Nagelsmanns unterschätzter Gamechanger
Neben Doppelpacker Deniz Undav und Mittelfeldmotor Felix Nmecha hatte auch Nadiem Amiri einen wesentlichen Anteil am Comeback des DFB-Teams gegen die Elfenbeinküste.
22.06.2026 | 09:53 Uhr
Nadiem Amiri erlebte im WM-Stadion von Toronto einen der schönsten Nachmittage seiner Karriere. Über einen unterschätzten Spieler, von dem nicht nur Julian Nagelsmann schwärmt.
Aus dem deutschen WM-Quartier in Winston-Salem berichten Kerry Hau und Patrick Berger
Es war ein Sommertag mit Sommermärchenstimmung!
Als sich die kanadische Millionenmetropole Toronto schon mehrere Stunden vor Beginn des zweiten Gruppenspiels gegen die Elfenbeinküste in ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer verwandelte und knapp 12.000 Fans unter Sprechchören gemeinsam zum Stadion marschierten, fühlte sich die WM nicht wie ein Turnier auf einem fremden Kontinent an - sondern wie ein großes Familienfest.
Für Nadiem Amiri sogar in doppelter Hinsicht!
Weil ein Großteil der Familie seiner Mutter in Toronto lebt, hatte der Mainzer Mittelfeldspieler bereits vor der Partie eine Herausforderung zu bewältigen: Er musste 25 Eintrittskarten für Angehörige und Verwandte besorgen.
Diese Herausforderung meisterte er genauso gründlich wie die Aufgaben, die ihm Julian Nagelsmann in der 60. Minute mitgab, als er ihn vor den Augen seiner stolzen Familie gemeinsam mit Deniz Undav und Jamie Leweling für Leroy Sane, Jamal Musiala und Aleksandar Pavlovic beim Stand von 0:1 einwechselte.
Amiri-Assist zum Ausgleich
Nur acht Minuten dauerte es, bis Amiri mit einer perfekt getimten Flanke den wichtigen 1:1-Ausgleich durch Undav einleitete - und, gefolgt von vielen weiteren starken Aktionen mit und ohne Ball, zu einem der Gamechanger gegen die Ivorer avancierte.
Ein weiteres Tor von Undav in der vierten Minute der Nachspielzeit, das den 2:1-Sieg und ersten Einzug in die K.o.-Phase seit 2014 sicherte, rundete Amiris Bilderbuch-WM-Premiere ab.
"Das Spiel so zu drehen, mit der Vorlage zum 1:1, und dann zu gewinnen - das war das perfekte Debüt für mich", sagte der 29-Jährige, der sich vor allem dankbar für die Chance zeigte, die der Bundestrainer ihm gegeben hatte.
Amiri und Nagelsmann mit langer gemeinsamer Geschichte
"Ich hätte auch andere Spieler einwechseln können", meinte Nagelsmann. Beispielsweise Leon Goretzka oder Angelo Sitller. Aber er entschied sich für Amiri. "Weil Nadiem keiner ist, der Zeit braucht, um auf das richtige Emotionslevel zu kommen. Der ist sofort da."
Keiner kann das besser beurteilen als Nagelsmann. Ihn und Amiri verbindet eine lange gemeinsame Geschichte, die einst in Sinsheim ihren Ursprung fand. 2014 wurden sie A-Jugend-Meister mit der TSG Hoffenheim, ehe Nagelsmann dem gebürtigen Ludwigshafener mit afghanischen Wurzeln den Weg in den Profifußball ebnete.
Es entwickelte sich eine Vertrauensbeziehung, die Amiri auch in schwierigen Momenten in seiner Karriere half - besonders in einer Phase, in der er bei Bayer 04 Leverkusen strauchelte und zwischenzeitlich nach Italien zum CFC Genua verliehen wurde. Der Kontakt zu seinem nur neun Jahre älteren Mentor riss nie ab und wurde intensiver, als Nagelsmann den Bundestrainer-Job antrat und Amiri in Mainz mit starken Leistungen auf sich aufmerksam machte.
Amiri genießt hohen Respekt innerhalb der Mannschaft
Das zahlte sich schon während der WM-Qualifikation aus, als er bereits häufiger Schwung ins deutsche Spiel brachte - aber vor allem am Samstag in Toronto. Der in der öffentlichen Wahrnehmung oft unterschätzte Amiri trug einen wesentlichen Teil zum Sieg bei.
Nach Abpfiff folgte das verdiente Familienfoto - später bei Instagram von seinem Bruder Nauwid gepostet. Für Amiri, dessen Familie in den 1980er Jahren aus Afghanistan nach Deutschland geflohen war, markierte dieses Spiel mehr als nur einen sportlichen Erfolg. Es war die Bestätigung eines langen, nicht immer einfachen Wegs - und ein Beweis, warum Nagelsmann und seine Mitspieler ihm blind vertrauen.
Innerhalb der Mannschaft genießt Amiri hohen Respekt - aber nicht nur sportlich. Er gilt als Teamplayer mit offenem Ohr und gutem Humor, der zusammen mit seinen "Buddys" Leroy Sane und Antonio Rüdiger für ausgelassene Stimmung in der Kabine sorgt. Ein Spieler, den jede Mannschaft braucht.
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