Bosniens Nationaltrainer Sergej Barbarez über WM-Euphorie, Edin Dzeko, junge Talente, Tränen bei der Hymne - und den Traum eines ganzen Landes
Sergej Barbarez hat Bosnien und Herzegowina zur Weltmeisterschaft geführt - und damit eine Nation in Ekstase versetzt.
05.06.2026 | 11:03 Uhr
Im Gespräch mit Sky Sport spricht der frühere Bundesliga-Star über die emotionale Kraft seines Landes, seinen Führungsstil, die Rolle von Edin Dzeko, das große Versprechen junger Spieler und den Moment, auf den er seit seiner Kindheit gewartet hat.
Sky Sport: Sergej Barberez, wenn man sieht, was diese Qualifikation in Bosnien ausgelöst hat: Was bedeutet Ihnen diese Euphorie?
Sergej Barbarez: Das ist schon der Hammer. Wenn du weiterkommst und dann gegen Italien zu Hause spielst - das war etwas Besonderes. Aber wir haben als Mannschaft daran geglaubt. Und die Menschen um uns herum, das ganze Land, waren in Euphorie. Sie sind es immer noch. Es ist wunderschön, das zu sehen. Dem ganzen Land dieses Gefühl zu schenken, ist brutal. Alle stehen hinter uns. Die Leute können diese WM kaum erwarten, weil sie wirklich an uns glauben. Wir glauben natürlich auch an uns. Aber diese glücklichen Gesichter zu sehen - jeden Tag in Bosnien, über Social Media oder in Videocalls - das ist schon etwas Besonderes. Ich freue mich sehr, dass ich meinen Teil dazu beitragen konnte. Wir genießen das. Aber wir wissen auch: Wir haben etwas zu tun. Wir haben unsere Träume. Und das ist wichtig.
Sky Sport: Wie versucht ihr, diese Euphorie aufzusaugen und mit auf den Platz zu nehmen?
Barbarez: Wir haben in Bosnien schon ein paar Dinge gemacht. Die ersten zehn Tage der Vorbereitung haben wir dort absolviert. Dann hatten wir ein Freundschaftsspiel in Nordmazedonien - das Stadion war innerhalb einer Stunde ausverkauft. Vorher gab es ein öffentliches Training, bei dem auch ein paar tausend Leute da waren.
Das ist für mich wichtig. Ich sage den Jungs immer: Geht spazieren, geht unter Leute. Diese Energie muss man aufsaugen. Das ist diese Emotion. Wir wissen, dass Menschen vom Balkan, besonders aus Bosnien und Herzegowina, sehr emotional sind. Wenn man das in die richtige Richtung lenken kann, ist das ein großer Vorteil.
Sky Sport: Sie fordern Ihre Spieler bewusst auf, sich nicht abzuschotten?
Barbarez: Ja. Heute bekommen sie den Nachmittag frei, und sie sollen sich einfach bewegen. Ich bin ein Befürworter davon, dass man - egal was man tut - eine Balance hat. Man darf nicht nur über Fußball reden, nicht nur Sportkleidung tragen, nicht nur im Tunnel sein. Man muss auch ein paar Stunden privat sein dürfen. Diese Balance ist bei uns sehr ausgeprägt. Und ich glaube, sie ist ein Schlüssel.
Sky Sport: Sie sind erst seit gut zwei Jahren Trainer und haben schon eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte geschrieben. Wie treffen Sie Ihre Entscheidungen - aus dem Bauch, aus Ihrer Erfahrung als Spieler, aus Analyse?
Barbarez: Vieles muss man im Laufe der Zeit tun. Das ist bei einer Nationalmannschaft so. Zum ersten Mal seit zwei Jahren hatten wir jetzt zehn Tage am Stück zusammen. Normalerweise bist du drei Tage zusammen - und dann spielst du. Gegen Wales zum Beispiel hatten wir vier Monate Pause, dann drei Tage Vorbereitung. Das ist brutal viel Druck.
Aber ich habe einen sehr guten Staff, auch mit ein paar Jungs aus der Bundesliga. Ich mag es, wenn wir als Team funktionieren. Wir sind gute Vorbilder für unsere Spieler. Natürlich gibt es Entscheidungen, die nicht immer schön sind. Wir machen vieles mit Gefühl, aber auch mit Können. Viele in meinem Team haben vorher schon gearbeitet, parallel auch mit der Nationalmannschaft. Da steckt Erfahrung drin. Und ich merke an mir selbst: Ich bin mittlerweile sehr ruhig geworden. Es gibt wenig Reaktion nach außen. Ich sehe mich inzwischen als ziemlich ruhigen Trainer.
