Alexander Zorniger im Sky Interview: "Mit Spielern wie Jo Kimmich gewinnst du Titel"
Kimmich-Kenner Zorniger: "Mit Spielern wie Jo gewinnst du Titel"
10.02.2020 | 10:57 Uhr
Alexander Zorniger kennt Joshua Kimmich schon aus der gemeinsamen Zeit in Stuttgart. Auch in Leipzig war Zorniger sein Trainer. Im Interview mit Sky Sport spricht der 52-Jährige vor dem Topspiel Bayern gegen Leipzig über Kimmich, vergleicht Robert Lewandowski und Timo Werner und lobt die Entwicklung beider Mannschaften unter ihren Trainern Hansi Flick und Julian Nagelsmann.
Sky Sport: Vor dem Spitzenspiel am Sonntag schien zuletzt der FC Bayern im Vergleich zu RB Leipzig deutlich besser drauf zu sein. Auch was die Ergebnisse betrifft. Herr Zorniger, wie beurteilen Sie die Formkurven der beiden?
Zorniger: Vor ein paar Wochen lag Leipzig vor Bayern, jetzt ist es anders herum. Entscheidend ist, was man in den gesamten 34 Spieltagen liefert. Im Moment sieht es so aus, dass RB vor allem in der ersten Halbzeit nicht seine beste Performance auf den Platz bringt. Ich war gegen Gladbach im Stadion, da war es in der ersten Halbzeit deutlich so, dass der bessere Gameplan bei Gladbach war. Bayern hat normalerweise immer eine hohe individuelle Qualität. Bei Leipzig ist es bei aller individuellen Qualität immer noch so, dass sie als Mannschaft funktionieren muss, damit der Erfolg da ist. Das ist der große Unterschied, vor allem wenn es in wichtigen Spielen in die Crunchtime geht.
Sky Sport: Bayern hat also Spieler, die den Unterschied in solchen Duellen ausmachen, Leipzig eher nicht?
Zorniger: Bei Leipzig können es Werner, Poulsen, Sabitzer oder Schick und auch Upamecano in absehbarer Zeit sein. In bestimmten Spielen sind sie es auch schon, aber das Niveau von Lewandowski, Thiago und Kimmich ist - auch aufgrund der Vielzahl der Spiele, die sie auf höchstem Level haben - immer noch einen Tick höher. RB war im letzten Jahr im Pokalfinale überzeugt, dass sie gegen Bayern etwas reißen können, aber die nervliche Konsequenz, in bestimmten Situationen immer abzuliefern, ist eine hohe Qualität einer erfahreneren Mannschaft. Ich bin total auf dem Weg der RB-Philosophie, junge Spieler zu entwickeln, aber wenn es um Titel geht, kann es einfach ein Vorteil sein, dass bestimmte Spieler wie Lewandowski und auch ein Boateng, ihre Leistung im entscheidenden Moment abliefern.
"Kimmich ist auf einem anderen Niveau als Teamspieler"
Sky Sport: Thomas Müller ist auch ein Spieler, der den Unterschied ausmachen kann und der nach dem Trainerwechsel unter Hansi Flick in München geradezu aufgeblüht ist. Wie beurteilen Sie seine Entwicklung?
Zorniger: Ich war aber schon ein bisschen überrascht, wie sehr Thomas Müller sich in der Phase, in der es unter Kovac aus was für Gründen auch immer nicht geklappt hat, sich von seiner Leichtigkeit, die ihn ausgezeichnete, hat abbringen lassen. Auch an diesem Beispiel sieht man, dass auch solche Spieler dann doch wollen, dass ihr Status geschützt wird. Jetzt ist er auf einmal wieder der lachende Thomas Müller, der wieder wichtige Sachen macht. Müller ist nicht aufgrund seiner einzelnen Fähigkeiten ein Weltklassespieler, sondern aufgrund seiner Leichtigkeit und der Verknüpfung bestimmter Fähigkeiten. Ein Thiago, Lewandowski, Gnabry oder Sane haben individuell ganz andere Fähigkeiten.
Sky Sport: Würden Sie Müller als einen Schlüsselspieler oder verlängerten Arm des Trainers bezeichnen? Oder wer hat Ihrer Meinung nach diese Rolle inne?
