Tennis: Struff vor dem Finale in Madrid gegen Alcaraz

Struffs Madrid-Märchen: Fast zu schön, um wahr zu sein

In der Tennis-Welt gibt es in diesen Tagen nur ein Thema: Jan-Lennard Struff und dessen märchenhafte Reise durch das Masters von Madrid. Sky Reporter Florian Bauer hat den Deutschen das ganze Turnier lang über hautnah begleitet und blickt auf das Finale gegen Carlos Alcaraz.

Jan-Lennard Struff hat sich mit den wohl besten Leistungen seiner Karriere in die Geschichtsbücher eingetragen und steht am Sonntag im Finale gegen Carlos Alcaraz (LIVE UND EXKLUSIV AB 18:30 Uhr auf Sky). Selbst die Nachricht, dass Rafael Nadal seine Teilnahme in Rom absagen musste und sein Erscheinen bei den French Open auf der Kippe steht, wird bei den Ereignissen in der spanischen Hauptstadt zur Randnotiz.

Denn das, was "Struffi", so nennt ihn jeder (wirklich jeder - inklusive er sich selbst), hier geschafft hat, ist noch keinem anderen Tennisprofi in der Geschichte dieses Sports gelungen.

Das Finale von Madrid mit Jan-Lennard gibt's heute ab 18:30 Uhr LIVE auf Sky.
Image: Das Finale von Madrid mit Jan-Lennard gibt's heute ab 18:30 Uhr LIVE auf Sky.  © DPA pa

Struff quält sich, scheitert und hat Glück

Los ging alles mit der Entscheidung der ATP, die Größe des Turnieres in diesem Jahr erstmalig zu verdoppeln. Kein 64er- Draw, sondern 96. Die Konsequenz: Viel mehr Spieler waren damit im Hauptfeld gesetzt - und ermöglichten Akteuren wie Struff (oder auch Daniel Altmaier, Yannik Hanfmann, uvm.), überhaupt erst in der Qualifikation zu starten.

Sollten Sie sich nun fragen, warum Struff nach seinem Viertelfinal-Einzug von Monte Carlo und einem riesigen Sprung in der Weltrangliste unter die Top-60 überhaupt in die Qualifikation musste, dann ist die Antwort zwar bitter, aber ebenso verständlich. Denn die Deadlines für die Meldelisten sind klar definiert und die in der Zwischenzeit erreichten Punkte haben keinen unmittelbaren Einfluss mehr.

So quälte sich der 33-Jährige auf Außenplätzen, abseits von Kameras und vor gerade mal einer Handvoll Zuschauern, ins Finale der Qualifikation - wo er mit 2:6, 4:6 krachend scheiterte. Und damit eigentlich aus dem Turnier ausgeschieden war. Sein Gegner in diesem Match: Aslan Karatsev. Wer bitte?

Genau, jener Karatsev, den Struff am Freitagabend im Halbfinale besiegte. Der Deutsche hatte Glück in Madrid. Er rutschte noch als sogenannter "Lucky Loser" nach und nahm den Platz eines Spielers aus dem Hauptfeld ein, der verletzungsbedingt kurzfristig absagen musste.

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Struff der "Beste, der noch kein Turnier gewonnen hat"

Aber irgendwie passt diese Geschichte zum Masters von Madrid in 2023. Denn die Caja Magica, so heißt der Austragungsort (übersetzt: die Zauberkiste), hat sportlich und emotional für viele magische Momente bei diesem Turnier gesorgt.

Dass Struff bei vielen dieser Momente (wie zum Beispiel seinem fabelhaften Sieg gegen Stefanos Tsitsipas im Viertelfinale) im Mittelpunkt stand, ist schon fast surreal. Immerhin ist er keiner, der den Mittelpunkt liebt und gerne vor den TV-Kameras Rede und Antwort steht.

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"Struffi" ist reflektiert und ruhig, Familienvater und tiefenentspannt, aber keine Rampensau. Die Euphorie um dieses Kapitel Tennis-Geschichte lässt er gar nicht zu sehr an sich ran. Ich bin mir auch nicht sicher, ob er es überhaupt schon kapiert hat. Was ich aber weiß, ist, dass sich alle anderen maximal für ihn freuen. Er ist extrem beliebt auf der Tour. Oft hat er seine Familie mit dabei und genießt die Gemeinsamkeit - im Rahmen der manchmal eingeschränkten Möglichkeiten.

Ein hochrangiger Mitarbeiter der ATP, der namentlich nicht genannt werden möchte, hat mir noch zu Beginn der Woche bei Struffs Match gegen den US-Amerikaner Ben Shelton gesagt: "Struff ist von allen aktiven Spielern mit Abstand der Beste von allen, die noch kein Turnier gewonnen haben." Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir klar, dass das stimmt. Und dass ein Sieg wohl niemandem so zu gönnen wäre wie Jan-Lennard Struff.

Alcaraz der Prototyp der Herkules-Aufgabe

Diesen Titel hier in Madrid zu holen wäre fast zu schön, um wahr zu sein. Doch gegen Carlos Alcaraz wird das der Prototyp der Herkules-Aufgabe. Nicht nur, weil der 20-jährige Spanier die Nummer eins bei den Fans ist und hier auf einer beeindruckenden Welle der Fans getragen wird, sondern auch, weil er einen derart aggressiven und vielseitigen Spielstil hat, mit dem seit zwei Jahren in Madrid niemand zurechtgekommen ist. Doch der Weg zu einem solchen Sieg hat mehrere Ebenen. Und das bringt mich zum letzten Punkt meiner Einstimmung für Sie. Die Box.

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Normalerweise arbeitet Struff mit Carsten Arriens zusammen. Ähnlich wie der Warsteiner ein sehr zurückhaltender und ruhiger Tennis-Fachmann. Doch nachdem er ihn Wochen durch die USA bis hin zum Masters in Monaco begleitet hat, übernimmt nun Struffs alter Schulkumpel Marvin Netuschil (die beiden kennen sich, seitdem sie neun Jahre alt sind) die Betreuung für Madrid. Und sein Einsatz ist ein wichtiger Bestandteil dieses Erfolgs.

Beeindruckende Ansprache von Netuschil

Der 31-Jährige ist selbst Tennis-Profi, stand bereits auf Rang 306 der Weltrangliste, liest die Gegner bis ins tiefste Detail und bereitet Struff exakt auf die Stärken und Schwächen des Gegenübers vor. Ob der Slice von Lajovic oder die schnellen Ballwechsel von Karatsev. Seine Analyse hat stets gestimmt. Immer und immer wieder schickt er "Struffi" in diese Bälle und bringt ihn so zum Automatismus für das Match. Aber neben aller sportlicher Kompetenz ist es seine Ansprache, die mich beeindruckt.

Der gebürtige Hammer hat das Funkeln in den Augen und findet gleichzeitig die richtigen, beruhigenden Worte für seinen Kumpel und Schützling. Er strahlt so viel Empathie und Zuversicht aus. Er weiß, wann er welche Knöpfe drücken muss. Wann er Struff pushen und wann wieder einbremsen muss.

Er hat es geschafft, dass Struff im Match nur zu ihm bzw. in die Box schaut und alles andere ausblendet. Die beiden haben als Team das Unmögliche möglich gemacht. Aus einem Traum Realität werden lassen. Jetzt sind sie nur noch einen Schritt davon entfernt, sich diesen Erfolg zu vergolden.

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