In seiner Kolumne blickt Sky Experte Dietmar Hamann auf die deutsche Mannschaft, das Duell gegen England und die Favoriten im Achtelfinale.
TOP1: Der Mannschaft fehlen Balance, Tempo und Harmonie
Gegen Frankreich hatte wir offensiv Defizite, gegen Portugal lief es vorne gut, aber wir haben hinten Fehler gemacht. Gegen Ungarn hat man beide Probleme zusammen gesehen.
Der Mannschaft fehlt Balance im Mittelfeld und Tempo im Spiel nach vorn, und ihr fehlt Harmonie. Ich habe das Gefühl, da stehen elf Einzelspieler oder drei Mannschaftsteile auf dem Platz und keiner spielt mit dem anderen.
Es steht kein zusammengewachsenes Team auf dem Platz. Wie denn auch? Müller hat vor der EM vielleicht ein Spiel zusammen mit Havertz gemacht, Hummels hatte vor seiner Rückkehr überhaupt noch nicht mit Rüdiger und Ginter zusammengespielt. Diese Probleme sind selbstverschuldet durch das Exil, in das der Bundestrainer Müller und Hummels nach der WM geschickt hat.
Dass Spieler sich nicht nur auf dem Platz, sondern auch privat kennenlernen können, ist aber ein ganz wesentlicher Teil und Beitrag für den Erfolg einer Nationalmannschaft.
Ein Kevin Volland wurde zweimal eingewechselt, der hatte vor seiner Nominierung sein letztes Länderspiel vor fünf Jahren gemacht! Volland ist nicht das Problem, aber sein Beispiel zeigt, dass man in den letzten zwei, drei Jahren Sachen probiert hat, die nicht funktioniert haben. Wie soll dann eine Mannschaft auf dem Platz stehen, die homogen auftritt? Deswegen haben mich die Leistungen nicht gewundert.
Goretzka und Musiala gehören in die Startelf
Die Lichtblicke der Vorrunde waren für mich die Offensivleistung gegen Portugal und die Auftritte von Goretzka und Musiala gegen Ungarn. Ich habe schon im Vorfeld gesagt, dass Goretzka der wichtigste Spieler für die Nationalmannschaft ist. Wir brauchen seine Dynamik und Präsenz. Deswegen ist es die beste Nachricht, dass er fit ist, und dass er durch sein Tor gegen Ungarn zusätzliches Selbstvertrauen getankt hat. Für mich gehört er in die Startelf, denn im Gegensatz zu Kroos und Gündogan sucht er die direkten Duelle.
Wenn ein Goretzka mit Tempo kommt, müssen die Abwehrspieler reagieren und die Außenspieler kriegen mehr Raum. Aber unser Spiel ist zu statisch, und das macht es den Offensivspielern schwer.
Deshalb würde ich Gnabry ein Stück weit in Schutz nehmen. Mit Goretzka würde er mehr Platz bekommen, und wenn er einmal ins Laufen kommt, ist er nur schwer zu stoppen.
Musiala hatte in den zehn Minuten, die er gespielt hat, großen Anteil daran, dass der Ausgleich erzielt wurde und Deutschland das Achtelfinale erreicht hat. Er ist ein Spieler, der ein Eins-gegen-eins mit einer Körpertäuschung auflösen und einen Spieler aussteigen lassen kann, um eine neue Situation zu schaffen. Wir haben sonst keinen Spielertypen wie ihn und man sollte überlegen, ihn von Anfang an spielen zu lassen. Bei Leroy Sane habe ich dagegen in den letzten Wochen und Monaten und auch gestern nichts gesehen, das einen erneuten Startelf-Einsatz rechtfertigen würde.
Viererkette statt Dreierkette - Halstenberg für Gosens
Ich finde auch, dass wir in der Abwehr mit Viererkette spielen sollten.
Gosens hat gegen Portugal ein gutes Spiel gemacht und hat eine gute Technik und einen starken Abschluss. Er ist ein guter Spieler, aber wir sollten die Kirche im Dorf lassen. Die echten Tests kommen jetzt erst. Wenn du mit Viererkette spielst, brauchst du Abwehrspieler, die allein auf ihrer Seite verteidigen können. Und da sehe ich Halstenberg stärker.
TOP 2: Die Engländer haben mehr Druck als die Deutschen
Neuer und Müller sind mit Bayern in Wembley 2013 Champions-League-Sieger geworden, sie werden sich dort wohlfühlen. Ich weiß nicht, ob es Gnabry hilft, mal vier Tore gegen Tottenham geschossen zu haben. Ich kann mir aber vorstellen, dass er es den Leuten in England zeigen will, die in der Vergangenheit nicht an ihn geglaubt haben, als er noch dort gespielt hat.
Das Spiel am Dienstag bedeutet den Engländern sehr viel mehr als uns. Für die Deutschen ist es zwar ein Klassiker, aber sonst eher ein Spiel wie viele andere. Für die Engländer sind Spiele gegen Deutschland aber immer das Größte. Die Medien befeuern die Euphorie und für die Spieler besteht die Gefahr, dass sie sich da zu sehr hineinsteigern. Wenn du in den kommenden Tagen immer nur an das Spiel denkst, kann es sein, dass dir am Ende die Energie auf dem Platz fehlt.
Die Engländer sind aus meiner Sicht leicht in der Favoritenrolle. Ich bin nicht übermäßig optimistisch, aber wenn das Spiel am Dienstag in Wembley angepfiffen wird, interessiert es keinen mehr, wie die deutsche Mannschaft dort hingekommen ist.
TOP 3: Turnierbaum eine große Chance für England und Deutschland
Frankreich, Italien und Belgien sind meine Favoriten, dann kommen England, Deutschland, Spanien und die Niederlande zusammen auf einer Stufe. Die Franzosen haben für mich den besten Kader und sind das Team, das es zu schlagen gilt. Aber Franzosen, Italiener und Belgier sind alle in der anderen Hälfte es Turnierbaums. Das ist für England und für Deutschland eine große Chance. Der Sieger würde danach auf Schweden oder die Ukraine treffen, das ist ein zusätzlicher großer Anreiz.
Für eine Überraschung könnte Dänemark sorgen. Ich glaube, dass sich ganz Europa darüber gefreut hat, wie sie nach dem Drama um Eriksen und den zwei Niederlagen doch noch weitergekommen sind. Die emotionale Eriksen-Geschichte und der Support der Fans aus ganz Europa hat die Mannschaft zusammengeschweißt. Sie haben gegen Wales gute Chancen und würden danach auf die Niederländer oder Tschechen treffen. Ich glaube übrigens auch, dass die Österreicher und die Schweizer den Italienern bzw. Franzosen einen heißen Tanz liefern werden.