Im Topspiel zwischen Bayern München und RB Leipzig kommt es zum Duell zweier Fußball-"Streber". Julian Nagelsmann und Domenico Tedesco verbindet eine gemeinsame Vergangenheit. Über Geheimnisse, Taktiken und Entwicklungen ihrer Teams.
Auf dem Papier müsste RB Leipzigs Trainer Domenico Tedesco bei der Einstellung seiner Mannschaft und der Wahl seiner Taktik leichte Vorteile gegenüber Bayerns Julian Nagelsmann haben. Zumindest wenn man einem Papier glaubt, das bereits sechs Jahre alt ist.
Denn 2016 erhielten sowohl Tedesco als auch Nagelsmann gemeinsam beim DFB an der Hennes-Weisweiler-Akademie ihre Fußball-Lehrer-Lizenz. Jahrgangsbester wurde der damalige U16-Coach von Hoffenheim Tedesco mit einer Abschlussnote von 1,0. Nagelsmann, der damalige Cheftrainer der TSG-Profis, brachte es dagegen "nur" zu einer 1,3.
- Bayern München vs. RB Leipzig - alle Infos zum Topspiel
- So viele Zuschauer dürfen am 21. Spieltag in die Stadien
Nagelsmann erklärt schlechteres Abschneiden bei Trainer-Lehrgang
Vorteil also für Tedesco? Zweifel sind angebracht. Zumal Nagelsmann in der Pressekonferenz vor dem Spiel selbst eine - mehr oder weniger plausible - Begründung für sein Abschneiden lieferte: "Am ersten Tag [des Lehrgangs, Anm. d. Red.] habe ich gedacht, ich will jetzt nicht der Oberstreber sein und als Erster reingehen und mir den besten Platz aussuchen." Der Bayern-Coach wartete, "weil ich dachte, dann schwimme ich so mit den Coolen mit, gehe als einer der Letzten rein und kriege noch einen guten Platz."
Am Ende blieb jedoch nur noch ein Platz direkt vor den Lehrenden. "Sprich: Da ist jeder Dozent, überwiegend der Frank Wormuth, an meinem Laptop vorbeigelaufen. Es gab Teilnehmer an diesem Lehrgang, die haben tatsächlich die Trilogie von Herr der Ringe 44-mal angeguckt. Ich konnte nicht einmal irgendwas bei Google eintippen, weil mein Laptop sofort zugeklappt wurde."
So zog sich der "grobe Nachteil" durch den Lehrgang. Deshalb, so Nagelsmann augenzwinkernd, "habe ich auch nur eine 1,3 und Domenico eine 1,0." Eine Begründung, warum er gerade unter der Beobachtung der Dozenten nicht besser aufgepasst habe, lieferte der 34-Jährige aber nicht.
Trainer bewahrten Geheimnisse
Weil Nagelsmann und Tedesco beide gleichzeitig bei der TSG unter Vertrag standen, teilten sie sich die Fahrten zur Akademie. Genug Zeit also, um sich über jegliche Details ihrer taktischen Vorgehensweisen auszutauschen. Weit gefehlt! "Wir kennen uns schon gut", sagt Nagelsmann über die gemeinsame Zeit. "Aber wir haben auch nicht jede Autofahrt nur über Fußball gesprochen und ständig die Philosophie ausgetauscht. Das ist, glaube ich, ganz ratsam, dass jeder noch ein bisschen sein Betriebsgeheimnis und eigene Ideen hat."
Sehr vorausschauend von den beiden. Denn drei Mal trafen beide 2017 und 2018 bisher in der Bundesliga mit Schalke und Hoffenheim aufeinander. Die Bilanz ist ausgeglichen (je ein Sieg und ein Remis), damals waren beide ungefähr gleichauf. Und auch das kommende Duell im tipico Topspiel (Samstag live und exklusiv ab 18.30 Uhr auf Sky Sport Bundesliga 1) verspricht Spannung.
Leipzig deutlich verbessert unter Tedesco
Auf der einen Seite die starken Bayern, die ihre Vormachtstellung in der Bundesliga nach der Übernahme von Nagelsmann nochmal untermauern konnten und verglichen mit der vorigen Saison noch mehr Tore schießen (65 statt 61 in 2020/21) und dabei weniger Gegentore kassieren (19 statt 29 in 2020/21). Erst beim 4:1 gegen die Hertha zeigten die Bayern, wie dominant sie auftreten können (19 Schüsse aufs Tor - BL-Rekord) und dem Gegner damit keinerlei Chance lassen.
Auf der anderen Seite stehen dieses Mal keine schwachen Herthaner sondern wiedererstarkte Sachsen, die unter Tedesco den Kurs für die Champions-League-Plätze wiedergefunden haben. Unter dem neuen Trainer spielt sich RB bessere Chancen heraus, schießt mehr Tore, spielt deutlich kontrollierter und lässt deutlich weniger zu als noch unter Vorgänger Jesse Marsch (siehe Tabelle). Es sei "nicht mehr wie beim Basketball, wo es ständig hoch und runter geht", beschrieb Verteidiger Angelino zuletzt gegenüber Sport1 die Veränderungen seit dem Trainerwechsel.
