EURO 2020 News: Frings über DFB-Team - EM-Aus und Flick

Frings-Kolumne: Das wird Flicks große Aufgabe sein

Von Torsten Frings

Image: Ex-Nationalspieler Torsten Frings spricht in seiner Gast-Kolumne auf skysport.de über die große Aufgabe des neuen Bundestrainers Hansi Flick.

Ex-Nationalspieler Torsten Frings analysiert in seiner Gast-Kolumne für Sky Sport das EM-Aus des DFB-Teams, spricht die Fehler der Mannschaft sowie von Joachim Löw an und erklärt, wo Hansi Flick als Bundestrainer den Hebel ansetzen muss.

Natürlich bin auch ich vom Abschneiden der deutschen Mannschaft bei der EM enttäuscht.

Wir haben als Mannschaft nicht gut funktioniert, waren vorne total ungefährlich und hinten total anfällig. Wir hatten beim 0:2 gegen England gar keine Bewegung auf dem Platz, keine gefährlichen Außen, alles hat sich in der Mitte abgespielt.

Ich habe Löws Wechsel nicht verstanden

Als Trainer nehme ich meine Kollegen generell eher in Schutz, aber ich habe Jogi Löws Wechsel nicht verstanden. Warum hat er Emre Can gebracht? Um das 0:2 abzusichern?

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Ich habe nicht verstanden, warum er nicht voll ins Risiko gegangen ist und Sane, Volland oder Musiala früher gebracht hat. Auf der anderen Seite reicht ein Hummels allein im Spielaufbau nicht. Rüdiger hat zum Beispiel überhaupt nicht am Spielaufbau teilgenommen.

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Der Spielaufbau ist aber total entscheidend, damit fängt der Angriff an. Für unsere Gegner war es relativ einfach, sich auf Hummels einzustellen. Die anderen Verteidiger haben sich nicht getraut, die Bälle nach vorne zu spielen. Aber das gehört dazu. Es reicht nicht, nur dem Gegenspieler hinterher zu laufen und ihm den Ball abzunehmen.

