Am Samstag entscheidet sich im Fernduell zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund die Meisterschaft. Einer, der schon so manchen Titel-Showdown erlebt hat, ist Giovane Elber.
Im exklusiven Interview mit skysport.de spricht der ehemalige Profi des FC Bayern darüber, was in den Spielern während so einer Partie vorgeht, für wen der Druck größer ist und was der Titel für die Zukunft Niko Kovac bedeuten würde.
skysport.de: Herr Elber, Sie haben selbst einige Meister-Dramen am letzten Spieltag miterlebt. Könnte es am Samstag auch wieder eines geben?
Giovane Elber: Das glaube ich schon! Man arbeitet die ganze Saison, um so eine Möglichkeit zu bekommen. Man muss bedenken, dass die Bayern neun Punkte hinter Dortmund gewesen sind. Zu diesem Zeitpunkt hat keiner mehr so richtig geglaubt, dass sie das noch schaffen können. Aber jetzt ist der FC Bayern wieder vorne. Den ersten Matchball haben sie schon verpasst. Dafür hat man nun zuhause die Möglichkeit, den Meistertitel zu gewinnen. Das ist den Spielern bewusst, die wollen auch endlich mal eine Meisterschaft zuhause feiern.
skysport.de: Guckt man als Spieler während der Partie, was auf dem anderen Platz passiert?
Elber: Nein, man konzentriert sich auf das Spiel. Klar, wenn das Spiel fast zu Ende ist, versucht man mitzubekommen, was auf dem anderen Platz passiert. Aber zuerst konzentriert man sich auf seine Aufgaben. Die Mannschaft hat es in der eigenen Hand, das Spiel zu gewinnen, bzw. ein Unentschieden reicht ja auch, um Meister zu werden. Es wäre schlimmer, wenn man hoffen müsste, dass Dortmund verliert und selbst gewinnen muss.
skysport.de: Hätten Sie nach dem 5:0 des FC Bayern gegen den BVB überhaupt gedacht, dass es nochmal so spannend werden würde?
Elber: Das habe ich mir schon gedacht. Die Bayern waren die ganze Saison nicht so sattelfest. Sie haben ein paar gute Spiele gemacht, wo man dachte, jetzt haben sie die Kurve bekommen. Aber gleich am nächsten Spieltag haben sie wieder nicht gut gespielt und sind wieder zurückgefallen. Aber der Trainer hat es mit seiner Mannschaft geschafft, immer positiv zu denken und konzentriert zu sein. Deswegen haben sie jetzt alle Karten in der Hand.
skysport.de: BVB-Boss Hans-Joachim Watzke sagte, der Druck sei nach Süden gewandert? Hat er recht oder sind das nur Psychospielchen?
Elber: Den Druck nimmt der FC Bayern locker. Die Spieler können damit umgehen. Lieber hat man den Druck, dass man mit einem Sieg die Meisterschaft für sich entscheiden kann, als es nicht in der eigenen Hand zu haben.
skysport.de: Für Arjen Robben und Franck Ribery wird es ein ganz besonderes Spiel. Was wünschen Sie den beiden und sollten sie von Beginn an spielen?
Elber: Ich habe ganz großen Respekt vor beiden Spielern. Außerdem ist es ja auch für Rafinha das letzte Heimspiel. Die waren so lange im Verein und haben alles für den FC Bayern gegeben. Wenn man sieht, was die alles mit dem Verein gewonnen haben, da kann man nur einen riesen Respekt haben.
Klar, sie wollen noch Meister werden und wollen auch noch einmal spielen. Aber das muss der Trainer entscheiden und gucken, wer im Training abgeliefert hat. Man darf nicht vergessen, dass Robben lange Zeit verletzt war. Es wäre das Schlimmste, wenn man ihn von Anfang an bringt und er wie immer alles gibt und dann wieder eine Verletzung passiert. Deswegen muss der Trainer einen klaren Kopf haben. Die Besten sollen immer spielen. Robben und Ribery haben ein Abschiedsspiel verdient, das werden sie auch bekommen, mit Sicherheit.
skysport.de: Die beiden hinterlassen sportlich und menschlich eine große Lücke beim FCB. Wer könnte das Duo ersetzen?
Elber: Bis jetzt haben Serge Gnabry und Kingsley Coman die Lücke zumindest sportlich geschlossen. Ich glaube aber, dass der FC Bayern noch den einen oder anderen Spieler für diese Position kaufen wird. Gnabry und Coman sind alleine wahrscheinlich zu wenig. Man muss abwarten, was auf dem Markt ist und wen der FC Bayern dafür im Blick hat.
Menschlich ist das natürlich verdammt schwer. Franck Ribery hat den FC Bayern im Blut. Das wird nicht einfach, so jemanden zu ersetzen. Aber wie es im Fußball so ist, es wird jemand kommen und der neue Franck Ribery werden.
skysport.de: Mit Rafinha verlässt der letzte Brasilianer den FC Bayern. Würden Sie sich wieder einen Landsmann in München wünschen?
Elber: Einhundert Prozent! Ich werde mit Brazzo [Hasan Salihamidzic, Anm. d. Red.] sprechen. Der FC Bayern muss sofort einen neuen Brasilianer kaufen, sonst gewinnen die Bayern keinen Titel mehr. Ohne Brasilianer geht es nicht! (lacht)
Ich habe die ganze Karriere von Rafinha verfolgt. Als er zu Schalke gekommen ist, habe ich gedacht: So ein kleiner Junge, körperlich nicht so stark. Das wird nicht einfach für ihn, es in die Bundesliga zu schaffen. Aber er hat die Leistung gebracht und es geschafft. Ich freue mich, dass er auch so lange beim FC Bayern gespielt hat. Ich glaube, er hat viel mehr Titel mit den Bayern gewonnen als ich, Paulo Sergio oder Ze Roberto.
skysport.de: Obwohl Bayern alle Chancen auf das Double hat, wird Niko Kovac ständig infrage gestellt. Wie bewerten Sie seine Arbeit?
Elber: Ich finde, er hat einen guten Job gemacht. Wenn man noch die Chancen hat, zwei Titel zu gewinnen, war das ja nicht schlecht. Unter Pep Guardiola hat man auch nicht die Champions League gewonnen. Kovac braucht Zeit. Er ist ein junger Trainer, das wusste der FC Bayern, als man ihn geholt hat. Ich weiß natürlich nicht, was intern mit Niko Kovac läuft. Aber rein von den Ergebnissen her, war das sehr gut.
skysport.de: Wie wichtig wäre die Meisterschaft bzw. das Double für Kovacs Position?
Elber: Am Ende zählen natürlich nur Titel. Ich wünsche mir, dass er die beiden Titel holen kann. Einfach ist das nämlich nicht. Das fängt jetzt am Samstag an, dass er ausgerechnet gegen seinen Ex-Verein Frankfurt gewinnen muss. Eine Woche später geht es im Pokal-Finale gegen Leipzig. Wir haben am vergangenen Spieltag gesehen, wie schwer es ist, gegen Leipzig zu spielen. Es ist nicht so selbstverständlich, zwei Titel zu holen. Ich drücke ganz fest die Daumen, dass er das schafft. Wenn er zwei Titel holt, wäre das eine sehr gute Visitenkarte.
skysport.de: Wie und wo werden Sie den Titel-Thriller verfolgen?
Elber: Natürlich im Stadion! Sowas darf man nicht verpassen. Dafür fliege ich die ganze Saison immer hin und her zwischen Brasilien und Deutschland. Ich werde am Samstag definitiv im Stadion sein - und beim DFB-Pokal-Finale auch.
Das Interview führte Lucia Hauck