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Handball News: Sky Experte Henning Fritz im exklusiven Interview

Fritz: "Beim THW ist die Leistung auf zu wenigen Schultern verteilt"

Isabel Barquero Pena

29.09.2020 | 21:16 Uhr

Henning Fritz Sky
Image: Sky Experte Henning Fritz freut sich auf die neue Saison. © Imago

Die Handball-Saison ist mit der Champions League bereits in vollem Gange, am Samstag steht der Pixum Super Cup 2020 zwischen dem THW Kiel und der SG Flensburg-Handewitt an. Sky Experte Henning Fritz im Interview über das Duell, den Ligastart und deutsche Torhüter-Hoffnungen.

Fast sieben Monate ohne Handball - wie haben Sie ihre freie Zeit verbracht?

Henning Fritz: In der Anfangszeit habe ich versucht, mich selber zuhause fit zu halten. Ich habe Dinge getan, die ich vielleicht sonst Jahre vor mir hergeschoben habe, Ordnung geschaffen und die Wohnung auf Vordermann gebracht. Als dann all das erledigt war, habe ich mehr oder weniger auf die Konserve zurückgegriffen, mir ältere Spiele angeguckt - eigene, aber auch aus dem letzten Jahr. Als die dann auch alle angesehen waren, wurde die Vorfreude auf das, was vor uns steht, immer größer. Deswegen kann die Saison jetzt endlich losgehen.

Am Samstag steht der Pixum Super Cup 2020 zwischen dem THW Kiel und der SG Flensburg-Handewitt an. Was erwarten Sie für ein Spiel nach dieser langen Pause?

Fritz: Solche Spiele zu so einer Phase der Saison sind nicht immer unbedingt aussagekräftig. Interessant ist natürlich, dass beide Mannschaften in der Champions League aktiv gewesen sind. Flensburg hat jetzt schon mit zwei sehr guten Siegen aufwarten können. Der THW hat nur einmal gewonnen. Ich erwarte ein offenes Spiel. Ich denke nicht, dass viel taktiert wird. Sie werden versuchen, neue Konstellationen zu spielen, um sich vielleicht noch nicht in allen Bereichen in die Karten schauen zu lassen. Ich sehe eher den Ansatz, dass die Trainer den Super Cup als Testfeld nehmen werden, um Dinge auszuprobieren.

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Die Spieler der SG Flensburg-Handewitt und des THW Kiels freuen sich auf den Saisonauftakt beim Pixum Super Cup - das Spiel läuft am Samstag, 26. September ab 20:30 Uhr frei empfangbar auf Sky Sport News (Videolänge: 26 Sekunden).

Auf der einen Seite Kiel als amtierender Meister mit Weltstar Sander Sagosen, auf der anderen Seite hat Flensburg PSG geschlagen, dadurch sind sie natürlich motivierter. Wer wird sich am Ende durchsetzen?

Fritz: Das wird abhängig von der Tagesform sein. Welche Mannschaft kommt besser ins Spiel, welches Torwart-Duo hält in der entscheidenden Phase die Bälle? Von daher ist das Ergebnis völlig offen, ich erwarte trotzdem eine Schlacht, die den Fans Freude macht. Der Sieger ist mir in der Form eigentlich egal, ich wünsche mir ein attraktives Handballspiel, dass viel Abwechslung bringt und entsprechend der Bessere am Ende gewinnt.

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Der Sieger ist Ihnen egal, aber haben Sie trotzdem einen Favoriten?

Fritz: Da ich Flensburg als Favorit auf die Meisterschaft in der Bundesliga gesetzt habe, sehe ich auch die SG in diesem Spiel als Gewinner.

Warum tippen Sie auf Flensburg?

Fritz: Ich glaube, dass Flensburg in der Konstellation, wie sie von den Spielern zusammengestellt sind - sehr jung, variabel und flexibel - die Verantwortung auf viele Schultern verteilt. Da sehe ich beim THW die Problematik, sie haben mit Sander Sagosen natürlich den momentan überragenden Handballer. Mit Domagoj Duvnjak haben sie auch einen Spieler, der die letzte Dekade geprägt hat. Beim THW ist die Leistung aber auf zu wenig Schultern verteilt. Sie haben natürlich weitere, sehr gute Spieler, aber die Bündelung der Last ist doch auf wenigeren Spielern als es bei den Flensburgern der Fall ist. Deswegen sehe ich über die gesamte Saison hinweg die SG dort leicht im Vorteil.