Sky Sport: Als Spieler waren Sie ein sehr emotionaler Typ. Gehört Lautwerden in der Kabine heute gar nicht mehr zu Ihrem Führungsstil?
Barbarez: In der Kabine ist es anders, muss ich sagen. Wenn man eine Gruppe führt, gibt es immer wieder Dinge, die man lenken muss. Manchmal muss man auch klar sein. Aber wir machen das gut. Mein Hauptkriterium war immer, dass die Jungs einen starken Charakter haben. Zuerst der Charakter: stolz sein, für das eigene Land zu spielen. Qualität kommt natürlich dazu. Ohne Qualität kannst du keine Spiele gewinnen. Auf Dauer reicht Emotion allein nicht.
Aber wir leben diese Emotionen. Und wir zeigen sie auch gerne. Das ist ein Hauptpunkt.
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Sky Sport: Wie würden Sie den Charakter Ihrer Mannschaft beschreiben?
Barbarez: Diese Gruppe ist genau das, was ich als Spieler gelebt habe und jetzt als Trainer lebe. Die Dynamik in der Gruppe, die Balance - das ist sehr wichtig. Wir haben junge Spieler wie Alajbegovic, der mit 17 bei uns angefangen hat und jetzt 18 ist. Dann hast du Edin Dzeko, der über 40 ist. Dazu Spieler um die 30, die führen. Und dann viele Jungs mit 19, 20, 21. Wir sind fast die jüngste Mannschaft bei dieser WM. Ich mag das sehr. Die Jungs sind stolz. Sie haben Bock, Teil davon zu sein. Sie haben Bock, mit Idolen zusammenzuspielen. Das kann auch kompliziert sein. Aber bei uns funktioniert es wunderbar. Die jungen Spieler haben großen Respekt vor den Stars - wollen aber gleichzeitig selbst Teil der Mannschaft sein. Das funktioniert mittlerweile sehr gut.
Sky Sport: Edin Dzeko ist in Bosnien ein riesiges Idol. Welche Rolle spielt er für euch?
Barbarez: Sein Wert ist enorm. Man kann sich kaum ausmalen, was er für unser Land bedeutet. Man ist stolz, so einen Spieler in den eigenen Reihen zu haben. Er arbeitet für das Team. Er tut viel für die jungen Spieler, kommuniziert sehr viel. Auf dem Platz ist er extrem wichtig. Wenn er da ist - egal in welcher Verfassung -, ist das Gold wert. Manchmal kann er mit ein paar Worten sehr viel bewegen. Die Jungs hören ihm zu. Das ist wichtig. Wenn einer spricht und die anderen nicht zuhören, wird es problematisch. Bei ihm ist das anders. Deshalb ist er für uns so wichtig.
Sky Sport: Er ist 40, hatte Verletzungen, das Turnier wird anstrengend. Wie planen Sie mit ihm?
Barbarez: Wenn er hundertprozentig fit ist, muss man nichts dosieren. Wir haben das Glück, dass wir alle sechs Tage ein Spiel haben. Da kann man sich gut erholen. Heute gibt es viele Möglichkeiten, Spieler wieder fit zu bekommen, wenn sie nur müde sind. Wir reden sehr viel, wir kommunizieren sehr viel. Es hängt davon ab, wie er sich fühlt und wie unsere Gespräche laufen. Ich bin da sehr offen, weil er so wichtig ist. Ich gebe ihm Freiraum, selbst mitzuentscheiden, was er will und wie lange es geht.
Sky Sport: Kerim Alajbegovic haben Sie schon angesprochen. Was kann man von ihm erwarten? Kann er ein Farbtupfer bei diesem Turnier werden?
Barbarez: Hundertprozentig. Wenn wir als Team gut performen, kommen auch unsere Jungs auf ihre Kosten. Er ist brutal gut. Dieses Selbstbewusstsein mit 18 zu haben, ist enorm. Manchmal habe ich fast Angst, dass das alles Fake ist - aber die Jungs leben das wirklich. Mit 18 ist er eigentlich noch ein Kind. Aber du musst mit ihm reden wie mit einem Erwachsenen, der schon tausend Spiele hinter sich hat. Er macht das echt gut. Das Schöne bei der Nationalmannschaft ist: Man sieht die Spieler alle paar Monate wieder und erkennt ihre Entwicklung. Diese Jungs machen riesige Schritte nach vorne. Das freut mich sehr. Er ist jetzt erstmal zurück in Leverkusen.
