Lediglich eine halbe Autostunde trennen Bern und Thun geografisch. Stimmungstechnisch liegen aktuell Welten zwischen dem Hauptstadtklub und dem Liganeuling. Nun fiebert eine ganze Region auf das brisante Nachbarschaftsduell hin.
Von Louis Möldner
Eine gefühlte Ewigkeit war der BSC Young Boys das Nonplusultra in der Schweizer Super League. Sechsmal in den vergangenen acht Spielzeiten wanderte die Meisterschale nach Bern. Doch in dieser Saison läuft es bislang so gar nicht rund für YB. Graues Mittelmaß lautet derzeit die bittere Realität. Das Missverständnis mit Trainer Giorgio Contini wurde bereits im Oktober nach nicht einmal einjähriger Amtszeit beendet.
Seoane-Rückkehr verläuft enttäuschend
Unter dem zurückgekehrten Erfolgscoach Gerardo Seoane sollte alles besser werden. Zwischen 2018 und 2021 führte der Ex-Trainer von Bayer 04 Leverkusen und Borussia Mönchengladbach den Berner Sportclub schließlich zu drei teils rauschhaften Meisterschaften am Stück und legte einen beeindruckenden Punkteschnitt von 2,15 pro Spiel hin.
Die niederschmetternde Bilanz seit Seoanes erneutem Amtsantritt: mickrige elf Punkte aus neun Ligapartien. Auch den Rückrundenauftakt setzten die Gelb-Schwarzen mit 1:3 gegen das vom Ex-Bochumer Peter Zeidler trainierte Lausanne-Sports in den Sand. Satte 14 Punkte beträgt für YB bereits der Rückstand auf die Ligaspitze.
Höhenflug nimmt kein Ende am Thuner See
Doch wer thront eigentlich am Platz an der Sonne? Nicht etwa Vorjahreschampion Basel oder der Meister von 2022, FC Zürich, sondern: der Aufsteiger FC Thun. Fünf Jahre lang fristete der Klub aus dem Berner Oberland zuletzt ein tristes Dasein in der Zweitklassigkeit. Erst im zurückliegenden Sommer gelang den Provinzkickern die sehnsüchtig erwartete Rückkehr ins Schweizer Oberhaus.
2022 übernahm Trainer Mauro Lustrinelli in der malerischen Kleinstadt am Thuner See. Die kontinuierliche Weiterentwicklung unter dem 49-jährigen Schweiz-Italiener mündete schließlich im Aufstieg. Wer glaubte, dass der Rausch in der nationalen Eliteklasse ein jähes Ende nehme, sieht sich bislang massiv getäuscht. Der Neuling ist kaum zu knacken, präsentiert sich als brutale Einheit.
Eingespieltes Kollektiv statt teure Stars
Stars? Gibt es keine. Gerade mal rund eine Millionen Euro investierte der Verein, dessen größte Erfolge lediglich in der zweimaligen Teilnahme am Cup-Finale liegen, im vergangenen Sommer in Neuzugänge. Der Kern der Meistermannschaft blieb beisammen. Hinten hält Kapitän Marco Bürki, jüngerer Bruder von Ex-BVB-Keeper Roman Bürki, den Laden dicht. Vorne sorgen Elmin Rastoder und Christopher Ibayi für die Treffer - auf starke 22 Scorer kommt das Sturm-Duo in 20 Partien.
Die Folge: Bereits 14 Siege und 43 Zähler lauten die Superlative. Auch die rund vierwöchige Winterpause vermochte es nicht, den beeindruckenden Lauf des Aufsteigers zu brechen. 3:1 siegte das Sensationsteam beim Grasshopper Club Zürich, hat ein Sechs-Punkte-Polster auf den zweitplatzierten FC St. Gallen, der allerdings noch ein Spiel in der Hinterhand hält. Die Schwergewichte aus Basel (10) und Bern (14) hinken schon weit hinterher.
Knackt das Überraschungsteam auch den großen Nachbarn?
Am Sonntag (14 Uhr) bietet sich dem Überraschungsteam die Gelegenheit, den großen Nachbarn erneut zu ärgern. Für Seoane und die Young Boys dürfte das brisante Nachbarschaftsduell beim Primus schon die letzte Ausfahrt sein, wenn die bisherige Seuchensaison doch noch eine Wendung nehmen soll.
Es steht jedoch mehr auf dem Spiel als nur ein Dreier. Die Kräfteverhältnisse im Kanton Bern sind nach jahrelanger Dominanz des Hauptstadtklubs erheblich ins Wanken geraten, die Favoritenrolle ist wohl erstmals vertauscht.
Stürzt der aufmüpfige Provinzverein auch den kriselnden Serienmeister, scheint die Sensation vom ersten Titelgewinn der Vereinsgeschichte spätestens dann keine ferne Traumvorstellung mehr zu sein.
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