Befanden sich die Bullen bis zur Entlassung Marschs nach dem 14. Spieltag noch auf Platz 14 der Tabelle, arbeiteten sie sich unter Tedesco auf Rang sechs hoch. Seit dem 15. Spieltag holten nur die Bayern (15) mehr Punkte als RB (13).
Leipzig stabiler und geduldiger
Das blieb auch Nagelsmann nicht verborgen: "Die Mannschaft ist stabiler geworden in ihrem Spiel, sowohl defensiv als auch offensiv. Alles ist wieder ein Stück kontrollierter als davor, sodass das Spiel wieder mehr auf Ballbesitz ausgelegt ist. Unter Jesse Marsch war es ganz anders ausgelegt."
Das direkte Spiel nach vorne, dass die Leipziger unter Marsch forcierten, ist etwas weniger geworden. RB bleibt nun geduldiger und wartet häufiger darauf, dass sich Lücken auftun. Ähnlich wie die Bayern. Bei keiner Mannschaft in der Bundesliga ist der Anteil der nach vorne gespielten Pässe in den vergangenen Spielen geringer gewesen als bei Bayern und Leipzig. Das Motto: Weniger und langsamer, aber besser und effektiver angreifen.
Bayern wie gegen die Hertha?
Beim Deutsch-Italiener spielen die Leipziger meistens in einem 3-4-2-1. Das kann auch mal variieren und zu einem 3-4-1-2 oder 3-2-4-1 werden. Eines ist aber sicher: Die Dreierreihe hinten ist gesetzt. Auch Julian Nagelsmann wird möglicherweise gegen seinen Ex-Klub auf ein 3-4-2-1 setzen, das sich unter anderem zuletzt gegen die Hertha und zuvor schon gegen den BVB bewährt hatte.
Auffällig ist jedoch, dass die Münchner mit Gnabry und Coman als Schienenspieler noch einen Deut offensiver ausgerichtet sein werden als die Leipziger. Bei Sachsen werden wohl Angelino und Halstenberg diese Rolle auf den Außen einnehmen.
Sollte Nagelsmann sich dagegen entscheiden, böte sich das altbekannte 4-2-3-1 an. Dann könnten auch die beiden Ex-Leipziger Dayot Upamecano und Marcel Sabitzer von Beginn an auflaufen. Upamecano fiel zuletzt mit einem Schnitzer auf, Sabitzer muss sich erst gegen Tolisso behaupten. Fehlen werden den Münchnern Eric-Maxim Choupo-Moting, Bouna Sarr (beide Afrika-Cup), Alphonso Davies (Herzmuskelentzündung) und Leon Goretzka (Probleme mit der Patellasehne).
Kann Leipzig die Bayern-Offensive stoppen?
Dass die Qualität der Bayern-Mannschaft die der Leipziger übersteigt, fordert Domenico Tedesco dazu auf zu zeigen, dass er die Münchner mit einem Kniff, den sein alter Bekannter noch nicht kennt, überraschen kann. In allererster Linie dürfte es den Leipziger darauf ankommen, die Münchner Offensive irgendwie in Schach zu halten, um dann mit schlauen Angriffen erfolgreich zu sein.
Seit 67 Spielen traf der Bayern-Angriff mindestens ein Mal pro Spiel in der Bundesliga. Das letzte Mal, dass die Bayern ohne eigenes Tor blieben, war im Februar 2020 - beim 0:0 gegen Leipzig. Wie passend, dass RB gerade zuletzt in den beiden Bundesliga-Spielen gegen Stuttgart und Wolfsburg die Null halten konnte. Es dürfte Fußball-Fachmann Tedesco seit Tagen Kopfzerbrechen bereiten, wie er unter anderem einen Weltfußballer plus die anderen Bayern-Hochkaräter kaltstellen kann. Alles andere als eine leichte Aufgabe - selbst wenn man in der Trainer-Ausbildung geglänzt hat.
Bayern-Verfolger Borussia Dortmund (sechs Punkte Rückstand) wird darauf hoffen, dass Ex-Schalker Tedesco ein Geheimnis parat hat, was seinen Kontrahenten gedanklich zur Zeit der Zeugnis-Vergabe 2016 zurückversetzen wird und den Leipzig-Trainer wieder besser abschneiden lässt.
Mehr zu den Autoren und Autorinnen auf skysport.de
Alles zur Bundesliga auf skysport.de:
Alle News zur Bundesliga
Spielplan zur Bundesliga
Ergebnisse zur Bundesliga
Tabelle zur Bundesliga
Videos zur Bundesliga
Liveticker zur Bundesliga
Alle weiteren wichtigen Nachrichten aus der Sportwelt gibt es im News Update nachzulesen.