Sky Sport: Wird er auch in der Bundesliga für Furore sorgen?
Barbarez: Er ist jetzt zurück. Was mit ihm passiert, weiß ich nicht - ob Bundesliga oder etwas anderes. Mit 18 kann man schon mitentscheiden, wo man spielen will. Ich habe ihm nur eines gesagt: Such dir einen Verein aus, bei dem du Minuten bekommst. Das ist für uns wichtig, aber vor allem für seine Entwicklung. Er ist 18. Wir scherzen jeden Tag, dass er noch 15 Jahre auf höchstem Niveau spielen kann
Sky Sport: Ihr habt in den Playoff-Spielen gegen Wales und Italien Nervenstärke gezeigt. Was nehmt ihr daraus mit?
Barbarez: Sehr viel. Ich gehe sogar noch weiter zurück. Wir haben im November gegen Rumänien gewonnen. Gegen Österreich waren wir schon früh in einer schwierigen Situation. Insgesamt hatten wir vier Endspiele. Dreimal lagen wir zurück, dreimal sind wir zurückgekommen. Das ist brutal - besonders mit einer der jüngsten Mannschaften Europas. Das macht uns selbstbewusst. Und mich als Trainer stolz. Wir haben unsere Träume. Wir sind nicht hier, um einfach nur dabei zu sein. Wenn man Italien schlägt, darf man auch ein bisschen Anspruch haben. Und den haben wir.
Sky Sport: Welchen Anspruch? Wollt ihr Weltmeister werden?
Barbarez: Fast (lacht). Wir werden versuchen, die Gruppe zu überstehen. Aber es geht immer um ein Spiel nach dem anderen. Für uns alle ist das eine neue Erfahrung. Das darf man nicht leugnen. Wir müssen sehen, was die Spiele bringen, auch die ständige Fliegerei. Wir sind, glaube ich, die Mannschaft mit den meisten Kilometern in der Gruppenphase. Ich hoffe, das stört uns nicht. Aber wir haben Bock. Wir suchen keine Ausreden. Wir wollen angreifen.
Sky Sport: Denkt ihr nur an das Auftaktspiel gegen Kanada oder betrachtet ihr die Gruppe als Gesamtpaket?
Barbarez: Es geht nur um Kanada. Ergebnistechnisch bist du natürlich auf die ganze Gruppe angewiesen, auch auf die anderen Spiele. Aber wir sind bisher gut damit gefahren, uns auf das nächste Spiel zu konzentrieren. Das ist keine Fußball-Floskel. Es ist logisch. Besonders wenn sechs Tage zwischen den Spielen liegen. Wir werden sehen, was die anderen machen. Aber wir versuchen, unsere Spiele zu gewinnen. Ganz einfach.
Sky Sport: Wie stark bewerten Sie Ihre Gruppe mit Kanada, der Schweiz und Katar?
Barbarez: Was wir denken, denken die anderen auch. Niemand ist zufällig bei einer WM. Das ist Fakt. Jeder kommt mit einem Erfolgserlebnis, weil man sich qualifizieren musste. Alle haben ihre Rechnung, alle wollen weiterkommen.
Gerade wenn eine Gruppe ausgeglichener wirkt, haben alle Respekt verdient. Die Schweiz und Kanada sind mit ihrer Spielweise sehr unangenehm. Katar denkt wahrscheinlich ähnlich wie wir. In der FIFA-Weltrangliste sind wir in dieser Gruppe Letzter. Aber wir kommen mit Ergebnissen, die Respekt verdienen. Man muss auf uns aufpassen. Und da wollen wir weiter anklopfen.
Sky Sport: Sie haben als Spieler immer für schönen Fußball und Ästhetik gestanden. Mit welchem Stil wollt ihr diese WM prägen?
Barbarez: Wir haben uns mit unserem System etabliert. Wir spielen gerne mit zwei richtigen Stürmern. Wir haben gute Außenleute - offensiv wie defensiv - und viele Jungs, die wachsen wollen. Wir haben kein Problem damit, ein System zu ändern. Aber wir wollen auch das beibehalten, was uns in der Qualifikation stark gemacht hat. Wenn unsere Energie stimmt, unsere Spritzigkeit, unser Wille - dann ist das auf diesem Niveau entscheidend. Das ist das höchste Niveau. Viele kleine Dinge entscheiden. Wir haben viel investiert. In der Laufbereitschaft sind wir auf ein Spitzenniveau gekommen. Man muss alles haben, um eine Chance zu haben. Das wissen wir. Und ich werde als Trainer alles dafür tun, dass wir alles reinwerfen.
