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Erlebnisbericht: Surrealer Abend für die Champions-League-Geschichtsbücher

"Surreal!" Hinter den Kulissen einer Nacht für die Geschichtsbücher

Marc Behrenbeck

27.08.2020 | 15:38 Uhr

Sky Reporter Marc Behrenbeck berichtet von einer surrealen Nacht in Lissabon. Quelle: Sky/Getty
Image: Sky Reporter Marc Behrenbeck berichtet von einer surrealen Nacht in Lissabon. Quelle: Sky/Getty

Der FC Bayern München hat sich gegen Paris Saint-Germain zum Champions-League-Sieger gekrönt - und das vor einer Geisterkulisse. Nicht nur aus sportlicher Sicht war dieser Abend historisch. Sky Reporter Marc Behrenbeck mit einem Erlebnisbericht von einem ganz speziellen Finale.

Es war eine Nacht für die Geschichtsbücher, ein Spiel, das so viel offenbart hat. Menschlich, fußballerisch, aber auch gesellschaftlich. Die Bilder vom weinenden Neymar flimmerten gestern Nacht weltweit über die Bildschirme, der tröstende David Alaba, genauso wie das romantische Sternengucken von den Kumpels seit Kindheit: Serge Gnabry und Joshua Kimmich.

Surreale Szenerie in Lissabon

Man muss kein Bayern-Fan oder nicht mal ein Fußball-Freak sein, um vom gestrigen Abend emotional berührt worden zu sein. Es war das wichtigste Spiel des Jahres im Vereinsfussball. Das Spiel, von dem Millionen Kindern auf der Welt auf Bolzplätzen und vor Konsolen träumen. Und dennoch war die Szenerie für uns alle vor Ort surreal. Besonders gestern Abend.

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Champions League, Finale: Bayern München hat zum zweiten Mal nach 2013 das Triple geholt. Die Bayern setzten sich dank eines Treffers von Kingsley Coman und eines starken Torhüters Manuel Neuer mit 1:0 durch.

Um 19:35 Uhr Ortszeit hatte ich meine letzte Live-Schalte für Sky Sport News. Nach dem "Du bist runter" von der Regie in meinem Ohr, als Signal, dass ich nicht mehr zu sehen bin, halte ich kurz inne. Es ist eigentlich unbeschreiblich, was ich gerade sehe. Ich stehe 20 Meter entfernt vom einzigen offenen Eingang des Stadions. Nur eine der beiden schweren Metalltüren ist überhaupt geöffnet.

Ich sehe um mich herum, außer unserem Kammermann Oli ist keine Menschenseele vor Ort. Niemand. Auf dem Parkplatz vor mir direkt am Stadion stehen sechs verträumte Autos. Ich höre leise Musik aus dem Stadion klingen. Ganz dumpf, als ob mein Nachbar den Sommerabend bei einem Glas Wein auf dem Balkon ausklingen lässt.

UEFA klebt nicht mal Benfica-Sponsoren ab

Ich betrete das Stadion. Es wird Fieber gemessen und meine Akkreditierung digital gescannt. Ich lauf alleine durch ein dunkles Treppenhaus. Das Licht ist wohl gerade ausgefallen. Im dritten und obersten Stockwerk trete ich durch die Tür in den Umlauf des Stadions. Ebenfalls Dunkel. Ein Licht flackert, ich bin alleine. Alle Eingänge zu den Klos sind mit Absperrband abgeriegelt. Mist, eigentlich muss ich dringend. Soll ich drunter durchhuschen? Ach egal, in zehn Minuten beginnt das Spiel. Keine Zeit.

Ich marschiere im Umlauf einmal um das gesamte Stadion, noch immer begegne ich keinem Menschen. Ich wundere mich mal wieder, dass kein einziger Sponsor von Benfica Lissabon abgeklebt ist. Weder außerhalb des Stadions noch im Bauch und nicht mal an den Kiosken des Estadio da Luz, als ob ich gleich ein "Super Bock"-Bier bestellen könnte. Normalerweise kleben FIFA und UEFA selbst den Klopapier-Hersteller im Stadion ab, wenn er kein offizieller Sponsor ist.

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Dieses Video zeigt die Pokalübergabe des FC Bayern in der Champions League. (Länge: 2:44 Minuten)

Ich komme am handschriftlich markierten "Media Fridge" vorbei. Wasser ohne Kohlensäure liegt in den Fächern. Eine lokale Marke, die weit weg davon ist, Millionen an Sponsoringgeldern an die Verbände zu zahlen. Daneben liegt ein kleiner Haufen Mini-Chipstüten und wenigstens diese kommen vom UEFA Sponsor. Ich merke, dass ich seit morgens nichts mehr gegessen habe. Egal, es ist Finale.

Schatten über diesem Spektakel

Ich überquere den Gang, betrete aus der Dunkelheit durch die Tribüne und bin vor Ort beim Spiel der wahrscheinlich derzeit beiden besten Mannschaften der Welt. Es ist schade, dass Fußball-Fans und erst recht die Supporter der beiden Finalisten nicht im Stadion sein können. Es hinterlässt einen Schatten auf diesem Spektakel und dennoch offenbart dieses eine Spiel so viel.

Eigentlich geht es um den puren Fußball, darum dass 22 Männer auf dem Rasen unbedingt den einen Pokal haben wollen. Das ist das Wichtigste. Es offenbart wie unsere gesamte Welt durch eine Pandemie die eigene Verletzbarkeit vorgeführt bekommen hat. Und es zeigt uns, dass es überall im Leben immer nur zusammen geht und nie als egoistisches Individuum.

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Dieses Video zeigt die Momente des FC Bayern nach dem Abpfiff des Champions-League-Finals. (Länge: 48 Sekunden)

Das bessere Team hat gestern Abend auf dem Platz gewonnen, eine Mannschaft bei der jeder einzelne darum bettelte, den Fehler des anderen ausmerzen zu dürfen. Eine Einheit, die füreinander da ist und ein großes Ziel vor Augen hat - und dieses das innerhalb kürzester Zeit durch einen empathischen und uneitlen Trainer erreicht hat.

Dieser Abend war einer für die Sport-Geschichtsbücher, aber eben auch einer zum Nachdenken.

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