Sprachmemos, Langeweile, Physio-Ärger: Nagelsmanns neue Fehlerliste!
Die Zeit von Julian Nagelsmann als Bundestrainer neigt sich dem Ende entgegen. Die Fehlerliste des 38-Jährigen ist lang.
02.07.2026 | 01:14 Uhr
Keine klare fußballerische DNA, lückenhafte Kaderzusammenstellung, Kritik an seinem Staff und der Physio-Abteilung, die Auswahl des WM-Camps in Winston-Salem und auch seine schwache interne Kommunikation, die seiner trotzigen Art im Umgang mit der Presse ähnelte und für Verwunderung bei vielen Spielern sorgte - Sky Sport hat sich umgehört und deckt auf, was sich Nagelsmann vorwerfen lassen muss.
Aus den USA berichten Kerry Hau, Florian Plettenberg und Patrick Berger
Die Probleme rund um die Nationalmannschaft sind vielschichtig und nicht alle auf Julian Nagelsmann zurückzuführen. Der Noch-Bundestrainer - das betonen auch immer wieder von ihm trainierte Spieler in Hintergrundgesprächen - zählt fachlich zu den Besten seiner Zunft.
Das blamable WM-Aus im Sechzehntelfinale gegen Paraguay ist aber zweifelsfrei in erster Linie auf mehrere Fehler von Nagelsmann zurückzuführen - weshalb eine Trennung in den kommenden Tagen immer wahrscheinlicher wird.
Was muss sich Nagelsmann vorwerfen lassen? Ein Überblick.
Keine klare fußballerische DNA!
Nagelsmann hat es nachweislich nicht geschafft, die Mannschaft fußballerisch weiterzuentwickeln. Durch das Karriereende von Toni Kroos fehlte dem Coach nach der Heim-EM 2024 vor allem ein echter Leitwolf und Bessermacher im Zentrum.
Joshua Kimmich nach dem Kroos-Abschied weiter als Rechtsverteidiger aufzubieten, war eine falsche Entscheidung und wurde nicht nur öffentlich rege diskutiert - zumal Kimmich während der WM nur selten rechts zu finden war, sondern bei eigenem Ballbesitz immer wieder ins Zentrum zog und sich vielmehr neben den beiden Innenverteidigern am Dreieraufbau beteiligte anstatt vorne für zusätzlichen Druck zu sorgen.
Dadurch war Leroy Sane auf der rechten Außenbahn oft auf sich allein gestellt, was es den gegnerischen Abwehrspielern einfacher machte, Sane zu verteidigen. Der fehlgeschlagene Plan mit Kimmich war nur einer von mehreren taktischen Fehlern, die das deutsche Spiel berechenbarer machten. Auch andere Stars hingen in der Luft. Ex-Kapitän Ilkay Gündogan fällt im Spiegel ein treffendes Urteil über das Aus der deutschen Elf: "Am meisten überrascht hat mich die Ideenlosigkeit auf dem Feld. Ich hatte das Gefühl, dass die Spieler selbst nicht so richtig wussten, was unsere DNA ist."
Ein Kader ohne gelernten Rechtsverteidiger!
Im deutschen WM-Kader steckte reichlich Qualität. Jedenfalls mehr als genug, um das Minimalziel Achtelfinale zu erreichen. Und für Verletzungen von wichtigen Spielern wie Nico Schlotterbeck, Serge Gnabry und Lennart Karl konnte Nagelsmann ebenso wenig wie für die schwachen WM-Leistungen von Hoffnungsträgern wie Jamal Musiala oder Florian Wirtz, die nicht ansatzweise ihr Weltklasse-Potenzial abriefen.
Dennoch versäumte der Bundestrainer es, den Kader vielseitiger zu gestalten. Keinen gelernten Rechtsverteidiger mitzunehmen, um den gescheiterten Kimmich-Plan zu korrigieren, darf dem Bundestrainer in jedem Fall mehr angelastet werden als der Verzicht auf formstarke Spieler wie Said El Mala, Chris Führich, Kevin Schade, Yann-Aurel Bisseck oder Matthias Ginter.
Unklare Rollen, falsche Versprechungen, öffentliche "Eigentore"!
Nicht minder kritisch zu beäugen, ist Nagelsmanns Einteilung von klaren Rollen, die anders als 2024 während des Turniers gar nicht so klar schienen. Im dritten Gruppenspiel wurden plötzlich Malick Thiaw, Pascal Groß und Maximilian Beier eingewechselt - vor Spielern wie Waldemar Anton, Leon Goretzka und Nick Woltemade, die in der Hierarchie klar über den genannten Akteuren anzusiedeln sind.
Nagelsmann rechtfertigte sich hinterher zwar dafür, er hätte in einem Do-or-Die-Spiel anders gewechselt. Aber so verwässerte es das von ihm eingeführte Rollenprinzip und widersprach sich selbst. Der Umgang mit Goretzka ist das beste Beispiel: 2024 noch ausgebootet, holte Nagelsmann den Mittelfeldspieler zurück und stellte ihm in diesem Frühjahr in einem großen Interview mit dem kicker eine wichtige Rolle bei der WM in Aussicht - um ihn im Turnier fallen zu lassen.
Auch Woltemade, der in der Quali fleißig geknipst hatte, spielte bis zum Aus gegen Paraguay keine Rolle. Aus einer spielerisch wie mental geschwächten Position heraus trat der junge Angreifer schließlich beim Elfmeterschießen an - und vergab.
