Mainz 05 kämpft zur Zeit mit einem Problem, das mit Tabellenständen, Geld und Spielergebnissen im Grunde recht wenig zu tun hat: Die Begeisterung auf den Rängen der Opel Arena schwindet. Mainz laufen die Zuschauer weg, langsam aber stetig. Mit einem außergewöhnlichen Projekt wollen die Fans diesem Trend entgegenwirken.
Finanziell steht der FSV Mainz 05 hervorragend da. Die jüngere Vergangenheit war sportlich turbulent, aber immerhin gab es auch eine Rekordsaison und die Europa League. Über allem aber steht, dass Mainz 05 sich längst als Bundesligist etabliert hat.
Doch vom „Bruchweg-Feeling" vergangener Tage hat sich der Verein zunehmend entfernt.
Wir erinnern uns: In der Ära Klopp ist Mainz 05 für den Fußballfan eine ernstzunehmende Alternative geworden, in einer Region, in der seit Menschheitsgedenken Eintracht Frankfurt und der 1.FC Kaiserslautern die Platzhirsche waren. Dazwischen gab es eigentlich nichts. Fand man beides doof, ist man eben Bayern-Fan geworden.
Klopp, Tuchel und Heidel sind lange weg
Mainz, der Underdog, war nicht nur erfolgreich sondern auch nahbar und sympathisch wie kaum ein anderer Profi-Verein in Deutschland, das Bruchwegstadion das „Tollhaus der Liga". Durch den Fußball-Philosophen Klopp und später Thomas Tuchel sowie einer Reihe von aufgeweckten und bodenständigen Spielertypen hatten die 05er sogar so etwas wie einen intellektuellen Anstrich, mit dem sich die zahlreichen Studenten der nahe gelegenen Universität gut identifizieren konnten. Dazu der bodenständige Ur-Mainzer Christian Heidel, der sich in 24 Jahren Mainz den Ruf eines Hochbegabten unter den Managern erwarb.
Doch die Identifikationsfiguren Klopp, Tuchel und Manager Heidel haben den Verein mittlerweile verlassen. Die Posse um die ehrenamtlichen Bezüge des ehemaligen Präsidenten Harald Strutz haben dem Image von Mainz 05 einen tiefen Kratzer verpasst.
Im Jahr 2017 gehören Pressemitteilungen, die auf verfügbare Heimspieltickets hinweisen genauso zur Realität wie Aufrufe der Verantwortlichen auf Pressekonferenzen an die Fans, bitte ins Stadion zu kommen.
Neue Heimat für die Fans
Allerdings erklären die gegangenen Identifikationsfiguren das Phänomen nicht alleine. Nicht nur vom Verein haben sich die Fans über die Jahre entfremdet, sondern auch untereinander: "Am Bruchweg bildeten Mannschaft und Fans früher eine untrennbare Einheit. Egal ob Stehplatz, Sitztribüne oder VIP, alle hielten zusammen. Das ist leider verlorengegangen", sagt Jürgen Girtler, der für das Fanhaus-Projekt die Öffentlichkeitsarbeit übernimmt. Ein stillgelegtes altes Lagergebäude der Mainzer Stadtwerke soll zur neuen Heimat für die 05-Fans werden: "Es soll eine Begegnungsstätte für alle Mainz05-Fans werden, egal ob jung oder alt, egal ob Ultra, Gelegenheitsfan oder VIP. Die unterschiedlichen Fangruppen müssen wieder näher zusammenkommen", fügt Girtler hinzu.
Herzstück des Fanhauses soll das Fankulturcafé werden. Darüber hinaus werden Schulungsräume entstehen, ein Jugendtreff, Plätze an denen Schüler Hausaufgaben machen können. Auch ein 05-Museum ist geplant.
Jeder ist willkommen
Ursprünglich als eine Idee von Fans für Fans gedacht, soll es weit mehr werden: Die Räumlichkeiten können für unterschiedlichste ehrenamtliche Projekte genutzt werden, sofern sie der Allgemeinheit dienen, so der Plan. "Das Fanhaus soll grundsätzlich allen Mainzern offenstehen", sagt Girtler, "ob 05-Fan oder nicht. Hier ist jeder willkommen."
Auf der Baustelle ist Hochbetrieb: Entkernen, Mauern, Bohren, Renovieren - es gibt noch viel zu tun bis zum Frühjahr, wenn die ersten Teile des Hauses eröffnet werden sollen. Neben den Fans, die schon etliche tausende Arbeitsstunden in den Bau investiert haben, sind auch Unternehmen mit den umfangreichen Bauarbeiten beschäftigt. Die müssen bezahlt werden. Mit ehrenamtlicher Arbeit alleine ist bei weitem nicht alles zu stemmen.
Finanzierung über Crowdfunding
Die Kosten von insgesamt knapp 400.000 Euro deckt zum größten Teil der Förderverein, auch Mainz 05 hat sich beteiligt. Die letzten 100.000 aber möchte das Fanprojekt selbst stemmen. So entstand die Idee eines Crowdfundings. Dafür nutzen die Organisatoren die Plattform CrowdFANding, die auf Fanprojekte im Fußball spezialisiert ist. Im letzten Jahr sammelten Fans von Carl-Zeiss Jena auf der Plattform 150.000 Euro für den Erhalt der alten Südkurve im Ernst-Abbe-Stadion.
Am 11. September endet die Aktion der Mainzer Fans. Schon jetzt ist das Ziel von 100.000 Euro übertroffen worden. "Wir hoffen, dass es in den letzten Tagen nochmal einen Schub geben wird", ergänzt Girtler, "vielleicht werden es ja noch 115 oder 120 %. Aber es ist auch so schon fantastisch, was wir erreicht haben."
Kaum ein Fan, der nicht zu 100% hinter dieser Idee steckt. Auch Identifikationsfiguren von einst wie Jürgen Klopp und Thomas Tuchel unterstützen die Aktion. Die Begeisterung ist enorm und gibt Anlass zur Hoffnung, dass sie sich zukünftig auch im Stadion wiederfindet.