Zum Durchklicken: das EM-Zeugnis der Nationalspieler

MANUEL NEUER: Konnte sich bei der EM nur selten auszeichnen. Hielt das, was es zu halten gab. Leistete sich keinen großen Schnitzer. Note: 3
BERND LENO: Wurde bei der EM nicht eingesetzt, daher keine Bewertung.
KEVIN TRAPP: Wurde bei der EM nicht eingesetzt, daher keine Bewertung.
MATTHIAS GINTER: Startete ordentlich ins Turnier, zeigte jedoch gegen Ungarn und England größere Schwächen. Note: 4
MATS HUMMELS: Licht und Schatten beim DFB-Rückkehrer. Erwies sich gegen England und Portugal als Fels in der Brandung, leistete sich auf der Gegenseite ein bitteres Eigentor gegen Frankreich. Auch gegen Ungarn eine durchschnittliche Leistung. Note: 3
ANTONIO RÜDIGER: Wirkte nicht immer sattelfest in der Dreierkette und hatte des Öfteren Probleme im Stellungsspiel. Note: 4
ROBIN GOSENS: Lieferte zwei Gala-Auftritte gegen Frankreich und Portugal. Konnte danach seine Leistung nicht mehr bestätigen. Enttäuschte vor allem im letzten Vorrundenspiel gegen Ungarn. Note: 3
MARCEL HASLTENBERG: Wurde bei der EM nur einmal als Joker gegen Portugal eingesetzt. Blieb in diesen rund 30 Minuten sehr unauffällig. Zu wenig Spielzeit für eine Turnier-Bewertung.
NIKLAS SÜLE: Spielte keine Rolle unter Bundestrainer Joachim Löw und wurde lediglich im zweiten Vorrundenspiel gegen Portugal in der Schlussphase eingewechselt. Keine Bewertung.
CHRISTIAN GÜNTER: Wurde bei der EM nicht eingesetzt, daher keine Bewertung.
LUKAS KLOSTERMANN: Wurde bei der EM verletzungsbedingt nicht eingesetzt, daher keine Bewertung.
ROBIN KOCH: Wurde bei der EM nicht eingesetzt, daher keine Bewertung.
JOSHUA KIMMICH: Musste bei der EM auf der etwas ungeliebten Position Rechtsverteidiger spielen. Überzeugte gegen Portugal mit viel Offensiv-Power, tat sich ansonsten schwer, Akzente zu setzen. Note: 3,5
EMRE CAN: Kam zu drei Kurzeinsätzen. Zu wenig für eine Turnier-Bewertung.
LEON GORETZKA: Kehrte erst gegen England in die Startelf zurück. Wurde zuvor nach überstandener Muskelverletzung zweimal eingewechselt und schoss das DFB-Team mit seinem Joker-Tor gegen Ungarn ins Achtelfinale. Note: 3
TONI KROOS: War unter Löw als Stratege im zentralen Mittelfeld gesetzt, konnte jedoch in keinem der vier Spiele so richtig überzeugen. Patzte zudem vor dem 0:1 gegen England. Note: 4
ILKAY GÜNDOGAN: Tauchte in seinen drei absolvierten Partien gegen Frankreich, Portugal und Ungarn größtenteils unter und erwies sich nicht als Impulsgeber. Note: 4,5
JAMAL MUSIALA: Kam lediglich auf neun Einsatzminuten. Ließ jedoch gegen Ungarn seine ganze Klasse aufblitzen, als er den entscheidenden Treffer zum 2:2 einleitete. Dennoch zu wenig für eine Turnier-Bewertung.
THOMAS MÜLLER: Als Antreiber und Ideengeber wertvoll, auch der Einsatz stimmte. Wusste gegen Portugal zu überzeugen, ansonsten fehlte auch ihm die Durchschlagskraft. Vergab gegen England eine Mega-Chance zum Ausgleich. Note: 4
KAI HAVERTZ: Mit der auffälligste DFB-Akteur in der Offensive. Erzielte zwei Tore und bestach mit guten Läufen in die gegnerischen Strafräume. Enttäuschte nur im ersten Spiel gegen Frankreich. Note: 3
LEROY SANE: Wirkte wie ein Fremdkörper. Erlebte gegen Ungarn in seinem einzigen Spiel von Anfang an einen miserablen Abend (Note: 6) und konnte auch als Joker nicht glänzen. Zu wenig für einen Spieler seiner Klasse. Note: 5
SERGE GNABRY: Auch er enttäuschte bei der EM. Zeigte einen guten Auftritt gegen Portugal, blieb ansonsten deutlich hinter den Erwartungen zurück. Note: 4
TIMO WERNER: Erhielt lediglich gegen England seine Chance in der Startelf, wusste diese aber nicht zu nutzen. Auch als Joker ließ er jegliche Durchschlagskraft und Kreativität im Offensivspiel vermissen. Note: 4,5
KEVIN VOLLAND: Wurde sowohl gegen Frankreich als auch gegen Ungarn in den letzten Minuten als Brecher reingeworfen. Zu wenig für eine Turnier-Bewertung.
FLORIAN NEUHAUS: Wurde bei der EM nicht eingesetzt, daher keine Bewertung.
JONAS HOFMANN: Wurde bei der EM nicht eingesetzt, daher keine Bewertung.

Umbruch "auf Teufel komm raus" war ein Fehler

Wir sollten zwar nicht den Fehler machen, die Arbeit von Jogi Löw als Bundestrainer nach 15 Jahren zu schlecht zu bewerten. Bis zur WM 2018 hat er einen hervorragenden Job gemacht.

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Man muss sich allerdings fragen, ob der Umbruch nach der WM 2018 so "auf Teufel komm raus" gemacht werden musste. Ein Umbruch war damals sicherlich nötig, aber man hätte ihn vielleicht besser peu a peu machen sollen, und nicht von Null auf Hundert.

Es wurde fast jedem, der geradeaus laufen kann, Länderspiele gegeben. Früher musste man es sich über Monate oder Jahre verdienen, in der Nationalmannschaft zu spielen.

Es waren auf einmal Spieler dabei, bei denen man sich gedacht hat: "Muss das denn jetzt unbedingt sein?" Dann noch das unnötige Theater um Müller, Hummels und Boateng.

Der EM-Spielplan im Überblick

Gegen wen und wann muss Deutschland ran? Hier gibt's den EM-Spielplan in der Übersicht.

