Der Mittelfeldspieler stand im Team von Trainer Daniel Farke in diesem Jahr immer in der Startelf. Im Interview mit Sky Sport Reporter Sven Töllner spricht er über seine Entwicklung, die Faszination Premier League und über seinen Ex-Klub Werder Bremen.
Sky: Sechster Sieg der Saison - zuletzt gegen Fulham. Beachtlich für einen Aufsteiger. Wie wird in Leeds gefeiert, wenn ihr gewinnt?
Ilia Gruev: So ein Sieg ist natürlich etwas sehr Besonderes in der Premier League - insbesondere als Aufsteiger. Wir wussten, wie schwer das wird. Aber dadurch, dass wir einen strikten Zeitplan haben, orientiert sich alles sehr schnell wieder an der Regeneration und am nächsten Spiel. Klar, nach dem Spiel freuen wir uns zusammen in der Kabine. Aber mehr passiert dann auch nicht - leider.
Sky: Für die Fans sind das Festtage. In Leeds, bei so einem Traditionsverein, löst jeder Dreier wahrscheinlich Volksfest-Stimmung aus, oder?
Gruev: Ja, es ist Wahnsinn. Du siehst, wie verbunden die Fans mit dem Klub sind. Gerade in der zweiten Halbzeit gegen Fulham - wie sehr sie gepusht haben. Und dann der Siegtreffer in der letzten Minute: Da bebt das Stadion.
Sky: Leeds steht zu diesem Zeitpunkt aussichtsreich in der Tabelle. Was sind die wichtigsten Bausteine eurer bisherigen Erfolgsgeschichte?
Gruev: Wir sind sehr zufrieden mit der Position und mit der Punkteausbeute - besonders in den letzten Spielen. Wir haben in den letzten neun Spielen nur eine Niederlage kassiert, hatten dabei auch große Namen: zwei Mal Liverpool auswärts, dazu Newcastle, Chelsea. Unser Erfolgsrezept klingt klischeehaft, aber es stimmt: Wir haben eine sehr homogene Gruppe. Eine Mannschaft, die sich hilft und unterstützt. Das ist auf diesem Niveau entscheidend, weil jede Mannschaft sehr viel Qualität mitbringt.
Sky: Mit Daniel Farke habt ihr einen Trainer mit England-Erfahrung. Was macht ihn aus?
Gruev: Er versucht immer, das große Ganze zu sehen. Das gibt es in dem Geschäft nicht so oft. Wenn wir als Aufsteiger mal zwei, drei Spiele verlieren - was passieren kann -, bleibt er trotzdem ruhig und sachlich. Er hilft uns, gibt uns Dinge mit und bleibt einfach ruhig. In Leeds ist viel los: Fans, Medien, viel Aufmerksamkeit - da wird schnell übertrieben. Aber er sorgt dafür, dass wir ruhig bleiben - auch wenn es läuft. Wir haben einen Weg zusammen und das Ziel ist klar: in der Liga bleiben. Diese Stärke zeichnet ihn aus.
Sky: Du bist nicht stabil in die Saison gestartet, bist inzwischen Stammkraft. Wie liefen die Gespräche mit dem Trainer - und was fordert er von dir?
Gruev: Um ehrlich zu sein: So viel rede ich mit Daniel nicht. Ich weiß, wie er tickt und was er von mir verlangt. Er weiß auch, was er von mir bekommt, wenn er mich aufstellt. Für mich geht es darum, auf dem Feld das Gefühl zu haben, wann was wichtig ist, viel zu reden, der Mannschaft zu helfen. Es ist weniger so, dass wir das ständig besprechen - sondern: Er weiß, was er bekommt, und ich weiß, was ich zeigen muss. Natürlich gibt es Phasen, in denen du warten musst oder nicht die Zeiten bekommst, die du gerne hättest. Aber das gehört zum Geschäft - gerade auf dem Niveau.
Sky: Ist dir das leicht gefallen, geduldig zu bleiben?
Gruev: Natürlich nicht. Aber in England ist das eine Kultur: Spieler, die nicht spielen, versuchen sehr positiv zu sein - und das ist nicht gespielt, sondern ehrlich. Das ist ein Unterschied zu Deutschland. Klar, es gefällt einem nicht. Man läuft nicht glücklich durch den Alltag und alles ist super. Man macht sich Gedanken. Aber ich wusste: Wenn ich weiter Gas gebe, kommt die Chance - und dann muss ich bereit sein. So war es dann auch.
Sky: Ist das auch Teil eurer Teamkultur: alle helfen, alle machen Druck auf die Stammkräfte?
Gruev: Ja, das ist sehr wichtig. Bei uns weiß jeder, dass wir einen ebenbürtigen Ersatz haben. Oft ist es "fifty-fifty", wer spielt. Und wie wir das als Mannschaft handhaben, ist sehr imponierend. Ich habe jeden Tag Spaß, zum Gelände zu fahren, mit den Jungs zu trainieren - und natürlich auch Erfolge zu haben.
