Im exklusiven Interview mit Sky Sport spricht Werder-Trainer Ole Werner über seine Trainingsplanung, seinen Stil und den Jahresauftakt gegen Düsseldorf.
Ganz schön viel unerwünschter Aufruhr im beschaulichen Bremen - Abstieg, wirtschaftliche Beinahe-Havarie, Fan-Aufstand gegen Sport-Boss Baumann, Abgang von Klub-Ikone Marco Bode als Aufsichtsrats-Boss, zuletzt die Last-minute-Absage des geplanten Trainingslagers. Und das alles innerhalb eines halben (!) Jahres.
Nach Florian Kohfeldts Beurlaubung und Markus Anfangs Impf-Skandal-Abgang ist Ole Werner in diesem Zeitraum bereits der dritte Cheftrainer an der Weser. In einer der wildesten Phasen der Werder-Geschichte soll der mit 33 Jahren jüngste deutsche Profi-Trainer für Stabilität und Kontinuität sorgen - und sehr gerne auch für den direkten Wiederaufstieg. Werners Weg: 100 Prozent Konzentration auf das Wesentliche.
Sky Sport: Um rechtzeitig auf Betriebstemperatur kommen zu können, ist vermutlich wichtig, jede Trainingseinheit so gut wie möglich zu nutzen. Wie viel Zeit und Energie wenden Sie für die Erstellung der Pläne auf?
Ole Werner: ''In der Sommervorbereitung ist es eine andere Art der Herausforderung. Da muss man sechs Wochen thematisch strukturieren. Jetzt haben wir tatsächlich sehr wenig Zeit und auch deshalb schon vor der Pause eine detaillierte Analyse der letzten drei Spiele gemacht - vor allem mit den Videoanalysten. Wir haben aber auch die Athletik mit reingenommen und einen Blick auf die gesamte Hinrunde geworfen. Dabei haben wir die Punkte rausgefiltert, bei denen wir in relativ kurzer Zeit etwas verbessern können und uns einen Effekt für die Rückrunde erwarten. Die Struktur steht, aber man sich eine gewisse Flexibilität bewahren, weil sich mal der Trainingsplatz ändert oder durch Corona eben auch mal die Trainingsgruppe. Wir sitzen jeden Morgen zusammen und sprechen die Einheiten durch.''
Sky Sport: Liegen Stift und Zettel neben Ihrem Kopfkissen, falls Ihnen nachts eine gute Trainingsidee in den Kopf schießt?
Werner: ''Nachts denke ich an was anderes - oder an gar nichts. Die Ideen kommen aber permanent und ergeben sich auch aus dem, was die Analysten vorgeben. Wichtig ist, dass man das rausfiltert, was Sinn ergibt und Bestand hat. Die Gedanken schreibe ich dann tatsächlich - da bin ich analog unterwegs - auf einen Zettel. Das Gesamtkonzept liegt aber natürlich digital vor, damit alle Zugriff darauf haben.''
Sky Sport: Aber den letzten Pinselstrich an die Trainingsplanung setzen Sie?
Werner: ''Die Schwerpunkte erarbeiten wir gemeinsam, definieren die größeren Baustelle oder stellen fest, was uns für den weiteren Saisonverlauf hilft. Zum Beispiel, wie wir uns weiterhin viele Torchancen erarbeiten, wenn die Gegner vielleicht noch tiefer stehen als zuletzt - das wird wichtig bleiben. Letztlich muss ich natürlich die richtigen Prioritäten setzen und die Richtung vorgeben.''
''Als Trainer macht man sich nicht immer beliebt''
Sky Sport: Sind diese Planungen eher ein technisch-mathematischer Ablauf, oder ist ein perfekt ausgearbeiteter Trainingsplan auch ein Grund zur Freude, ein sinnliches Erlebnis?
Werner: ''Sinnlich ist das falsche Wort - wenn ich sage, die Trainingsplanerstellung sei ein sinnliches Erlebnis für mich, kommen die falschen Schlagzeilen zustande… (lacht) Aber es gibt schon das Gefühl: Da haben wir uns was Gutes überlegt, da habe ich Bock drauf - und das wird uns helfen. Es bringt Spaß, oder es bringt uns weiter - eine dieser beiden Voraussetzungen sollte mindestens erfüllt sein. Am besten natürlich beide. Wenn ich am Vorabend den Eindruck habe, dass uns was Gutes eingefallen ist, schlafe ich jedenfalls besser.''
Sky Sport: Sie haben als junger Spieler auf hohem Niveau gearbeitet. Lassen Sie diese Perspektive in Ihre Planungen einfließen?
Werner: ''Das hohe Niveau bei meiner eigenen Erfahrung als Spieler würde ich mal in Anführungsstriche setzen, und es ist natürlich auch schon lange her - trotz meines jungen Alters. Ich greife da eher auf meine Trainererfahrung der letzten Jahre zurück und weiß natürlich auch, welche Übungen zielführend sind für die Art von Fußball, die wir spielen wollen. Wir versuchen das mit Spaß zu verpacken - aber die Übung muss uns helfen.''
