Welche Bewegungsangebote gibt es an Ihrer Schule?
"Wir haben klassische Sportarten wie Schwimmen und Klettern, aber auch Balancieren und Reiten in unserem Angebotsprogramm."
Die Christoph-Graupner-Schule befindet sich derzeit im Umbau, weshalb das schuleigene Schwimmbad temporär nicht nutzbar ist. Um den Kindern weiterhin Wassererfahrungen zu ermöglichen, wird auf das Nordbad mit eigenem Therapiebecken ausgewichen. Um individuell auf die Bedürfnisse der Schüler im Alter zwischen sechs und 19 Jahren eingehen zu können, verfügt die Schule über weitere Ressourcen. Das pädagogische Personal ist zudem speziell geschult.
Luftkissen und zwei schuleigene Pferde
"Wir haben ein Luftkissen, eine Art Hüpfburg - nur ohne Dach. Auf dem Kissen kann gesprungen werden. Für schwerst mehrfach Behinderte ist eine andere Raum-Lage-Erfahrung möglich: Sie liegen und durch die Bewegungen der anderen können sie ebenfalls die Bewegung erleben. Ein anderes Beispiel auf unserem Schulgelände ist ein Boden-Trampolin, von der Größe her ist es vergleichbar mit einem Wettkampf-Trampolin, es ist aber ebenerdig. So kann man mit dem Rollstuhl darauf fahren. Wir haben zwei schuleigene Pferde, die gehören dem Förderverein der Schule. Sie ermöglichen den Schülerinnen und Schülern Erfahrungen auf dem Rücken der Pferde zu sammeln. Für viele ist der Kontakt zu den Tieren bereits eine Besonderheit. Auf dem Pferd zu sitzen, das hat positive Auswirkungen auf die Gesamtmotorik und damit auf die Psyche und Physis der Kinder und Jugendlichen."
Wie erleben Ihre Schüler die Reitstunden?
"Es gibt viele Schülerinnen und Schüler, für die ist es schon ein Erlebnis, sich auf das Pferd zu setzen, ohne dass es sich bewegt, weil sie unheimlichen Respekt haben. Jüngere Schülerinnen und Schüler oder die, die im Rollstuhl sitzen, haben ein andere Ebene, wenn sie vor so einem Tier stehen. Wenn man es dann schafft, sie draufzusetzen, ist das schon für viele ein Highlight. Ich kann mich an einen Schüler erinnern, dem es schwergefallen ist - ich sage mal ruhig sitzen zu bleiben - und der dann doch auf dem Pferderücken durch die Bewegungen, die sich vom Pferd auf ihn übertragen haben, relativ ruhig sitzen geblieben ist. Er hat das sichtlich genossen und sich beschwert, als er von dem Pferd runter sollte."
Wie wichtig sind Bewegungsangebote für die Gesundheit der Schüler?
"Es gibt genug Studien, die die Verbindung von Kognition und Motorik untersucht und belegt haben. Jeder, der sich bewegt, hat selbst die Erfahrung gemacht, dass es einen positiven Einfluss auf den Körper, auf den Geist, auf alles hat. Klar, wenn man eine Beeinträchtigung hat, dann kann man sich zwar nicht so bewegen oder kann auch nicht so lernen - aber man findet einen Weg und sammelt andere Erfahrungen durch die Bewegung."
Wie findet Bewegung außerhalb des schulischen Kontextes statt?
"Es fehlen außerschulische Angebote, gerade für unsere Schülerschaft. Aus meiner Erfahrung kann ich das sagen. Es wird sich langsam auf den Weg gemacht, dass einzelne Sportvereine versuchen, inklusive Sportangebote anzubieten. Das betrifft aber oft die jüngere Altersgruppe. Für die Älteren fällt es immer schwerer."
Wie blicken Sie auf die Special Olympics?
"Zum einen finde ich es eine gute Sache, weil für den Bereich des Behindertensports eine Öffentlichkeit geschaffen wird, die er sonst nicht hat. Darin steckt eine Idee, von der man im Breitensport mehr übernehmen kann, um Bewegungslernen und Bewegungsfreude zu vermitteln. Auf der anderen Seite schließen sportliche Wettbewerbe immer Leute aus. Mit Blick auf den Grundgedanken vom Sport, das sich messen oder sich vergleichen, da fällt immer eine Schülerschaft raus. Ich glaube, auch wir sind ein Stück gefragt, um Alternativen zu schaffen."
Das Interview führte Lea Meinhardt