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Werder Bremen im Abstiegskampf: Wie geht es an der Weser mit Trainer Kohfeldt weiter

Auf der Suche nach dem Timing: Werder vor schweren Wochen

Sven Töllner

15.02.2020 | 18:22 Uhr

Trotz großem Vertrauen von der Bremer Führungsriege wird die Luft für Trainer Florian Kohfeldt allmählich dünner.
Image: Trotz großem Vertrauen von der Bremer Führungsriege wird die Luft für Trainer Florian Kohfeldt allmählich dünner. © Imago

Vor dem schweren Spiel bei RB Leipzig wählt Werder Bremen das Hilfsmittel Trainingslager. Zum richtigen Zeitpunkt? Das wird die Zukunft zeigen - die bisherige Spielzeit beweist allerdings, dass das Timing nicht immer Werders Freund war.

Der Aufbruch ins Leipziger-Krisen-Camp kommt ungewöhnlich frühzeitig. Bereits nach dem 21. Spieltag macht Werder das, was die Verzweifelten der Liga traditionell Ende April als Manöver der letzten Hoffnung aus dem Hut zaubern. "Wir wollen auf nichts warten", erklärt Trainer Florian Kohfeldt. Insbesondere nicht auf den Zeitpunkt, ab dem nichts mehr zu retten ist.

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Bundesliga: Florian Kohfeldt spricht über Bremens Kurztrainingslager (Videolänge: 33 Sekunden).

Bodes Treuschwur als Problem?

Mit dem Timing ist es in dieser Saison aber ohnehin so eine Sache bei Werder Bremen. Aufsichtsrats-Boss und Werder-Legende Marco Bode hatte bereits im Dezember den ultimativen Treuschwur geleistet und seinen Mitstreitern und sich selbst die Carte blanche ausgestellt. Bode-Baumann-Kohfeldt - in dieser Konstellation geht es in den Kampf um den Klassenerhalt. Am liebsten mit erfolgreichem Abschluss. Und wenn nicht? Dann ändert sich auch nichts.

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Natürlich hat Bode bei seinem Vorstoß nicht den schlimmsten anzunehmenden Verlauf im Sinn gehabt. Der Chefkontrolleur der Geschäftsführung wollte Stabilität ausstrahlen, Geschlossenheit vermitteln, den Beteiligten den Rücken stärken. Die Hoffnung, dass als Konsequenz daraus ein Ruck im Klub entsteht, der zu positiven Ergebnissen führt, hat sich nicht erfüllt.

Union-Pleite ein brutaler Aufprall

Eigentlich ist seit dem alles nur noch schlimmer geworden. Es gibt starke Stimmen im Umfeld des Vereins, die Bodes offenbar wohlkalkulierte Äußerung für ein fatales Signal und den Startschuss für eine nachlässige Grundhaltung im grün-weißen Kosmos halten, die sich bis auf den Platz auswirkt. Ein Eindruck, den die Mannschaft bislang nicht widerlegen konnte.

Selbst beim Rückrundenauftakt-Sieg in Düsseldorf lief vieles unrund, gegen Hoffenheim, in Augsburg und zuletzt gegen Union Berlin sorgte ein rasanter Abwärtstrend für Panik. Die schlimme Heimpleite gegen den Aufsteiger fiel durch den spektakulären Pokal-Coup gegen Dortmund sogar noch heftiger ins Gewicht. Der Annahme, der Energiesieg gegen den BVB würde Kräfte und verborgene Potenziale freisetzen, wurde brachial die Grundlage entzogen. Ein brutaler Aufprall!

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DFB-Pokal, Achtelfinale: In der Liga die Mannschaft der Stunde, im Pokal aus allen Träumen gerissen: Borussia Dortmund hat sich bei Werder Bremen einen völlig unerwarteten Ausrutscher geleistet.

Seit dem 0:2 ist die Angst vor dem Abstieg im Schatten der traditionsreichen Spielstätte, die jetzt Wohninvest Weser-Stadion heißt, nicht nur dezent spürbar - sie ist praktisch mit den Händen zu greifen. Frustration und Verzweiflung machen überdies nicht am Osterdeich Halt. Der Mief des drohenden sportlichen Absturzes verpestet die Atmosphäre bis hin zu den Stadtmusikanten und befeuert sehr konkrete Sorgen.

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Zweiter Abstieg der Vereinsgeschichte droht

Einer Studie von 2018, die noch immer als belastbare Grundlage gilt, zu Folge, verbleiben pro Jahr 319 Millionen Euro in der Stadt, die aus Geldströmen und wertschöpfenden Effekten entstehen, die mit Werder Bremen zu tun haben. 72 Prozent des Werbewertes der Stadt entfällt auf die Sichtbarkeit des Klubs im Fernsehen. Abstrakte Werte, die in den Kneipen in Stadionnähe zur sehr realen Bedrohung werden können. Auch bei den Werder-Mitarbeitern herrscht Besorgnis - ob alle Arbeitsplätze im Abstiegsfall erhalten werden könnten, ist mehr als fraglich.

So dürfte es einer eminent hohen Anzahl an Bremern also keineswegs egal sein, ob Werder weiter in der Bundesliga spielt oder zum zweiten Mal nach 1980 (als 17. mit 93 (!) Gegentoren) den Abstieg akzeptieren müsste. Die Aussicht auf den direkten Wiederaufstieg (wie damals) muss mit Blick in die nähere Umgebung nach Hamburg oder Hannover als undeutlich identifiziert werden.

Eine Perspektive, die eine leicht verquere Verschiebung der Bremer Bedürfnisse zur Folge hat: Die grundsätzliche Wertschätzung für Florian Kohfeldt hat kaum gelitten. Aber mit dem fachlich und menschlich herausragend ausgestatteten Sympathieträger in den Abgrund reiten? Nein, soweit reichen Verständnis und Solidarität bei vielen Anhängern und Unterstützern dann doch nicht. Dann lieber ein frischer Impulsgeber auf der Trainerbank - eine Haltung, die sich langsam breiter macht.

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Trainerwechsel als letzter Ausweg?

Undenkbar, dass die Bosse diese Variante bei anhaltendem Misserfolg nicht zumindest diskutieren werden. Störrisches Festhalten an öffentlichen Treuebekenntnissen wäre fahrlässig - dafür ist das Fußball-Geschäft auch im beschaulichen Bremen zu dynamisch. Die Halbwertszeit eines Gesichtsverlustes ist in den letzten Jahren zudem deutlich überschaubarer geworden. Geschwätz von gestern? Kann man zur Not kassieren. Als aktueller Beleg für die These reicht ein Blick nach Berlin.

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Eine Güterabwägung wird also möglicherweise unausweichlich. Bringt das Vertrauen in den jungen Coach auf der Zielgeraden den Klassenerhalt und sichert dadurch die angestrebte Zukunftsvision mit Kohfeldt als langjähriger Zugmaschine? Oder lässt sich durch einen Trainerwechsel zumindest ein kurzfristiger Effekt erzielen, der Werder hilft, den Abstieg zu verhindern? Ein äußerst anspruchsvolle Gratwanderung, bei der die Verantwortlichen eines ganz sicher nicht verpassen dürfen: den richtigen Zeitpunkt!

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