Zorniger: Aus der Entfernung ist es seriös unmöglich zu bewerten, welchen Stellenwert welcher Spieler bei welchem Trainer hat. Ich sehe aber, auch aufgrund meiner persönlichen Beziehung zu ihm, Jo Kimmich auf einem anderen Niveau als Teamspieler und auch als Aggressive Leader. Für mich ist Jo der verlängerte Arm jedes Trainers. So einen Spieler wünschst du dir einfach. Mit einem Spieler wie Jo Kimmich gewinnst du Titel, weil er es hasst zu verlieren, auch in kleinen Situationen.
Sky Sport: Kimmich ist auch sehr meinungsstark und spricht auch mal unangenehme Wahrheiten offen an. Glauben Sie, dass er damit auch mal Gefahr lief, bei den Bayern-Bossen anzuecken, oder ist es genau diese Art, die auch ein Karl-Heinz Rummenigge an ihm schätzt?
Zorniger: Ich glaube, dass die Verantwortlichen diese Art an ihm schätzen. Jo interessiert nur eins: Er will Titel gewinnen. Ob da einer 20 Länderspiele oder 100 Bundesligaspiele mehr hat als er, interessiert ihn nicht.
Thiago: "Findet man nicht oft in Europa"
Sky Sport: Kurz noch zu Thiago. Er ist wie Müller aus einem Tief wieder zurückgekommen und gehört aktuell zu den Leistungsträgern. Wie schätzen Sie ihn ein?
Zorniger: Ich habe ihn zum ersten Mal bei der U21-EM 2011 in Dänemark gesehen, da war er überragend. So eine Konstellation aus Technik, Passspiel, individueller Qualität auch im Dribbling und dazu noch Teamspieler sein - die findet man nicht oft in Europa. Ich finde, dass er ein außergewöhnlicher Spieler ist - wenn er funktioniert, zielgerichtet ist und sich auch im Defensiv-Konzept einordnet. Das wird am Ende im Titelkampf den Ausschlag geben. Bei aller Qualität von Dortmund und Gladbach in der Offensive, am Ende kommt es darauf an, wer in den ganz wichtigen Spielen gut gegen den Ball arbeitet.
Sky Sport: Zu Leipzig: Gibt es bei RB einen Spieler, den man als verlängerten Arm des Trainers oder Aggressive Leader bezeichnen kann?
Zorniger: Willi Orban, Yussuf Poulsen und definitiv auch Diego Demme (der im Winter zum SSC Neapel wechselte, Anm. d. Red.) waren Spieler, die sich in diese Richtung entwickelt haben. In den letzten Spielen ist mir aufgefallen, dass die Körpersprache einiger Spieler in bestimmten Situationen nicht so toll ausgesehen hat. Es ist immer die Gefahr, wenn du aus vielen Ländern junge Spieler in einer Mannschaft hast, dass jeder seine Position irgendwo schützen will. Da ist eine Ansage nicht einfach so akzeptiert worden, sondern es gab gleich eine Gegenansage. Ich glaube, dass es eine der Hauptaufgaben von Julian Nagelsmann und seinem Trainerteam ist zu kontrollieren, wer sich als Teamspieler zeigt und wem es nur um das eigene Ansehen geht.
Sky Sport: Ist Marcel Sabitzer vielleicht ein Leader, der den anderen die Richtung vorgibt?
Zorniger: Unter anderem. Er ist lautstark, österreichischer Nationalspieler und auch schon eine Weile im Klub. Er ist sicher einer der Spieler, der in der aktuellen Situation entscheidend sein kann.
"Werners Entwicklung ist toll"
Sky Sport: Sie hatten Timo Werner erwähnt. Was fehlt ihm noch im Vergleich zu einem Robert Lewandowski?
Zorniger: Timo hat große individuelle Qualitäten. Seine Schnelligkeit ist eine absolute Waffe, weil er sie mittlerweile auch mit einer entsprechenden Situationstechnik kombinieren kann. Lewandowski ist aber ein besonderes Level, auch in Bezug darauf, Führungsspieler zu sein. Timo ist ein Individualist und Leistungsträger, auch innerhalb der Leipziger Mannschaft und vielleicht auch bald bei der Nationalmannschaft. Aber es ist noch einmal etwas Anderes, wenn du diese Position bei Bayern München hast. Timo hat sich sehr gut entwickelt und wird sicher auch seinen Weg noch weiter gehen. Seine Entwicklung ist toll.