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Sky Experte Henning Fritz spricht vor dem Saisonauftakt der DKB Handball-Bundesliga. (Videolänge: 7:34 Minuten)

Obwohl die Jungs um Trainer Maik Machulla mit vielen Verletzungen zu kämpfen haben und der eingespielte Innenblock aktuell wegfällt?

Fritz: Man sieht ja, dass sie die beiden Spiele in der Champions League gegen Kielce und Paris trotzdem gewonnen haben. Wenn dann noch die Kreisspieler Golla, Heindl und Hald zurückkommen, wären sie ja noch stärker. Ich sehe natürlich auf der anderen Seite beim THW, dass sie mit Duvnjak einen haben, der die letzten Jahre sehr viele Spielanteile hatte, dadurch wird die Verletzungsanfälligkeit etwas größer. Auch Steffen Weinhold ist jemand, der mit vollem Körpereinsatz spielt, dadurch aber auch eine höhere Verletzungsanfälligkeit hat. Wenn gerade diese Säulen wegfallen, werden aus meiner Sicht die Optionen schwerer.

Am Donnerstag, 1. Oktober, startet die LIQUI MOLY HBL - was erwarten Sie für eine Saison nach dieser turbulenten Corona-Zeit?

Fritz: Erstmal freue ich mich, dass die Saison wieder beginnt. Ich erwarte erneut spannende Spiele. Ich wünsche den einzelnen Spielern, dass sie gut in die Spielzeit starten, aufgrund dessen, dass sie wenig Spielpraxis erlangen konnten. Ansonsten glaube ich nicht, dass wir große, neue Erkenntnisse bekommen werden - was das Spiel generell betrifft. Es wird spannend, inwieweit die Mannschaften den vielen Spielen Tribut zollen müssen. Ansonsten überwiegt eher die Vorfreude, so geht es auch den Fans. Dass wir endlich wieder live Handball sehen können - hier bei Sky. Aber dann auch hoffentlich Schritt für Schritt in den Hallen, weil die Atmosphäre wünschen wir uns alle wieder zurück. Das ist aber auch der Lohn für die Spieler - vor einer vollen Halle zu spielen. Daher würde ich mich freuen, Schritt für Schritt wieder zu normalen Verhältnissen zu kommen.

Das wir schon ein Lernprozess für diese Mannschaften sein, mit dieser neuen Situation klar zukommen.
Der ehemalige Welthandballer über die aktuelle Fan-Situation

Wie wird es vor allem für die kleineren Teams sein, mit wenig Zuschauern? Die leben ja auch von der Stimmung und der Atmosphäre bei den Heimspielen…

Fritz: Der Handball lebt von Emotionen, gerade die Mannschaften die im unteren Drittel stehen, haben die Möglichkeit, durch das Publikum im Rücken sportlich stärkere Teams zu schlagen. Und das kann natürlich in der Form ein Nachteil sein, da wir uns mehr oder weniger auf neutralem Boden bewegen, wenig Emotionen von außen dazukommen. Damit haben die Mannschaften, die auf dem Papier leistungsstärker sind, in dem Fall auch einen Vorteil.

Wie schwierig ist es denn für eine Mannschaft, wenn die Halle so ruhig ist? Verfällt man da nicht eher in einen Testspiel-Modus?

Fritz: Das ist wie Training, das ist nicht vorstellbar. Wir kennen das eigentlich gar nicht. Die Mannschaften, die im oberen Drittel stehen, sind es gewohnt, zuhause vor vollen Rängen zu spielen. Oder wenn sie woanders hinkommen, ist die Halle ebenfalls voll, weil die Fans diese Mannschaften sehen wollen. Und jetzt spielen sie in einer leeren Halle oder in einer Halle, die nur zu 20 Prozent befüllt ist. Da kann niemals diese Atmosphäre aufkommen. Das wird schon ein Lernprozess für diese Mannschaften sein, mit dieser neuen Situation klar zukommen. Und das wird auch mitentscheidend sein, welches Team damit am besten umgehen kann.

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Wie sehr könnte der Handball darunter leiden, wenn es wieder zum Lockdown kommt und die Saison abgebrochen werden muss?

