EURO 2020 News: Das hat Italien besser als Deutschland gemacht
Mancini, der bessere Löw: Das macht Italien besser als Deutschland
11.07.2021 | 15:20 Uhr
Italien greift am Sonntag im Endspiel gegen England nach dem ersten EM-Titel seit 1968. Es wäre die Krönung einer beachtlichen Wiederauferstehung, die auch dem neuen deutschen Bundestrainer Hansi Flick als Inspiration dienen kann.
Italiens Erfolg bei der diesjährigen EURO ist nicht ohne den Blick in die Vergangenheit zu erklären. Am 13. November 2017 befand sich die erfolgsverwöhnte Fußball-Nation weit weg von der Weltspitze, wo sie ihrem eigenen Selbstverständnis nach hingehört.
Die Schmach in den WM-Playoffs gegen Schweden und das erstmalige Verpassen der Endrunde seit 1958 datiert den Tiefpunkt des italienischen Fußballs. Zugleich war es aber auch der Beginn einer neuen Zeitrechnung, denn Krisen können seit jeher auch die Chance für einen Kurswechsel sein. Diesen hat 2018 nicht nur der neue Nationaltrainer Roberto Mancini mit Italien, sondern auch Joachim Löw mit Deutschland eingeschlagen. Allerdings in völlig unterschiedlicher Konsequenz.
Löw hat zu viel und zu lange experimentiert
Das inbrünstige Singen der Hymne, der defensive Spielstil - besser bekannt als Catenaccio - und in der Offensive das Verlassen auf die individuellen Qualitäten reicht heutzutage längst nicht mehr aus, um im Fußball erfolgreich sein zu können. Mancini, der zuvor unter anderem bei Manchester City und Inter erfolgreich gearbeitet hatte, erkannte, dass der Calcio dringend neue Impulse benötigt, um dem eigenen Selbstverständnis wieder gerechter zu werden. Eine Erfrischungskur war vonnöten.
Der Nachfolger von Gian Piero Ventura hatte klare Vorstellungen und implementierte von Beginn an das offensive 4-3-3-System, mit dem Italien derzeit europaweit für Furore sorgt. Diese Taktik war in allen 36 Spielen unter der Ägide des 56-Jährigen die Grundausrichtung und ist damit auch ein Baustein des Erfolgs. Obwohl er bis zur EM rund 70 Spieler ausprobierte, konnten sich in dem festen System Automatismen einspielen, die sich nun auszahlen. Der Unterschied zu Joachim Löw ist offensichtlich.
Der Weltmeister-Trainer von 2014 verlor sich nach dem Desaster von Russland in zahlreichen Experimenten, ließ sein Team defensiv mal in einer Dreier- oder Viererkette auflaufen und agierte offensiv mal mit einer, zwei oder auch drei Spitzen. Erst kurz vor der EM-Endrunde entschied er sich für ein 3-4-3-System und blieb darin auch konsequent, obwohl die Spieler sichtlich ihre Probleme hatten.
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Italien lebt besonderen Teamgeist vor
Die vielen taktischen Versuche verhinderten wohl auch die Installation einer neuen Spielphilosophie, zu der sich Mancini bei der Squadra Azzurra konsequent entschied. Sein Leitgedanke lautet: Offensiver Powerfußball gepaart mit hohem Pressing und schnellem Umschaltspiel. Catenaccio war gestern. Seine Spieler vertrauen ihm und füllen die Haltung mit einer emotionalen, leidenschaftlichen und mutigen Spielweise.
"Sie begeistern die Fans vor allem mit dem Fußball, den sie spielen und der Liebe zum Fußball - und das seit Tag eins", sagte Vincenzo Grifo, der im vorläufigen EM-Kader Italiens gestanden hatte, im Gespräch mit skysport.de (hier geht's zum kompletten Interview).
Mit viel Empathie hat es Mancini zudem geschafft, ohne große Stars eine verschworene Einheit zu formen. Der Teamgeist steht über allem und wird vom Betreuerstab bis zur Mannschaft mit jeder Faser gelebt. Ende 2019 holte Mancini seinen ehemaligen Mitspieler Gianluca Vialli als Delegationsleiter ins Team, der ein Jahr zuvor die Schock-Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs erhalten hatte.
Die beiden ehemaligen Weltklasse-Stürmer pflegen ein ganz besonderes Verhältnis und führten Sampdoria Genua als "die Tor-Zwillinge" zur bis heute einzigen Meisterschaft. "Unsere Beziehung geht weit über Freundschaft hinaus. Er ist wie ein Bruder für mich", sagte Mancini. Das Duo lebt den Spielern vor, worum es beim Fußball geht: Füreinander da sein, immer an sich glauben und jedem Hindernis trotzen. Diese Komponenten haben Leonardo Bonucci und Co. bis aufs Tiefste verinnerlicht.
Löws personeller Zick-Zack-Kurs rächt sich
Als Sinnbild dient die Geste nach dem Sieg im Halbfinale gegen Spanien, als die Azzurri dem schwer verletzten Leonardo Spinazzola, bis zu seinem gegen Belgien erlittenen Achillessehnenriss eine der Entdeckungen des Turniers, den Final-Einzug widmeten. Der Linksverteidiger fühlt sich dank solcher Aktionen weiter als Teil des Teams und ist auf Krücken mit nach London gereist, um am Sonntag auf der Tribüne die Daumen zu drücken. "Das ist die mannschaftlichste Mannschaft aller Zeiten", sagte Bonucci.
Das DFB-Team präsentierte sich nach außen zwar ebenfalls als homogenes Team, doch auf dem Platz war der Zusammenhalt nicht so stark, um alle Widrigkeiten überwinden zu können. Das dürfte auch mit Löws personellem Zick-Zack-Kurs zusammenhängen.
Die Ausbootung von Mats Hummels, Thomas Müller und Jerome Boateng im Frühjahr 2019 kam plötzlich und unerwartet. Trotz der nötigen Verjüngungskur konnten viele Fans und Experten diese Maßnahme nicht nachvollziehen, die Rückkehr von Hummels und Müller kurz vor dem Turnier erfolgte im Nachhinein ebenfalls viel zu spät.
Bonucci und Chiellini: Routiniers als Eckpfeiler
Dagegen handelt Mancini strikt nach Leistungsprinzip, unter ihm gibt es keine jungen und alten Spieler, es gibt nur gute und schlechte. Zu Beginn hätte er personell ebenfalls tabula rasa machen und Altstars wie Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini aussortieren können. Stattdessen machte er die letzten beiden verbliebenen Routiniers zu Eckpfeilern in seinem System.
Mancini hat es mit einem klaren Konzept und einer konsequenten Linie geschafft, den italienischen Fußball erfolgreich zu revolutionieren. Einen ähnlich Weg erhoffen sich die deutschen Fans nun auch von Hansi Flick. Ein Blick über den Tellerrand zum Nachbarn als Inspirationsquelle würde nicht schaden.
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