Ex-Bayern-Star und 52-maliger iranischer Nationalstürmer Vahid Hashemian im Sky Sport Interview

Vahid Hashemian sieht die Stärke der iranischen Mannschaft darin, auch unter schwierigen Bedingungen über sich hinauszuwachsen.

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Der frühere Bundesliga-Profi Vahid Hashemian spricht exklusiv mit Sky Sport über den WM-Auftakt des Iran, die schwierigen Rahmenbedingungen für das Team & warum ein sportlicher Erfolg allein nicht nachhaltig verändern würde

Der frühere Bundesliga-Profi und ehemalige iranische Nationalspieler Vahid Hashemian spricht über den WM-Auftakt des Iran, die schwierigen Rahmenbedingungen für das Team, die Chancen gegen Belgien – und warum ein sportlicher Erfolg allein den iranischen Fußball nicht nachhaltig verändern würde.

Sky Sport: Der Iran ist mit einem Remis gegen Neuseeland in die Weltmeisterschaft gestartet. Was hat Ihnen am Auftakt gefallen?

Hashemian: Auf dem Papier ist Neuseeland natürlich nicht so stark einzuschätzen wie Belgien oder Ägypten. Deshalb war meine Erwartung eigentlich, dass der Iran dieses Spiel gewinnen muss, wenn man die nächste Runde erreichen will.
Aber man muss auch sehen: Der Iran ist zweimal in Rückstand geraten und hat sich trotzdem zurückgekämpft. Am Ende war das Unentschieden aus meiner Sicht verdient für beide Mannschaften. Positiv war vor allem, dass die Mannschaft Moral gezeigt hat.

Sky Sport: Was sagt es über die Qualität einer Mannschaft aus, wenn sie zweimal zurückkommt und sich nicht aus dem Konzept bringen lässt?

Hashemian: Das zeigt Widerstandsfähigkeit. Und diese Moral kann in einem Turnier natürlich helfen. Aber man darf die Probleme nicht ausblenden. Die iranische Nationalmannschaft hatte vor der WM viele Schwierigkeiten. Seit dem 15. Spieltag gab es keine Liga mehr, dadurch fehlte den Spielern Spielpraxis. Es gab auch keine guten Testspiele. Teilweise haben die Spieler nur untereinander trainiert oder gegeneinander gespielt. Dazu kamen die lange Reise, Visa-Probleme, der Aufenthalt in Mexiko - und die Mannschaft ist erst sehr kurz vor dem Spiel angekommen. All das hat natürlich Auswirkungen. Trotzdem hat der Iran Moral bewiesen. Aber wenn wir die zweite Runde erreichen wollen, hätten wir aus meiner Sicht gegen Neuseeland gewinnen müssen. Und klar ist auch: Mit dieser Art und Weise können wir nicht gegen Belgien spielen.

Vahid Hashemian  im Bayern-Trikot in der Saison 2004/2005.
Image: Vahid Hashemian im Bayern-Trikot in der Saison 2004/2005.  © Imago

Sky Sport: Belgien ist vielleicht nicht mehr so stark wie vor einigen Jahren, aber immer noch eine sehr gute Mannschaft. Was muss der Iran besser machen, um eine Chance zu haben?

Hashemian: Ich habe Belgien gegen Ägypten gesehen. Ägypten hat sehr organisiert gespielt, kompakt gestanden und auf Konter gesetzt. Belgien hatte defensiv Probleme. Sie waren in der Abwehr nicht konsequent genug, haben dem Gegner viele Räume gegeben. Nach dem 1:0 hatten sie zwar die Möglichkeit, das zweite Tor zu machen, aber insgesamt war Belgien hinten nicht stabil.
Vorne haben sie natürlich enorme Qualität. Mit Kevin De Bruyne, seinen tödlichen Pässen und den Spielern in der Offensive ist Belgien immer gefährlich. Genau deshalb muss Iran defensiv viel besser auftreten als gegen Neuseeland.

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Sky Sport: Was war gegen Neuseeland defensiv problematisch?

Hashemian: Iran war defensiv sehr schwach organisiert. Es gab keine richtige Ordnung, die Abstände waren zu groß, der Gegner bekam zu viele Räume. Gegen Belgien muss Iran zunächst defensiv denken: kompakt stehen, die Abstände zwischen Abwehr und Mittelfeld deutlich verkürzen und besonders die Räume um De Bruyne und die beiden Sechser kontrollieren. Die beiden zentralen defensiven Mittelfeldspieler werden eine Schlüsselrolle haben. Sie müssen zurückarbeiten, die Innenverteidiger unterstützen und auch die Außenverteidiger absichern. Sonst bekommt Iran große Schwierigkeiten.

FIFA-Weltmeisterschaft 2030

  • Datum: 8. Juni - 21. Juli 2030
  • Ort: Marokko, Spanien, Portugal & je 1 Spiel in Argentinien, Uruguay und Paraguay
  • Eröffnungsspiel: Estadio Centenario (Montevideo, Uruguay,)
  • Finale: Estadio Santiago Bernabéu (Madrid, Spanien)

Sky Sport: Wo sehen Sie trotzdem Chancen für Iran?