Sky Sport: Als Trainer kommt man nicht ohne Detailversessenheit und Penetranz aus, die Spielern sicher auch mal auf die Nerven geht. Wie finden Sie das richtige Maß?
Werner: ''Das ist Teil meiner Aufgabe. Ich möchte die Spieler und dadurch die Mannschaft besser machen. Und wenn ich der Meinung bin, dass eine Übung zum sechsten Mal durchgeführt werden muss, dann passiert das halt. Als Trainer machst du dich nicht immer nur beliebt. Das gemeinsame Ziel steht aber nun mal im Vordergrund. Und in der Regel ist es so, dass die Spieler offen für die Vorgaben sind, wenn sie merken, dass die ihnen helfen.''
''Lasse den Spielern Raum für eigene Entscheidungen''
Sky Sport: Wie muss eine Mannschaft Ihrer Ansicht nach charakterlich komponiert sein, um die Erfolgswahrscheinlichkeit zu erhöhen?
Werner: ''Viele Dinge entstehen aus einem gemeinsamen Weg. Aber es braucht sehr wohl eine Hierarchie, Spieler, die eigenverantwortlich Dinge in der Kabine regeln können. Darüber hinaus will ich eine Mannschaft, die erfolgsorientiert arbeitet - im Spiel und in der Trainingswoche. Erfolgsbesessenheit ist mir sehr wichtig. Die kann durch eine sehr aggressive Ausstrahlung entstehen, aber natürlich auch durch ein rationales Auftreten, durch sehr klare Lösungen. Meine Aufgabe ist es, die Mannschaft da abzuholen, wo sie gerade ist.''
Sky Sport: Und wo ist sie?
Werner: ''Ich kann natürlich nur einen sehr kurzen Zeitraum bewerten. Wir haben eine gute Mischung gefunden - aber diese Dinge stehen permanent auf der Probe. Wie man als Gruppe, als Mannschaft, als Verein tickt, zeigt sich besonders dann, wenn der Wind von vorne kommt. Solche Situationen werden wir erleben, da muss man das richtige Gesicht zeigen. Mein Eindruck ist, dass wir dafür die richtigen Jungs in der Kabine sitzen haben.''
Sky Sport: Wie viel Raum für eigenständige Entscheidungen lassen Sie Ihren Spielern auf dem Platz?
Werner: ''Du kannst als Trainer gewisse Spielphasen vorbereiten. Beispielsweise die gegnerische Spieleröffnung über den Torwart - da werden klare Aufgaben verteilt. Wer läuft wen an? Wer sichert welchen Raum? Ansonsten gleicht im Fußball kaum mal eine Spielsituation exakt der anderen. Das sind nur Nuancen, aber da zeigt sich die Qualität einzelner Spieler. Das zu erkennen und die richtigen Lösungen parat zu haben, ist sehr wichtig. Ich versuche der Mannschaft möglichst viele klare Handlungsoptionen mitzugeben - aber es darf kein Korsett sein.''
Auftakt gegen Düsseldorf
Sky Sport: Ermutigen Sie Ihre Spieler dazu, aktiv Einfluss auf die Gruppe zu nehmen?
Werner: ''Wir haben viele Spieler mit einer Menge Erfahrung und denen ist klar, dass ich Raum dafür lasse, dass sie sich auf ihre eigene Art und Weise auf und neben dem Platz einbringen. Ich musste bislang niemandem sagen, dass er doch mal den Mund aufmachen soll.''
Sky Sport: Halten Sie etwas von Teambuilding-Maßnahmen zum Wohle der Gruppendynamik?
Werner: ''Da geht es ja im Wesentlichen darum, dass man gemeinsam positive Dinge erlebt. In einer Fußballmannschaft findet das nun mal hauptsächlich auf dem Platz statt. Es kann schon hilfreich sein, den Nebenmann mal in einer anderen Situation kennenzulernen. Die entscheidenden Impulse werden aber auf dem Platz gesetzt.''
Sky Sport: Vor dem Pflichtspielauftakt gegen Düsseldorf testen Sie am Samstag gegen Hannover. Was ist Ihnen dabei wichtig?
Werner: ''Das ist der Stresstest vorm Ligastart - sicher auch eine Art Generalprobe. Durch den veränderten Rahmen - wir spielen viermal 30 Minuten - haben wir aber auch einfach nochmal die Möglichkeit alle Spieler zu sehen. In den letzten 16 Spielen werden wir - vor allem auch mit dem Blick auf die Corona-Entwicklung - sicher alle Spieler brauchen.''
Sky Sport: Sie machen den gewohnt drahtigen Eindruck. Welchen persönlichen Fitnessplan verfolgen Sie, während Sie die Mannschaft auf die Rückrunde vorbereiten?
Werner: ''Auch mir tut nach den Weihnachtstagen ein bisschen Sport gut - deswegen wird es weiterhin regelmäßige Jogging-Einheiten mit meinen Co-Trainern geben.''
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