Sky: Du hast im Fußball schon einiges erlebt - trotzdem ist die Premier League etwas Besonderes. Was macht die Faszination aus?
Gruev: Mein Traum war immer, in der höchsten Liga zu spielen. Ich habe früher vor allem Bundesliga geschaut - mein Traum war, Bundesliga zu spielen. Der ging in Bremen in Erfüllung. Seit ich in England bin, schaue ich mehr Premier League als Bundesliga. Ich verfolge die Bundesliga noch, aber wenn Premier League läuft, schaue ich es. Viele sagen, es ist die beste Liga der Welt - und die Aufmerksamkeit ist riesig. Ich merke das auch in Bulgarien: Wenn ich Premier League spiele, ist noch viel mehr Fokus drauf. Du spielst gefühlt jede Woche gegen eine Top-Mannschaft. Qualität, Kaderwerte, Stadien - alles ist Wahnsinn.
Sky: Warum schaust du Premier League lieber als Bundesliga - ist der Unterhaltungswert höher?
Gruev: Ich habe das Gefühl, das Spiel wirkt dynamischer. Es wird mehr laufen gelassen. Und wenn ich wählen muss: Bundesliga oder Premier League - dann schaue ich Premier League, weil es schneller wirkt und dadurch eine große Unterhaltung bietet.
Sky: In welchen Bereichen hast du dich durch den England-Wechsel weiterentwickelt - sportlich und persönlich?
Gruev: Die zweite Liga war krass: kein VAR, viel wird laufen gelassen, sehr rustikal. Weil wir aber oft den Ball hatten, hat mir das mit Ballbesitz geholfen. In der Premier League pressen wir sehr hoch, gehen oft Mann gegen Mann. Du musst im Zweikampf bereit sein - das Spiel ist dynamischer und schneller, mit und gegen den Ball. Du musst im Kopf immer da sein, weil jeder Gegenspieler die Qualität hat zu spüren, wenn du kurz unkonzentriert bist. Ein Moment reicht auf dem Level.
Sky: Bist du dadurch ein kompletterer Spieler geworden?
Gruev: Ich glaube schon. Wenn du Erfahrung in verschiedenen Ligen sammelst, verbesserst du dich automatisch. Für mich war es wichtig, einen Schritt aus der Komfortzone zu gehen. Ich war acht Jahre in Bremen - eine sehr schöne Zeit. Aber ins Ausland zu gehen, macht etwas mit dir. Du entwickelst Widerstandskraft. Und Fakt ist: Wenn du in England nicht performst, kommt der nächste - die Klubs sind zahlkräftig. Du musst mental stark sein. Das habe ich am meisten gelernt.
Sky: Wir sind hier in Bremen. Hast du noch eine Verbindung zur Stadt und zum Klub?
Gruev: Auf jeden Fall. Acht Jahre hier - ich hatte eine sehr schöne Zeit. Schule, Internat, die ersten Minuten im Profifußball, Aufstieg mit Werder, dann viele Bundesliga-Minuten. Das ist das erste Mal, dass ich seit meinem Wechsel wieder hier bin. Ich bin mit einem Lächeln gekommen: schöne Stadt, coole Menschen, Freunde. Ich durfte hier die ersten Schritte gehen - das wird immer so bleiben.
Sky: Wie ist der Kontakt zur aktuellen Mannschaft?
Gruev: Ich treffe mich heute auch mit ein paar Jungs. Ich habe noch Kontakt zu Leo (Bittencourt), zu Romano (Schmid), mit Amos (Pieper) ab und zu. Das sind Jungs, mit denen man in Kontakt bleibt - und bleiben wird.
Sky: Wenn du den Bogen von der Kindheit bis zur Premier League spannst: Welche Werte hast du dir bewahrt?
Gruev: Man realisiert das als Spieler gar nicht so. Das kommt eher, wenn Freunde aus Erfurt oder Bremen schreiben: "Du spielst in der Premier League." Ich habe den Sport seitdem ich Fußball spiele immer geliebt - und tue es immer noch. Ich hoffe, das bleibt so, weil das Geschäft drumherum nicht einfach ist. Ich habe dem Fußball immer alles untergeordnet. Egal, welche Entscheidung: Es ging um Fußball. Diszipliniert sein, wissbegierig, sich entwickeln, Gas geben - auch wenn es Phasen gab, in denen es nicht einfach war. Von außen sieht es so aus, als ob alles nur Schritt für Schritt super lief. Aber es gab Zeiten, in denen ich fast keine Spiele hatte. Dann musst du dranbleiben und wissen: Irgendwann zahlt es sich aus. Diese Tugenden will ich behalten.
Sky: Bist du ein Typ, der noch Träume hat - oder komplett im Moment lebt?
Gruev: Eine Mischung aus beidem. Es ist wichtig, im Moment zu leben und zu genießen. Aber ich habe weiter Ziele. Ich bin ein Mensch, der mehr will - und weiß, dass er dazu fähig ist. Hoffentlich erreiche ich diese Ziele in den kommenden Jahren.
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