Das Selbstbewusstsein ist verloren gegangen

Im Nachhinein muss man sagen, dass ein Boateng immer noch besser ist als andere, die bei der EM dabei waren. Wenn man einen Rüdiger oder Ginter sieht, sind beide zwar gute Spieler, aber Boateng ist noch einmal eine ganz andere Hausnummer. Er hat viel Erfahrung, weiß wie man Titel gewinnt, und das merken natürlich auch die Gegenspieler. Das Selbstbewusstsein ist ein Stück weit verloren gegangen.

Früher sind wir mit einer anderen Einstellung aufgelaufen. Bei der WM 2002 hat keiner etwas von uns erwartet, die Experten hatten uns schon vorher abgeschrieben. Aber innerhalb der Mannschaft hatten wir diesen Geist zu sagen: "Wir haben zwar vorher nicht die besten Ergebnisse abgeliefert, aber wenn es darauf ankommt, muss man uns erst einmal schlagen." Damals waren auch viele Favoriten ausgeschieden, aber wir haben es bis ins Endspiel geschafft. Weil wir als Mannschaft total gut funktioniert haben.

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Man darf die Spieler nicht in ein System pressen

Hansi Flick muss den Spielern erst einmal den Glauben an sich selbst wiedergeben. Du kannst aber nicht alles innerhalb einer Woche ändern, das ist ein Prozess. Und du musst die Spieler nach ihren Stärken einsetzen! Wenn du einen Werner vorne drin hast, musst du das Spiel ein Stück weit auf ihn zuschneiden, mit Volland ist es wieder ganz anders. Wir müssen gucken, was wir für ein Material haben, und dementsprechend müssen wir auch spielen. Und nicht die Spieler in ein System pressen!

Flick wird schauen und Gespräche führen

Flick wird sich ganz genau angeschaut haben, ob bei der U21 der eine oder andere Spieler für die A-Nationalmannschaft dabei ist. Wenn einer der jungen Spieler über längere Zeit seine Leistung bringt, hat er sich seine Chance verdient.

Was mögliche Rücktritte angeht, ist es eine schwierige Sache. Spieler verpassen häufiger den Zeitpunkt zu sagen: "Das war's." Es gibt nur wenige, wie Lahm, Mertesacker und Klose, die direkt nach der WM 2014 gesagt haben: "Mehr können wir nicht erreichen."

Torsten Frings sieht viele Fehlentscheidungen beim DFB-Team

Es kommt aber nicht auf das Alter, sondern auf die Leistung an. Wenn ein Spieler 32 Jahre und super drauf ist, dann ist er halt 32. Dann muss man ihn spielen lassen.

Ich bin davon überzeugt, dass Flick mit Spielern wie Hummels oder Müller sprechen wird. Auf der anderen Seite glaube ich, dass ein Niklas Süle vielleicht einmal in die Fußstapfen von Hummels treten kann. Man darf nicht immer nur das Negative sehen. Wenn Süle einen Fehler gemacht hat, wurde immer gleich erwähnt, dass er zwei Kilo zu viel auf den Rippen hatte. Man sollte so einem Spieler Vertrauen schenken, und das kann Hansi Flick wie kein anderer. Er kann Spieler weiterentwickeln. Das hat man bei Bayern gesehen, wo die Spieler mit ihm von Titel zu Titel gerannt sind.

Große Aufgabe für Flick und den DFB

Was das DFB-Team betrifft, hat man zuletzt ja schon gar nichts mehr erwartet. Der Fußball der Nationalmannschaft ist total langweilig geworden. Früher hat jeder im Stadion und vor dem Fernseher mitgezittert. Die Kinder haben gebettelt, aufbleiben zu dürfen. Heute würde ich zu meinem Sohn sagen: "Geh lieber schlafen." Früher hat man etwas geboten bekommen, heute ist es, von seltenen Ausnahmen abgesehen, nicht mehr so. Leider.

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Das wird für Hansi Flick und den ganzen DFB die große Aufgabe sein: dem Fußball der Nationalmannschaft seine Bedeutung zurückzugeben und zu erreichen, dass er wieder wichtig ist.

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Torsten Frings absolvierte 79 Länderspiele. Mit dem DFB-Team wurde er 2002 Vize-Weltmeister, 2006 WM-Dritter und 2008 Vize-Europameister. In der Bundesliga spielte er für Werder Bremen, Borussia Dortmund und den FC Bayern. Als Trainer arbeitete der 44-Jährige bei Werder Bremen (Co-Trainer), Darmstadt 98 und zuletzte beim SV Meppen.

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