Zum Inhalte wechseln

Nach Karlsson-Abgang: Fehlt der SG Flensburg-Handewitt die Erfahrung?

Fast alle Routiniers weg

Katja Parpart

21.07.2019 | 09:35 Uhr

Nach zehn Jahren bei der SG Flensburg-Handewitt beendet Abwehrchef Tobias Karlsson seine aktive Karriere.
Image: Nach zehn Jahren bei der SG Flensburg-Handewitt beendet Kapitän Tobias Karlsson seine aktive Karriere. © Imago

Mit Tobias Karlsson verliert die SG Flensburg-Handewitt ihren Abwehrchef, Kapitän und Leader. In den letzten Jahren gingen dem Nordklub fast alle Routiniers von Bord. Die große Frage: Wer übernimmt in der Flensburger Mannschaft nun die Verantwortung?

"Ich verliere den besten Abwehrspieler der Welt", sagte Maik Machulla nachdem feststand, dass Tobias Karlsson seine Karriere beenden wird. Der schwedische Abwehrspezialist hat einen Großteil seiner Profikarriere bei der SG Flensburg-Handewitt verbracht, ist längst viel mehr als nur ein Spieler für den Verein. Aus der gesamten Liga wird Karlsson Wertschätzung entgegengebracht. Nicht nur, weil er gegnerische Angriffsreihen regelmäßig zur Verzweiflung brachte, sondern auch aufgrund seines Engagements neben der Platte.

Der „Integrationsminister" wird fehlen

Der 37-Jährige war der "Integrationsminister" im Flensburger Team, hat als Kapitän immer für ein gutes Mannschaftsgefüge gesorgt. Junge Spieler fanden in ihm stets einen Ansprechpartner. Aber auch abseits des handballerischen Alltags setzt sich Karlsson für seine Mitmenschen ein. Vor der EM 2016 in Polen sorgte er für Aufmerksamkeit, weil er mit seiner regenbogenfarbenen Kapitänsbinde auflaufen wollte. Die Europäische Handball-Föderation (EHF) sprach gegen dieses politische Statement ein Verbot aus, was in Handball-Kreisen viel Empörung hervorrief.

"Es ist traurig, dass uns die EHF daran hindert, zu zeigen, wie wir zu Offenheit, Mitgefühl und gleichen Werten stehen", wurde Karlsson auf der schwedischen Verbandsseite zitiert. Für seine offenen Statements erhielt der Schwede von allen Seiten Zuspruch. Er ist bekannt als Anführer, der sich dennoch nie in den Mittelpunkt drängt. Und genau deshalb ist Karlsson ein großer Verlust für den amtierenden Meister. Aber auch Spielgestalter und Torgarant Rasmus Lauge wird der SG-Offensive fehlen. Mit 130 Assists in der vergangenen Saison war Lauge der zweitbeste Ballverteiler der Liga, 136 Treffer aus dem Spiel heraus brachten ihn in die Top-Ten der besten Feldtorschützen.

Den besten Handball live streamen

Den besten Handball live streamen

Mit Sky Ticket die DKB Handball-Bundesliga und die VELUX EHF Champions League ganz bequem live streamen. Einfach monatlich kündbar.

Verlust verdienter Spieler

Generell hat die SG in den letzten zwei Jahren einige hochkarätige Abgänge verkraften müssen. Im Sommer 2017 verabschiedete sich einer der abgezocktesten und routiniertesten Linksaußen der Liga: Anders Eggert verließ die SG nach elf Jahren und kehrte in seine Heimat Dänemark zurück. Ein Jahr später folgte dann der große Umbruch. Mit Spielmacher Thomas Mogensen (2007 bis 2018 bei der SG) und Torwart-Legende Mattias Andersson (2011 bis 2018) wechselten zwei absolute Leistungsträger den Klub.

Zudem gingen Kreisläufer Henrik Toft Hansen und "Joker" Kentin Mahe. Und nicht zuletzt endete 2018 die SG-Karriere von Kreisläufer Jacob Heinl, der seine komplette Karriere in Flensburg verbracht hatte (seit 1994 im Verein). "Es sind richtige Persönlichkeiten, die uns verlassen", sagte SG-Geschäftsführer Dierk Schmäschke damals. Und damit lag er goldrichtig. Das Gesicht der SG Flensburg-Handewitt war nach der Saison 2017/18 ein völlig neues.

preview image 1:45
Tobias Karlsson verabschiedet sich mit der Meisterschaft aus Flensburg.

Machullas kometenhafter Aufstieg

Auch auf der Trainerposition fand eine Veränderung statt, vielleicht die größte von allen. Vor der Saison 2017/18 zog es Ljubomir Vranjes nach Ungarn zum Spitzenclub Telekom Veszprem. Sieben Jahre trainierte Vranjes die Flensburger Mannschaft, zuvor war er als Spieler (2006 bis 2009) und als Teammanager (2009 bis 2010) unter Vertrag. Als Ersatz beförderte die Vereinsführung den bisherigen Co-Trainer Maik Machulla. Viel wurde diskutiert und spekuliert: Kann der als Cheftrainer unerfahrene Machulla die Ambitionen des Vereins erfüllen? Zweifel standen im Raum, ob der junge Coach die Mannschaft unter Kontrolle haben würde.

Mehr dazu

Zunächst schien es so, als behielten die Kritiker Recht. Flensburg startete wackelig in Machullas Debüt-Saison. Doch spätestens als der Coach mit seinem Team die langersehnte zweite Meisterschaft der Vereinsgeschichte holte, hatte er allen sein Können bewiesen. Dem Vranjes-Nachfolger gelang das, was Vranjes selbst nie schaffte. Und wie um zu beweisen, dass das nicht nur Anfängerglück war, wiederholte Machulla den Erfolg in der vergangenen Saison mit dem stark verjüngten Kader.

4:00
Flensburgs Trainer Maik Machulla feiert mit der SG seinen zweiten Meistertitel in Serie.

Andere Spieler rücken in den Fokus

Der SG-Trainer dürfte der beste Beweis dafür sein, dass Flensburg auch nach Karlssons und Lauges Abgang nicht den Kopf in den Sand stecken muss. Ja, außer Holger Glandorf sind nun alle langjährigen Leistungsträger weg. Und ja, mit Karlsson verliert die SG eine sehr wichtige Stütze im Mannschaftsgefüge. Aber es gibt eben immer noch Spieler im Flensburger Kader, die diese Lücken nach und nach auffüllen können.

Auf wen Machulla ab der kommenden Saison setzen wird, wird sich zeigen. In Frage kämen dafür einige Spieler - da wäre zum Beispiel Karlssons Kollege in der Abwehr, Kreisläufer Anders Zachariassen. Auf der Mitte findet sich in Jim Gottfridsson vielleicht ein neuer Leader. Holger Glandorf konnte aus dem Rückraum schon immer Spiele entscheiden. Und auf Rechtsaußen hat die SG mit Lasse Svan ja auch noch einen, der seit Jahren zuverlässig seine Würfe versenkt.

Mehr zur Autorin Katja Parpart

Weiterempfehlen:

Mehr stories