Kretzschmar: Hoeneß' Aussagen sind kleingeistig und kleinkariert
Die Handball-Kolumne
27.11.2017 | 11:01 Uhr
Sky Experte Stefan Kretzschmar beleuchtet in seiner Kolumne jede Woche die wichtigsten Themen aus der Welt des Handballs. Dieses Mal analysiert der ehemalige Weltklasse-Linksaußen die Aussagen von Bayern-Präsident Uli Hoeneß.
Die Aussagen von Uli Hoeneß zum Thema Handball haben hohe Wellen geschlagen. Zwar hat sich der Präsident des FC Bayern München nun bei HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann entschuldigt, der Sachverhalt bleibt aber aktuell.
Zunächst einmal: Hoeneß hat mit vielen Aussagen sicher nicht unrecht, allerdings muss man aber auch mal hinterfragen, warum er der Meinung ist, dass Basketball ein Weltsport ist - und Handball eben nicht. Das ist sicherlich nicht falsch, der Grund dafür ist aber einzig und allein die NBA-Profiliga. Sie ist ein Milliardenunternehmen und hat große Strahlkraft auf andere interessante Märkte wie Asien oder Europa - eben aufgrund ihrer finanziellen Möglichkeiten. Da gibt es beispielsweise sehr gut gemachte Videospiele, das schafft einen gewissen „Coolness"-Faktor, der sich positiv auf die Sportart Basketball auswirkt.
Basketball ist nicht beliebter als Handball
Wenn man jetzt aber über den deutschen Basketball und die Bundesliga spricht, dann bin ich nicht der Meinung, dass die Sportart gegenüber dem Handball die Nase vorn hat. Und wenn man dann noch sagt, dass Handball außerhalb von Deutschland überhaupt keine Rolle spielt; ja dann ist das ganz schön arrogant und ignorant gegenüber den Skandinaviern oder den Franzosen. Dort hat mittlerweile auch die Liga eine gewisse Relevanz bekommen. Das ist dem Handball gegenüber sehr ungerecht.
Auch dass Handball wirtschaftlich nichts wert sei, muss man überdenken. Für mich stellen sich die grundsätzlichen Fragen: Warum treibt man Sport? Was kann und soll Sport? Und existiert Sport einzig und allein zum Bemessen eines Wirtschaftsunternehmens? Da bin ich natürlich auch Romantiker! Ich bemesse unseren Sport nicht nur an wirtschaftlichen Maßstäben. Ich weiß auch nicht, ob man sagen kann, dass die Basketballabteilung von Barcelona oder Real Madrid ein wirtschaftlicher Erfolg ist. Gerade, wenn man weiß, dass dort jedes Jahr ein dickes, finanzielles Minusgeschäft gemacht wird.
Da bin ich lieber Handballer. Ich weiß, dass in der DKB Handball-Bundesliga in den meisten Fällen gesund gewirtschaftet wird. Natürlich gibt es auch in Europa mittlerweile einige Mäzene, wenn man beispielsweise nach Paris oder Veszprem schaut. Aber in Deutschland - lassen wir den HSV Hamburg aufgrund seiner Geschichte mal außen vor - wirtschaften fast alle Vereine gesund.
Letztendlich geht es mir aber um die Begeisterung unserer Sportart. Da bin ich auch Patriot und sage, dass Handball für mich attraktiver als Basketball ist. Auch wenn ich Basketball geil finde und auch die NBA oder Alba Berlin verfolge. Aber das Spiel ist eben körperlicher und somit auch attraktiver - da bin ich eben Handball-Fan!
Beim DHB-Team schauen 13 Millionen am TV zu
Schauen wir noch auf die Nationalmannschaften. Die deutschen Handballer geben den Ton an, wir haben nach den Fußballern die beliebteste Nationalmannschaft. Wir sind amtierender Europameister, hatten dabei 13 Millionen Zuschauer vor den Bildschirmen. Auch bei den Olympischen Spielen in Rio war die Leistung sehr ansprechend - und für die Zukunft sind wir stark genug, damit wir um die Medaillen mitspielen können.
Aber auch in anderen Ländern hat die Handball-Nationalmannschaft eine große Relevanz - und damit auch der Sport: Schauen wir nach Skandinavien, nach Kroatien oder nach Frankreich. Also da jetzt zu sagen, Handball sei ein rein deutsches Phänomen - das halte ich für kleinkariert und kleingeistig. Da hat sich jemand in meinen Augen nicht richtig mit der Sportart beschäftigt und informiert. Auch wenn man die Aussage trifft, dass kein deutscher Handballer vom Ausland abgeworben wurde, ist das falsch. Uwe Gensheimer spielt in Paris, Andreas Wolff wechselt nach Kielce.
Und ja: Wenn man die Welt als Maßstab nimmt - wie die Bayern es ja immer gerne tun - dann ist in China oder Amerika sicherlich der Basketball populärer. Das ist aber einzig und allein dem Einfluss der NBA geschuldet. Ich glaube, dass viele Top-Basketballvereine in Europa von der Fußballabteilung abhängig sind. Das braucht man, wenn man so ein großes Budget stemmen möchte. Und ob die Basketballabteilung des FC Bayern überhaupt schwarze Zahlen schreibt, dass darf ja auch mal hinterfragt werden…
"Kretzschmar - der Handball-Talk" jeden Sonntag ab 17:00 Uhr auf Sky Sport News HD und im Stream!