Hashemian: Belgien hat Schwächen im Umschaltspiel, vor allem in der defensiven Phase. Genau dort kann der Iran gefährlich werden. Iran hat kreative und schnelle Spieler: Mehdi Taremi, Mohebi, Ghayedi - vorne gibt es Qualität. Wenn der Iran kompakt verteidigt und dann schnell umschaltet, kann die Mannschaft Belgien wehtun.

"Diese WM ist am Anfang fast wie eine Qualifikation"

Sky Sport: Sie klingen nach dem Remis gegen Neuseeland skeptisch. Hat der Iran mit diesem Kader die Qualität, erstmals in der Geschichte die K.o.-Runde einer WM zu erreichen?

Hashemian: Vorhersagen sind in diesem Turnier schwierig. Mit 48 Mannschaften ist diese WM etwas Besonderes. Auf der einen Seite ist es schön, weil viele Länder dabei sein und feiern können. Es ist ein Weltfestival. Jordanien zum Beispiel ist dabei und hat sogar sehr gut gespielt, auch wenn etwas Pech dabei war.
Aber aus meiner Sicht beginnt die eigentliche WM erst ab der nächsten Runde. Die Gruppenphase fühlt sich fast an wie eine Qualifikation für die richtige WM. Ab der zweiten Runde sehen wir dann die wirklich großen Mannschaften. Für mich gehören Frankreich, Spanien, Argentinien, Deutschland, England und Brasilien zu den Favoriten. Bei Brasilien muss man nach dem ersten Spiel noch abwarten.

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Sky Sport: Deutschland hat gegen Curaçao deutlich gewonnen. Kann man daraus schon etwas ableiten?

Hashemian: Der Gegner war sicher leicht, aber Deutschland hat das Spiel sehr ernst genommen. Das ist wichtig. In diesem Turnier haben wir schon gesehen, dass Favoriten gegen vermeintlich kleinere Mannschaften Probleme bekommen können. Spanien hatte Schwierigkeiten, Saudi-Arabien hat es gut gemacht.
Deutschland hat mit jungen und neuen Gesichtern gespielt und viele Tore geschossen. Ein Auftaktspiel ist immer wichtig. Dieser Sieg gibt Motivation für die nächsten Aufgaben.

"Iraner können unter Druck überraschen"

Sky Sport: Die iranische Mannschaft steht unter besonderen Umständen: Reiseprobleme, Visa-Themen, der Aufenthalt in Tijuana, dazu die schwierige Lage zu Hause. Kann man sich als Spieler für 90 Minuten davon freimachen?

Hashemian: Wenn man die iranische Geschichte kennt, weiß man: Iraner haben eine sehr starke Mentalität. Sie können unter Druck und in schwierigen Situationen überraschen. Iraner haben lange gelernt, mit Problemen in verschiedenen Bereichen zu leben und Lösungen zu finden.
Natürlich wissen die Spieler, dass die Vorbereitung nicht optimal war. Aber Teamgeist, Zusammenhalt und Mentalität können eine große Rolle spielen. Ich denke da zum Beispiel an Dänemark 1992: Die Mannschaft war eigentlich nicht für die Europameisterschaft qualifiziert, einige Spieler waren im Urlaub - und am Ende wurden sie Europameister. Das kann man nicht direkt vergleichen, aber es zeigt, was Mentalität und Zusammenhalt bewirken können.

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"Iran hat riesiges Potenzial - aber es fehlt an Struktur"

Sky Sport: Wie bewerten Sie die Entwicklung des iranischen Fußballs in den vergangenen zehn Jahren?

Hashemian: Man kann Generationen nicht einfach miteinander vergleichen. Zu meiner Zeit hatten wir viele Legionäre. Viele iranische Spieler waren in Deutschland aktiv: Ali Karimi, Ali Daei, Ferydoon Zandi, Mehdi Mahdavikia und andere. Heute haben wir nur noch sehr wenige Spieler, die in Europa spielen. Iran hat ein riesiges Potenzial - bei Spielern, bei Trainern, in vielen Bereichen des Fußballs. Aber dieses Potenzial muss richtig gefördert werden. Wir müssen gute Trainer ausbilden, junge Talente entwickeln und Geld an den richtigen Stellen investieren. Wir brauchen bessere Infrastruktur: Stadien, Trainingsplätze, professionelle Strukturen.
Seit meiner aktiven Zeit ist vieles professioneller geworden. Aber wenn ich Iran mit Saudi-Arabien, Südkorea oder Japan vergleiche, dann müssen wir noch sehr viel arbeiten. Dafür braucht es gutes Management.

Sky Sport: Was bedeutet gutes Management konkret?