Noch ein Beispiel: Deutschlands bester WM-Knipser Deniz Undav bekam zwar viel Liebe von den Fans, aber wenig Support von seinem Coach. Nach Nagelsmanns "Eigentor" im März rund um das Freundschaftsspiel gegen Ghana gab's auch jetzt nach dem Paraguay-Spiel wieder einen öffentlichen Hieb für den VfB-Star. "Deniz muss den Ball in der ersten Minute querlegen. Der darf den da nie chippen. Dann steht's 1:0 für uns."
Viele Sprachmemos, kaum Einzelgespräche, wenig Nähe!
Hinter vorgehaltener Hand klagten in der Vergangenheit schon immer wieder Nationalspieler über die Art der Kommunikation mit dem Coach. Oft meldete sich Nagelsmann nur in kurzen Sprachmemos via WhatsApp, selten gab es lange Gespräche - vor allem bei Nominierungen. Auf Besuche in Stadien, um sich aktuelle oder potenzielle Nationalspieler live anzusehen, verzichtete der Chefcoach ebenfalls. Bisseck wurde nicht in Mailand besucht, Schade nicht in Brentford. Eine ehrliche und offene Feedback-Kultur sieht anders aus.
Auch rund um die Rückholaktion von Manuel Neuer kommunizierte Nagelsmann schlecht - beziehungsweise überhaupt nicht. Oliver Baumann erfuhr am Sky Sport Mikrofon von seiner Degradierung, nachdem Nagelsmann ihn monatelang im Glauben gelassen hatte, als Nummer eins ins Turnier zu gehen.
Ins Gesamtbild passen auch die jüngsten Aussagen von Ex-Nationalspieler Mats Hummels bei MagentaTV. Der Weltmeister von 2014 erzählte, dass der Bundestrainer ihn rund um die Heim-EURO nicht fair und ehrlich behandelt habe und er sich "irgendwann" mit ihm noch aussprechen müsse. Ähnlich dürften sich auch Niclas Füllkrug und Tim Kleindienst gefühlt haben, denen Nagelsmann noch Wochen vor der WM klargemacht hat, dass einer der beiden als Stoßtürmer mit nach Nordamerika kommt.
Auch während des Turniers soll Nagelsmann nicht viele Einzelgespräche geführt haben. Die Mannschaft soll teils auch erst spät erfahren haben, was der eigentliche Matchplan ist. Seine oft schmallippige und beratungsresistente Art soll er nicht nur im Umgang mit der Presse an den Tag gelegt haben.
Langweiliges Team-Quartier!
Das DFB-Team bezog am 8. Juni das WM-Quartier im Hotel "The Graylyn Estate" in Winston-Salem nahe der Wake Forest University. Nagelsmann hatte das Camp gemeinsam mit der sportlichen Leitung um Rudi Völler und Andreas Rettig sowie dem Teammanagement des DFB ausgesucht. Der große Vorteil: kurze Wege zum Trainingsplatz und dem Airport!
Viele Spieler sollen sich dort jedoch mit zunehmender Dauer gelangweilt und das vorübergehende Teamhotel während der Mini-Vorbereitung in Chicago Downtown vermisst haben. Kapitän Kimmich fragte die Journalisten rund um eine Pressekonferenz nach guten Tipps für freie Tage. Und Woltemade verriet in einem YouTube-Format, er und ein paar Teamkollegen hätten irgendwann sogar Verstecken gespielt, weil ihnen nichts Besseres mehr einfiel.
Wenig Vertrauen in den Nagelsmann-Staff!
Schon vor Turnierbeginn gab es aus Spielerkreisen immer wieder Kritik am Trainerstab, der um mehrere frühere Nagelsmann-Wegbegleiter bei der TSG Hoffenheim erweitert worden war. Der Spiegel schreibt von einer "Wohlfühlblase" für Nagelsmann und zitiert einen anonymen Nationalelf-Insider mit den Worten, seine neuen Assistenten würden ihm "nicht widersprechen".
Anders als Sandro Wagner, der den DFB 2025 verlassen hatte, um seine eigene Trainerkarriere zu verfolgen. Wagner wurde in der Mannschaft geschätzt. Er galt als nahbare Respektsperson mit natürlicher Autorität. Es heißt auch, Wagner habe taktische Inhalte oft einfacher erklärt als Nagelsmann. Das Verhältnis zwischen Nagelsmann und Wagner soll am Ende stark angespannt gewesen sein.
Physio-Ärger!
Nach Informationen von Sky Sport hat sich der DFB bereits Anfang des Jahres von Michael Deiß getrennt - einem bei vielen Spielern beliebten Physiotherapeuten. Deiß soll vor allem Wagner nahe gestanden haben und eine Vertrauensperson für einige Spieler gewesen sein. Er wurde intern ersetzt.
Nun berichten aber Quellen aus dem Umfeld der Mannschaft, dass mehrere DFB-Stars nicht mit der physiotherapeutischen Betreuung im WM-Camp zufrieden gewesen sein sollen. Nach Recherchen von Sky Sport ist auf Wunsch der Spieler um Kapitän Kimmich sogar ein renommierter externer Physio nach Winston-Salem einbestellt worden: Dr. Jürgen Siegele. Der Geschäftsführer und Gründer des Therapie- und Reha-Zentrums Bottwartal in Großbottwar (Region Stuttgart) behandelte in einer separaten Räumlichkeit nahe des Teamhotels eine zweistellige Anzahl von DFB-Spielern und versuchte, die teils ausgelaugten Stars wieder in die Spur zu bringen.
Das Fitnessproblem war der Mannschaft bereits im zweiten Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste anzumerken. Auch gegen Ecuador und Paraguay offenbarten viele Akteure eklatante Zweikampfschwächen und wirkten alles andere als spritzig. Gewiss nicht der Haupt-, aber ein bedeutender Mitgrund für das frühe WM-Aus.
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