Eric Smith (26) ist der Fels mit den feinen Füßen. Der Typ mit dem irren 360-Grad-Blick. Der Spielmacher im Abwehr-Bollwerk des derzeitigen Tabellenführers. Im exklusiven Sky Interview spricht der Schwede über Anschauungsunterricht von Manchester City, Diskussionen mit Fabian Hürzeler und sein großes Vorbild in Sachen Gelassenheit.
Sky Sport: Der FC St. Pauli tritt derzeit mit großer Selbstverständlichkeit auf. Finden Sie, dass Fußball ein einfaches Spiel ist?
Smith: Es gibt zwei Perspektiven. Auf der einen Seite ist es sehr einfach - man muss mehr Tore erzielen als der Gegner. Andererseits wird es permanent komplizierter, weil man an immer mehr Details denken muss. In fünf Jahren wird es vermutlich noch sehr viel umfangreicher sein, was man auf dem Platz beachten muss.
Ist Intelligenz ein entscheidender Faktor?
Natürlich gibt es Teams, die auf fast allen Positionen mit Weltklassespielern besetzt sind - die gewinnen ihre Spiele mit überragender individueller Qualität. Für die meisten Mannschaften geht es aber darum, sich in bestimmten Phasen oder Situationen des Spiels kleine, aber entscheidende Vorteile zu erarbeiten. Das ist auch der Grund dafür, dass die 2. Bundesliga so ein interessanter Wettbewerb ist. Es geht in fast allen Spielen sehr eng zu. Wer präziser in den Details arbeitet und sich mehr kleine Vorteile verschafft, geht als Sieger vom Platz.
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Der FC St. Pauli führt die Liga an. Mit wie viel Spaß gehen Sie derzeit zur Arbeit?
Extrem viel! Heute nicht so sehr, weil heute unsere härteste Trainingseinheit der Woche stattgefunden hat (lacht). Aber je dichter wir an den Spieltag heranrücken, desto größer wird die Freude.
Viele Liga-Protagonisten und Experten halten St. Pauli derzeit für die beste Mannschaft der 2. Liga. Stimmen Sie zu?
Schwer zu sagen. Viele Teams sind auf einem ähnlichen Leistungs-Niveau. Aber es stimmt, wir haben einen guten Lauf. Dafür arbeiten wir permanent sehr hart. Wir dürfen allerdings nicht vergessen, dass gerade mal acht Spieltage rum sind und die Saison noch eine ganze Weile dauert. Wir spielen gut, aber der Tabellenzweite hat genauso viele Punkte wie wir. Man kann also ganz sicher nicht davon sprechen, dass wir die Liga dominieren würden. Der Start war gut.
Die vier aufeinander folgenden Unentschieden - dreimal davon 0:0 - haben sicher genervt. Haben Sie Dinge verändert, um die Torbremse zu lösen?
Wir haben eigentlich nicht wirklich etwas verändert, sondern beharrlich an unseren Prinzipien gearbeitet. Wir sind einfach besser geworden, in dem, was wir tun wollen. Das hat sich zuletzt dann eben auch in Toren ausgezahlt.
Medic, Daschner und Paqarada sind gegangen, Kapitän Irvine stand zuletzt verletzt nicht zur Verfügung. Warum ist trotzdem kein Qualitätseinbruch zu erkennen?
In erster Linie natürlich, weil wir sehr viele großartige Spieler im Kader haben. Dazu kommt, dass wir alle gemeinsam sehr hart daran arbeiten, dass alle im Kader genau wissen, was zu tun ist. Es ist ja bekannt, dass unser Trainer darauf großen Wert legt. Man sieht es in unseren Trainingsspielen: Die sind immer sehr eng. Es passiert nie, dass ein Team das andere vom Platz fegt. Alle sind auf einem ähnlichen Level, und es gelingt dem Klub immer wieder, Spieler zu finden, die sehr genau wissen und akzeptieren, welche Qualitäten gefragt sind, und was sie in die Gemeinschaft einbringen müssen. Natürlich haben wir hohe Qualität verloren, aber das wirft uns halt nicht um.
Spürt man bei den Gegnern, dass der Respekt größer geworden ist?
Das würde ich so nicht sagen. Insbesondere bei den großen Mannschaften wie Schalke oder Hertha spürt man, dass die vor allem Respekt vor sich selbst haben. Aber natürlich kann man auf dem Platz erkennen, dass die Gegner sich auf uns vorbereiten und versuchen, Dinge zu verhindern, mit denen wir erfolgreich sind.
