Kühnen Kompakt - die Sky Tennis-Kolumne von Patrik Kühnen
Kühnen: "Federer ist das größte Phänomen in unserem Sport"
18.03.2021 | 20:32 Uhr
Sky Experte Patrik Kühnen beleuchtet in seiner Kolumne die wichtigsten Themen aus der Tennis-Welt. Der ehemalige Davis-Cup-Kapitän und Turnierdirektor der BMW Open in München freut sich auf das Comeback von Roger Federer und ist zugleich sehr gespannt auf den Auftritt des Schweizers in dieser Woche in Doha. Kühnen ist sich sicher: Federer wird noch einmal angreifen und verfolgt einen klaren strategischen Plan mit dem ganz großen Ziel: Wimbledon.
"In einer Vision sehe ich mich mit dem Pokal, " sagt Roger Federer vor seiner Rückkehr auf die ATP Tour beim 250er Turnier in Doha.
Die Visualisierung von Zielen - auch darin ist er ein Meister. Vor seinem Comeback 2017 hat sich Federer sicher auch genau ausgemalt, wie er seine Gegner bezwingen und wieder Titel erringen würde. Das Ergebnis war das wohl bislang größte Comeback in der Geschichte des Tennissports mit dem Triumph bei den Australian Open in einem unglaublichen Fünfsatz-Finale gegen Rafael Nadal.
Ich erinnere mich noch gut an seine Galavorstellungen damals und die hart erkämpften Siege gegen Nishikori, Wawrinka und zum Schluss sogar noch - nach Breakrückstand im fünften Satz - gegen Nadal. Ein Comeback für die Ewigkeit.
Federer erfand sich mit 35 neu
Federer faszinierte mich aber nicht nur mit seiner Fitness nach einem halben Jahr Pause, sondern vor allem durch sein verändertes, deutlich offensiveres Spiel. An und auf der Grundlinie stehend, nahm er die Bälle deutlich früher, teilweise als Halbvolley, spielte noch aggressiver - ganz besonders bei der Rückhand - und verkleinerte so auch das Zeitfenster für seine Gegner und deren Vorbereitung für ihre Schläge. Ein solches Comeback mit einer veränderten, perfekt ausgefeilten Taktik im Alter von 35 Jahren nach einer Knieverletzung hatte keiner kommen gesehen. Federer gewann daraufhin auch die Turniere in Indian Wells und in Miami. In Wimbledon marschierte er 2017 sogar ohne Satzverlust zum Titel.
Für Federer wird es nicht leichter
Vier Jahre später steht Federer erneut vor einem Comeback. Diesmal ist er bereits 39 Jahre, im Sommer wird er 40 und diesmal musste er gleich zweimal am rechten Knie operiert werden.
Für mich ist klar: Wenn Federer zurückkommt, dann ist er topfit, schmerzfrei und hoch motiviert, um wieder um Titel mitzuspielen.
Doch die Konkurrenz ist stärker und größer geworden. Novak Djokovic und Rafael Nadal haben sich kontinuierlich weiterentwickelt und die jüngere Generation mit Spielern wie Daniil Medvedev, Dominic Thiem, Alexander Zverev, Stefanos Tsitsipas und dem zuletzt so unwiderstehlich aufspielenden Andrey Rublev streckt ebenfalls die Hand nach Grand-Slam Titeln aus.
Größte Chancen im Wohnzimmer Wimbledon
Für Federer wird es um ein Vielfaches schwieriger, die Konkurrenz so zu überraschen wie noch vor vier Jahren. Das Niveau im Herrentennis ist gewaltig und hat auch bei den Turnieren ohne Zuschauer aufgrund der Corona-Pandemie nichts eingebüßt, im Gegenteil.
Trotzdem traue ich Federer noch einige Titel zu. Die größten Chancen auf einen Grand-Slam Erfolg sehe ich auf Rasen in Wimbledon.
Phänomen Roger Federer
Für die Tour ist seine Rückkehr ein Segen. Kein anderer Spieler hat diese Strahlkraft für den Tennissport, kein anderer Spieler genießt diesen "fast göttlichen" Status.
Alle Spieler und ganz besonders die jungen Akteure wie Jannik Sinner werden darauf hinfiebern, nun doch noch einmal gegen den Maestro antreten zu dürfen.
Für mich gibt es kein größeres Phänomen in unserem Sport als Roger Federer. Kein anderer Spieler hat dieses Paket aus purer Eleganz und enormer Power auf dem Court und daneben diesen einzigartigen Charme im Umgang mit den Fans und den Medien.
Federer begeistert einfach in allen Belangen. Ich freue mich riesig auf sein Comeback in Doha und werde all seine Matches vom ersten bis zum letzten Schlag genießen.