Ex-Nationalspieler Torsten Frings analysiert in seiner Gast-Kolumne für Sky Sport das EM-Aus des DFB-Teams, spricht die Fehler der Mannschaft sowie von Joachim Löw an und erklärt, wo Hansi Flick als Bundestrainer den Hebel ansetzen muss.
Natürlich bin auch ich vom Abschneiden der deutschen Mannschaft bei der EM enttäuscht.
Wir haben als Mannschaft nicht gut funktioniert, waren vorne total ungefährlich und hinten total anfällig. Wir hatten beim 0:2 gegen England gar keine Bewegung auf dem Platz, keine gefährlichen Außen, alles hat sich in der Mitte abgespielt.
Ich habe Löws Wechsel nicht verstanden
Als Trainer nehme ich meine Kollegen generell eher in Schutz, aber ich habe Jogi Löws Wechsel nicht verstanden. Warum hat er Emre Can gebracht? Um das 0:2 abzusichern?
Ich habe nicht verstanden, warum er nicht voll ins Risiko gegangen ist und Sane, Volland oder Musiala früher gebracht hat. Auf der anderen Seite reicht ein Hummels allein im Spielaufbau nicht. Rüdiger hat zum Beispiel überhaupt nicht am Spielaufbau teilgenommen.
Der Spielaufbau ist aber total entscheidend, damit fängt der Angriff an. Für unsere Gegner war es relativ einfach, sich auf Hummels einzustellen. Die anderen Verteidiger haben sich nicht getraut, die Bälle nach vorne zu spielen. Aber das gehört dazu. Es reicht nicht, nur dem Gegenspieler hinterher zu laufen und ihm den Ball abzunehmen.
Zum Durchklicken: das EM-Zeugnis der Nationalspieler
Umbruch "auf Teufel komm raus" war ein Fehler
Wir sollten zwar nicht den Fehler machen, die Arbeit von Jogi Löw als Bundestrainer nach 15 Jahren zu schlecht zu bewerten. Bis zur WM 2018 hat er einen hervorragenden Job gemacht.
Man muss sich allerdings fragen, ob der Umbruch nach der WM 2018 so "auf Teufel komm raus" gemacht werden musste. Ein Umbruch war damals sicherlich nötig, aber man hätte ihn vielleicht besser peu a peu machen sollen, und nicht von Null auf Hundert.
Es wurde fast jedem, der geradeaus laufen kann, Länderspiele gegeben. Früher musste man es sich über Monate oder Jahre verdienen, in der Nationalmannschaft zu spielen.
Es waren auf einmal Spieler dabei, bei denen man sich gedacht hat: "Muss das denn jetzt unbedingt sein?" Dann noch das unnötige Theater um Müller, Hummels und Boateng.
Das Selbstbewusstsein ist verloren gegangen
Im Nachhinein muss man sagen, dass ein Boateng immer noch besser ist als andere, die bei der EM dabei waren. Wenn man einen Rüdiger oder Ginter sieht, sind beide zwar gute Spieler, aber Boateng ist noch einmal eine ganz andere Hausnummer. Er hat viel Erfahrung, weiß wie man Titel gewinnt, und das merken natürlich auch die Gegenspieler. Das Selbstbewusstsein ist ein Stück weit verloren gegangen.
Früher sind wir mit einer anderen Einstellung aufgelaufen. Bei der WM 2002 hat keiner etwas von uns erwartet, die Experten hatten uns schon vorher abgeschrieben. Aber innerhalb der Mannschaft hatten wir diesen Geist zu sagen: "Wir haben zwar vorher nicht die besten Ergebnisse abgeliefert, aber wenn es darauf ankommt, muss man uns erst einmal schlagen." Damals waren auch viele Favoriten ausgeschieden, aber wir haben es bis ins Endspiel geschafft. Weil wir als Mannschaft total gut funktioniert haben.
Man darf die Spieler nicht in ein System pressen
Hansi Flick muss den Spielern erst einmal den Glauben an sich selbst wiedergeben. Du kannst aber nicht alles innerhalb einer Woche ändern, das ist ein Prozess. Und du musst die Spieler nach ihren Stärken einsetzen! Wenn du einen Werner vorne drin hast, musst du das Spiel ein Stück weit auf ihn zuschneiden, mit Volland ist es wieder ganz anders. Wir müssen gucken, was wir für ein Material haben, und dementsprechend müssen wir auch spielen. Und nicht die Spieler in ein System pressen!
Flick wird schauen und Gespräche führen
Flick wird sich ganz genau angeschaut haben, ob bei der U21 der eine oder andere Spieler für die A-Nationalmannschaft dabei ist. Wenn einer der jungen Spieler über längere Zeit seine Leistung bringt, hat er sich seine Chance verdient.
Was mögliche Rücktritte angeht, ist es eine schwierige Sache. Spieler verpassen häufiger den Zeitpunkt zu sagen: "Das war's." Es gibt nur wenige, wie Lahm, Mertesacker und Klose, die direkt nach der WM 2014 gesagt haben: "Mehr können wir nicht erreichen."
Es kommt aber nicht auf das Alter, sondern auf die Leistung an. Wenn ein Spieler 32 Jahre und super drauf ist, dann ist er halt 32. Dann muss man ihn spielen lassen.
Ich bin davon überzeugt, dass Flick mit Spielern wie Hummels oder Müller sprechen wird. Auf der anderen Seite glaube ich, dass ein Niklas Süle vielleicht einmal in die Fußstapfen von Hummels treten kann. Man darf nicht immer nur das Negative sehen. Wenn Süle einen Fehler gemacht hat, wurde immer gleich erwähnt, dass er zwei Kilo zu viel auf den Rippen hatte. Man sollte so einem Spieler Vertrauen schenken, und das kann Hansi Flick wie kein anderer. Er kann Spieler weiterentwickeln. Das hat man bei Bayern gesehen, wo die Spieler mit ihm von Titel zu Titel gerannt sind.
Große Aufgabe für Flick und den DFB
Was das DFB-Team betrifft, hat man zuletzt ja schon gar nichts mehr erwartet. Der Fußball der Nationalmannschaft ist total langweilig geworden. Früher hat jeder im Stadion und vor dem Fernseher mitgezittert. Die Kinder haben gebettelt, aufbleiben zu dürfen. Heute würde ich zu meinem Sohn sagen: "Geh lieber schlafen." Früher hat man etwas geboten bekommen, heute ist es, von seltenen Ausnahmen abgesehen, nicht mehr so. Leider.
Das wird für Hansi Flick und den ganzen DFB die große Aufgabe sein: dem Fußball der Nationalmannschaft seine Bedeutung zurückzugeben und zu erreichen, dass er wieder wichtig ist.
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Torsten Frings absolvierte 79 Länderspiele. Mit dem DFB-Team wurde er 2002 Vize-Weltmeister, 2006 WM-Dritter und 2008 Vize-Europameister. In der Bundesliga spielte er für Werder Bremen, Borussia Dortmund und den FC Bayern. Als Trainer arbeitete der 44-Jährige bei Werder Bremen (Co-Trainer), Darmstadt 98 und zuletzte beim SV Meppen.