Sie tragen zweifellos eine Menge zum Erfolg bei, indem Sie aus der Abwehr heraus das Spiel entwickeln. Beschreiben Sie bitte mal Ihr Rollenverständnis.
Mein Job ist es, es meinen Mitspielern so einfach wie möglich zu machen, ihren Job zu erledigen. Natürlich beginnt das mit konzentrierter Abwehrarbeit und geht weiter damit, den Ball in die Bereiche zu befördern, in denen die Offensivspieler gefährliche Situationen kreieren und die härteste Aufgabe im Fußball erledigen können: Tore zu schießen.
Ist es nicht noch schwieriger, von hinten die Abläufe zu organisieren?
Das ist tatsächlich schwierig. Aber Tore zu erzielen bleibt die Königsdisziplin. Deshalb bekommen die Torschützen auch zu Recht die meiste Anerkennung. Die Abwehrarbeit macht das ganze Team, alle arbeiten für- und miteinander. Das Tor schießt nur einer, der hat in dem Moment die alleinige Verantwortung.
Stört es Sie, dass die Torjäger die größte Aufmerksamkeit erhalten?
Absolut nicht! Ich habe nun mal mein Fußballerleben meistens hinten verbracht, bin also auch nicht daran gewöhnt, fürs Tore schießen gefeiert zu werden. Lasst uns die Spieler bejubeln, die die Treffer erzielen.
Ihr Trainer Fabian Hürzeler zeigt Ihnen Sequenzen von internationalen Topteams. Wie kann man sich das als Zweitligist zunutze machen?
Natürlich lernt man etwas, wenn man sich die stärksten Mannschaften der Welt anschaut. Das heißt nicht, dass man genau so spielen kann, denn da treten die derzeit besten Spieler gegeneinander an. Man kann den ManCity-Stil nicht kopieren, aber beobachten, wie die Spieler sich in bestimmten Situationen verhalten - individuell und als Team. Das zu adaptieren, kann sich auch auf unser Spiel positiv auswirken. Ein paar Elemente von Manchester City oder Brighton kann man eventuell in unserem Spiel wiederfinden.
Sind Sie dann John Stones in diesem Szenario?
(lacht) Nein, nein, nein! Ich werde mich auf gar keinen Fall mit einem Premier-League-Spieler vergleichen. Aber es ist natürlich interessant und hilfreich zu beobachten, wie solche Spieler ihre Aufgaben lösen.
Sie haben Ihr Leistungslevel in Hamburg kontinuierlich gesteigert. Wie arbeiten Sie an sich?
Verletzungen haben einfach immer eine große Rolle in meiner Karriere gespielt. Meine ersten beiden Jahre in Hamburg wurden dadurch überschattet. Es ist hilfreich, wenn ich in der Lage bin zu trainieren und regelmäßig zu spielen. Immer wieder zu pausieren und sich wieder herankämpfen zu müssen, kostet sehr viel Kraft. Konstant arbeiten zu können, ist extrem wichtig und sorgt dafür, dass mein Körper sich in dem gewünschten Zustand befindet. Mein Fokus liegt hauptsächlich darauf, gesund zu bleiben und Verletzungen zu vermeiden.
Haben Sie Gewohnheiten verändert?
Nein, ich esse wie immer und habe auch meinen Schlafrhythmus nicht verändert. Ich passe einfach sehr viel besser auf, welche Signale mein Körper sendet und gehe sofort zu den Physios und den Ärzten, wenn mir etwas auffällig vorkommt. Ich bin nicht der professionellste Spieler von allen, aber ich bin sehr wachsam, wenn mein Körper sich meldet.
Nicht der Professionellste - wie meinen Sie das?
Natürlich bin ich professionell. Aber da gibt es verschiedene Abstufungen. Mir ist es wichtig, mich gut zu fühlen. Das ist sicherlich eine Typ-Frage. Noch professioneller zu leben, sich dabei aber unter Stress zu setzen, hilft mir nicht. Ich glaube, dass ich eine gute Balance gefunden habe, um sicherzustellen, dass ich auf meinem höchstmöglichen Level auf den Platz gehen kann.
Die Art des Spielaufbaus beim FC St. Pauli erfordert offensichtlich das höchste Konzentrations-Level. Wie sorgen Sie dabei für die angemessene Risiko-Balance?