Sky Sport: Vielleicht auch doch noch zum FC Bayern?
Zorniger: Man kann nicht sagen, welcher Spieler irgendwann mal wohin passt oder nicht. Obwohl ich Jo Kimmich in Leipzig richtig gut kennengelernt habe, war für mich auch nicht klar, dass er sich so bei Bayern durchsetzen wird. Du musst zum richtigen Zeitpunkt performen, du brauchst zum richtigen Zeitpunkt einen Trainer, der sagt: "Genau dich will ich!". Man darf sich auch nicht von der Ellbogenmentalität in einem großen Klub durcheinanderbringen lassen. Es muss alles zusammenpassen.
Sky Sport: Hansi Flick gilt als Trainer, der sehr gut mit den Spielern umgehen kann. Wie sehen Sie seine Entwicklung vom Co-Trainer zum Chefcoach bei den Bayern?
Zorniger: Ich hatte das erste Mal Kontakt zu ihm, als ich 27 und in der Oberliga spielte, er war Spielertrainer in Bammental. Er hat sich nicht wesentlich verändert, was seine Hauptwerte angeht. Das spüren die Spieler. In der Verbindung, wie er in seiner Zeit als Co-Trainer in der Nationalmannschaft Kontakt zu einer Masse von Weltklassespielern hatte, hat er einfach eine Ruhe in seiner Arbeit, von der er momentan auch profitiert. Allerdings war es bei Bayern auch immer so, dass wenn bei Bayern der Trainer rausgeflogen ist, haben sich die Spieler schon den Hintern aufgerissen weil sie genau wissen: Okay, beim nächsten Mal trifft es vielleicht nicht den Trainer, sondern den Spieler.
Sky Sport: Die große Frage ist, ob Bayern über den Sommer hinaus mit Flick weiterarbeitet und wann das passieren wird. Es ist ja auch für potenzielle neue Spieler wichtig zu wissen, mit wem Sie es zu tun haben. Was meinen Sie?
Zorniger: Wir sprechen hier nicht von einem Mittelklasse-Zweitligisten, sondern vom FC Bayern München. Sie hatten mit Pep Guardiola den besten Trainer der Welt. Dann haben sie irgendwann auch gesagt: Das ist uns jetzt aber zu stressig. Soll heißen: Bei Bayern München spielst du, um bei Bayern München zu spielen, und nicht unter irgendeinem Trainer.
"Nagelsmann hat interessante neue Ansätze im Spiel mit dem Ball"
Sky Sport: Kann man sagen, dass Julian Nagelsmann RB Leipzig in dieser Saison noch einmal auf ein anderes Niveau gehoben hat?
Zorniger: Das Niveau unter Ralf Rangnick ist schwierig zu toppen. Die Spielweise gegen den Ball ist bei RB schon seit Jahren auf europäischem Top-Level. Aber Julian hat, so wie ich es persönlich von Spielern und Verantwortlichen gehört habe, interessante neue Ansätze im Spiel mit dem Ball, die er auch sehr gut rübergebracht hat.
Sky Sport: Nagelsmann hat seine Mannschaft öffentlich kritisiert. Ist das ein Mittel, das ein Trainer so anwenden kann oder sehen Sie das problematisch?
Zorniger: Das kommt darauf an. Wenn du erfolgreich bist, dann heißt es, der Trainer hat seine Truppe im Griff. Wenn du nicht erfolgreich bist, wird das Zusammenspiel zwischen Trainern und Spielern ein bisschen anders bewertet. Julian weiß, dass er die Rückendeckung vom Verein hat und er weiß, in welche Richtung es gehen soll. Ich bin aber auch überzeugt, dass er nach weiteren fünf Niederlagen nicht mehr so argumentieren kann und wird (lacht). Ich denke aber auch dass die Zusammenarbeit zwischen Trainer und Spielern vertrauensvoll ist und die Emotionalität des Trainers auch nach außen vom Großteil der Spieler akzeptiert und richtig eingeschätzt wird.