Fritz: Ich glaube, dass sich alle Verantwortlichen bewusst sind, wie angespannt diese Situation ist. Im Spitzensport geht es natürlich darum, diesen betreiben zu können. Und das geht nur mit Geld und dieses Geld wird natürlich immer weniger. Auf der einen Seite konnte kein Verein Dauerkarten bisher verkaufen, weil keiner genau weiß, wie viele Zuschauer in den Hallen erlaubt sind. Auf der anderen Seite wissen wir nicht, wo sich ökonomisch die Reise hinbewegt - auch bei den Sponsoren. Im Moment ist überhaupt keine Planbarkeit möglich. Und das macht es für jeden Verein und Verband sehr schwer. Es ist umso wichtiger, dass wir solidarisch denken - auch wenn am Ende jeder Verein doch auf sich gerichtet ist.

Von welchem Team sind Sie überzeugt, dass sie in dieser Saison überraschen werden?

Fritz: Ich wünsche mir von Melsungen, dass sie überraschen. Weil eigentlich vom Potenzial her haben sie diese Power, die absoluten Spitzenmannschaften anzugreifen. Sie sind in den letzten Jahren - aus meiner Sicht - immer unter ihren Möglichkeiten geblieben. Es ist ihnen nicht immer gelungen, über 60 Minuten das Potenzial abzurufen, was jeder Einzelne kann. Sie müssen sich noch mehr als Team darstellen. Sie wirken nicht immer ganz harmonisch.

Sie müssen sich noch mehr als Team darstellen. Sie wirken doch nicht immer ganz harmonisch.
Henning Fritz über die MT Melsungen

Sehr gut sind sie aber nicht gestartet, in der ersten Runde aus der European Handball League ausgeschieden…

Fritz: Leider nicht (lacht). Das bestätigt eigentlich meine Einschätzung der letzten Jahre. Ich hoffe trotzdem, dass sie in die Liga etwas besser starten, um einfach diesen Kampf um die Meisterschaftsplätze spannender zu gestalten.

Sie als Torwart-Ikone: Welcher Torhüter könnte in dieser Saison zum Überflieger werden? Wer ist für Sie eine Nachwuchshoffnung?

Fritz: Ich bin gespannt, wie sich die jungen deutschen Torhüter Till Klimpke von der HSG Wetzlar und Christopher Rudeck vom Bergischen HC schlagen, sie haben großes Potenzial. Es würde mich freuen, wenn sie die Leistung, die sie im letzten Jahr gebracht haben, weiter steigern können, um erstmal den Kampf um die Nationalplätze weiter zu eröffnen, aber auch um ihre Mannschaften entsprechend im Kampf um bessere Platzierungen zu unterstützen.

Die beiden sind zwar schon eine Weile in dieser Liga drin, trotzdem aus meiner Perspektive immer noch Nachwuchstalente, weil sie auf jeden Fall noch Potenzial haben, sich zu entwickeln. Ansonsten weiß ich, dass wir im Jugendbereich viele gute Torhüter haben, da geht es aber doch eher darum, dass sie die Chance bekommen müssen, bei Spitzenmannschaften Spielanteile zu bekommen. Wenn man dann merkt, dass die auch nur mit Wasser kochen, dann ist dieser Schritt in den Spitzenbereich (manchmal) schnell. Ich würde mir wünschen, dass der ein oder andere Nachwuchstorwart diese Chance bekommt, um sich präsentieren zu können.

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Holger Glandorf erwartet spannende Handball-Saison. (Länge:

Abschließend gehen wir noch kurz auf die WM 2021 im Januar in Ägypten ein: Soll diese stattfinden?

Fritz: Es ist keine Frage, die man nur mit Ja oder Nein beantworten kann. Auf der einen Seite reden wir von dem Gesundheitsaspekt in der momentanen Situation, dann die Situation der möglichen Überbelastung für die Spieler. Auf der anderen Seite haben wir den Punkt, dass unsere Sportart sich ganz klar definiert und zeigt, über diese internationalen Wettkämpfe. So haben wir beispielsweise von der WM 2007 sehr stark profitiert, weil wir einfach eine große Aufmerksamkeit auf unsere Sportart lenken konnten. Das sind alles Punkte, die man - wenn es darum geht, Entscheidungen treffen zu müssen - abwägen muss, um dann eine gute Entscheidung für alle zu treffen. Am Ende lebt der Handball nun mal von wirtschaftlicher Unterstützung, und wenn wir nicht diese Präsenz haben durch diese Turniere, dann wird es auch schwer sein für die Manager, diese Sportart weiter zu finanzieren.

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