Sky Sport: Sie haben als Spieler nie ein großes Turnier gespielt. Ist diese WM für Sie auch eine persönliche Erfüllung?
Barbarez: Das ist mein Traum. Ich habe neulich in Bosnien in einem Interview gesagt: Dieses erste Spiel, wenn die Nationalhymne läuft - das wird mein Moment. Diese drei Sekunden werden meine sein. Ich habe immer gesagt: Das Einzige, was mir gefehlt hat, war ein Turnier zu spielen. Jetzt bin ich als Trainer dabei. Das macht mich sehr stolz. Ich muss sagen: Seit über einem Jahr bin ich sehr glücklich mit dem, was ich tue. Am Anfang war es nicht einfach. Wenn man keine guten Ergebnisse hat, kann man nicht nur von Glück sprechen. Aber jetzt kann man das Glück wieder reinwerfen. Ich bin stolz und glücklich. Ich werde diese Momente genießen - egal, ob es schwer wird oder nicht.
Sky Sport: Was löst die Nationalhymne in Ihnen aus?
Barbarez: Da wird alles drin sein. Viele Augen werden auf uns gerichtet sein, da kann man sich keine großen Gesten leisten. Aber ich weiß, was ich fühlen werde: Stolz bis zum Mond und zurück. Ich habe kein Problem damit, über Emotionen zu reden. Manchmal geht es nicht darum zu weinen, sondern darum, Emotionen zu zeigen. Für mich ist das ganz normal. Ich finde das sogar eine Stärke.
Sky Sport: Werden Sie die Tränen zurückhalten, wenn sie kommen?
Barbarez: Wenn etwas passiert, passiert es. Gänsehaut werde ich bestimmt haben. Und ich werde die Jungs anschauen. Das ist mein Moment: Wenn die Hymne läuft und ich ihre Gesichter sehe. Diese Gesichter geben mir Selbstbewusstsein und Ruhe. Ich sehe dann, dass sie Bock haben. Ich sehe, wie sie das Spiel angehen wollen. Das ist ein wunderschöner Moment als Nationaltrainer.
Sky Sport: Denken Sie in solchen Momenten auch an den kleinen Jungen aus Mostar zurück, der vom Fußball geträumt hat?
Barbarez: Das war schon eine Sache, von der ich irgendwann weg war. Aber jetzt schreibe ich die Geschichte neu. Und ich bin sehr stolz, dass ich das machen kann. Ich habe Lust, weiter als Trainer zu arbeiten, auch im Verein. Man sieht, dass man Massen bewegen kann. Besonders als Nationaltrainer ist das etwas Besonderes - gerade bei uns, wo so viele Emotionen da sind. Wenn Menschen um halb vier morgens kommen, auf dich warten und dich feiern - ich glaube, das kann man nur bei uns erleben. Für solche Momente lebt man. Für solche Momente will man Spiele gewinnen.
Natürlich hat man immer geträumt. Aber als kleiner Junge davon zu träumen, irgendwann bei einer WM zu sein - oder als Nationaltrainer dort zu arbeiten -, das wäre damals vielleicht zu weit gewesen. Ich hatte immer kleine Träume. Einer davon ist jetzt gerade wie ein Film: Wir sind bei der WM dabei. Ich als Nationaltrainer. Und ich werde weitere Träume haben, da kannst du dir sicher sein.
Sky Sport: Was soll man nach dem Turnier über Sie und Ihre Mannschaft sagen?
Barbarez: Über Ergebnisse kann man vorher nicht gut reden. Aber über Emotionen schon. Ich habe unserem ganzen Volk gesagt: Lasst uns einen schönen Sommer haben. Wir werden eure Stimme nach Amerika tragen. Viele werden nach Amerika kommen, und wir werden sie hören. Ich habe Lust, die Leute stolz zu machen. Ich habe Lust, ihnen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Das ist meine Devise, wenn ich eine Mannschaft und eine Nationalmannschaft führe. In den letzten zwei Monaten wurde ich tausendmal gefragt, ob ich müde bin, ob ich mich erholt habe. Ich habe immer gesagt: Wie kann man sich von Glück erholen? Ich will diesen Modus beibehalten. Ich will glücklich sein. Bei mir gibt es keine Müdigkeit, die auch nur annähernd an dieses Glück herankommt, das wir gerade leben.
Das Interview führte Sven Töllner