Wir wollen in allen Belangen immer besser werden. Und das ist eine Komponente, an der wir sehr viel arbeiten. Wir wollen das Spiel von hinten entwickeln und möglichst auf lange Bälle verzichten. Das üben wir permanent und davon profitieren wir im Spiel. Natürlich fällt das leichter auf dem Trainingsplatz, als wenn 30.000 Menschen am Millerntor schreien. Das ist etwas, wo man hineinwachsen muss. Wir sind uns darüber im Klaren, dass das nicht ganz ungefährlich ist. Wenn man in dem Bereich des Spielfeldes den Ball verliert, fällt wahrscheinlich ein Tor für den Gegner. Aber wir sind bereit, dieses Risiko einzugehen und haben uns alle damit einverstanden erklärt, dass das auch mal schiefgehen kann. Der Profit, den wir daraus ziehen, ist aber viel mehr wert. Im Fußball muss man Risiken eingehen, momentan tun wir das meist erfolgreich. Und das sorgt dafür, dass das Vertrauen in unsere Spielweise immer größer wird.
Wie entscheiden Sie, wann Sie sich ins Offensivspiel einschalten - Instinkt oder Überlegung?
Ich folge da eher meinen Instinkten - insbesondere während des letzten Spiels war Fabian nicht allzu glücklich damit. Er war auf meiner Seite des Spielfeldes - ich konnte das also sehr deutlich hören (lacht). Sieht so aus, dass ich meine Ausflüge künftig etwas besser dosieren muss. Es muss halt klar sein, dass kein Chaos entsteht, wenn ich mich weiter vorne ins Offensivspiel einschalte.
Besprechen Sie diese unterschiedlichen Wahrnehmungen nach dem Spiel mit Hürzeler?
Ja, natürlich. Mit ihm über Fußball zu diskutieren ist äußerst interessant. Wir haben zunächst nicht immer dieselbe Meinung, aber diskutieren dann so lange bis wir fast immer zu einer Einigung finden. Er ist der Trainer und natürlich wird letztlich das gemacht, was er sagt.
Diskutieren Sie mit Ihm auch Ihre gemeinsame Vorliebe für Tattoos?
Nicht so sehr - aber es ist ja offensichtlich, dass meine Tattoos besser aussehen als seine (lacht). Ich denke, darauf können wir uns alle einigen.
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Sie agieren nahezu fehlerfrei trotz hohen Gegnerdrucks. Haben Sie den eingebauten 360-Grad-Blick?
Nein. Du musst natürlich immer auf der Hut sein und Lösungsmöglichkeiten für die Situationen im Kopf haben, bevor sie entstehen. Es ist wichtig, die Lage auf dem Feld so zu scannen, dass man nicht überrascht werden kann und möglichst genau weiß, wo die gegnerischen Spieler sich befinden. Wir trainieren diese Abläufe so häufig und intensiv, dass ich eigentlich immer weiß, welche Optionen mir zu Verfügung stehen. Die Gegner versuchen das natürlich zu verhindern. In einigen Spielen haben sie versucht, mich hart in Manndeckung zu nehmen - das macht es etwas komplizierter, aber wir haben eigentlich immer eine gute Idee, um damit umzugehen.
Sie scheinen nie die Ruhe und die Beherrschung zu verlieren…
Ich verliere in jedem einzelnen Training die Beherrschung (lacht). Wenn man in diesem Bereich des Spielfeldes agiert, muss man natürlich eine bestimmte Ruhe am Ball mitbringen und darf sich nicht zu leicht unter Stress setzen lassen. Natürlich bin ich dabei nicht immer völlig entspannt. Es kann schon sehr stressig werden, wenn man aggressiv angelaufen wird. Es freut mich natürlich, dass es offenbar nach Gelassenheit aussieht. Das Schlimmste, was man in diesen Situationen machen kann, ist, den Ball nicht haben zu wollen. Es ist das oberste Prinzip, seinem Mitspieler helfen zu wollen. Auch wenn man das gerade nicht ideal findet, muss man sich anspielbereit zeigen, Lösungen anbieten und cool bleiben.
Wer ist Ihrer Ansicht nach die coolste Person der Welt?
Meine Mutter.
Sie hat es Ihnen vererbt?
Offenbar ist das genetisch (lacht). Manchmal habe ich das Gefühl, ich muss ihren Puls checken, weil sie einfach immer total gelassen bleibt. Sie ist definitiv einer der fantastischsten Menschen der Welt. Ich versuche in jeder Hinsicht von ihr zu lernen. Das gelingt mir immer besser, je älter ich werde. Okay, was Probleme auf dem Fußballfeld anbelangt, hat sie keine Ahnung. Aber im Leben hat sie immer eine Lösung für alle Schwierigkeiten und bleibt dabei unglaublich gelassen.