Hashemian: Wir brauchen intelligente, fachlich kompetente Leute im Fußball. Menschen sollten Positionen nicht nur über Beziehungen bekommen, sondern weil sie Erfahrung und Fachwissen haben. Es gibt viele ehemalige iranische Spieler, die im Fußball eine wichtige Rolle spielen könnten, aber nicht eingebunden sind.
Mehdi Mahdavikia hat elf Jahre in Deutschland gespielt. Ali Daei hat enorme Erfahrung. Es gibt viele weitere Namen. Aber die Leute, die im iranischen Fußball Vereine oder Verbände kontrollieren, sind oft alt oder fachlich nicht ausreichend vorbereitet. Da muss sich etwas ändern.

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"Ergebnisse sind wie Aspirin"

Sky Sport: Würde ein Einzug in die K.o.-Runde dem iranischen Fußball helfen?

Hashemian: Kurzfristig vielleicht. Aber langfristig sehe ich das nicht als echte Entwicklung. Du kannst Weltmeister werden - wenn du keine Organisation hast, keine Talentförderung, keine Trainerausbildung, dann hilft dir der Erfolg nur für eine kurze Zeit.

Ergebnisse sind wie Aspirin: Wenn du Schmerzen hast, kannst du mit einer Tablette kurz alles vergessen. Aber danach kommt das eigentliche Problem wieder zurück. Deshalb muss Iran langfristig denken, nicht nur kurzfristig.

Sky Sport: Was würde ein Erfolg der Nationalmannschaft für das Land bedeuten?

Hashemian: Zuerst müssen wir gewinnen. Dann passiert automatisch etwas. Fußball hat im Iran eine große Bedeutung. Aber entscheidend ist, dass man aus solchen Momenten auch etwas Nachhaltiges macht.

Sky Sport: Sie selbst haben 2006 bei der Weltmeisterschaft in Deutschland gespielt. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Hashemian: Wir hatten unser Trainingslager in Friedrichshafen. Wir haben gegen Mexiko, Portugal und Angola gespielt. Das Wetter war damals fantastisch. Ich hatte den Spielern vorher erzählt, dass es in Deutschland immer regnet - und dann war alles sonnig.
Die Organisation war top. Ich habe in vielen Ländern gespielt, auch bei Asien-Turnieren, aber diese WM in Deutschland war organisatorisch herausragend. Wir hatten sehr gute Spieler, jeder für sich eine Persönlichkeit. Aber leider waren wir in dieser Situation nicht wirklich ein Team. Und egal, welche Spieler du hast: Wenn du kein Team bist, funktioniert es nicht.

WM 2026: Fakten zur deutschen Nationalmannschaft

  • Gruppe: E
  • Gruppengegner: Curaçao, die Elfenbeinküste, Ecuador
  • Trainer: Julian Nagelsmann
  • Kapitän: Joshua Kimmich
  • WM-Teilnahmen: 21
  • Weltmeister-Titel: 4 (1954, 1974, 1990, 2014)

Sky Sport: Hinzu kamen Verletzungen, oder?

Hashemian: Ja, viele Spieler waren angeschlagen. Ali Karimi hatte Probleme am Sprunggelenk, andere hatten Knieverletzungen. Auch ich hatte Knieprobleme. Ich war damals in Hannover und in Behandlung. Mir wurde gesagt, dass es schwierig wird, überhaupt zu spielen. Nach sechs Wochen habe ich in einem Testspiel gegen Kroatien 45 Minuten gespielt. Ich war nicht richtig fit - aber ich habe bei der WM trotzdem dreimal gespielt.
Wir hätten damals die zweite Runde schaffen können. Aber es kamen mehrere Dinge zusammen: etwas Pech, Verletzungen, interne und externe Probleme. Es gab Unruhe zwischen Verband und Sportministerium. Das hat der Mannschaft nicht geholfen. Trotzdem bleibt es eine tolle Erinnerung. Es war eine gute Generation - nicht nur fußballerisch, sondern auch menschlich und charakterlich. Die Menschen im Iran lieben diese Generation bis heute.

Sky Sport: Im Iran wurde die Liga wegen des Krieges unterbrochen. Sie waren zuletzt Trainer beim FC Persepolis. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Hashemian: Ich kam zum FC Persepolis, als die Mannschaft bereits zusammengestellt war. Wir hatten nur vier Wochen Vorbereitung. In den ersten acht Spielen hatten wir nur eine Niederlage. Natürlich standen wir in der Tabelle nur auf Platz sieben, aber der Abstand nach oben war gering.
Wir hatten viele Unentschieden, auch wegen vieler verletzter Spieler. Ich hatte kalkuliert, dass wir bis zur Winterpause Erster oder Zweiter werden können, weil danach Spiele gegen Teams aus dem Tabellenkeller gekommen wären. Anschließend hätte ich drei oder vier gute Spieler holen wollen, weil ich die Mannschaft ja nicht selbst zusammengestellt hatte.

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Sky Sport: Die Verantwortlichen sind zu schnell zu ungeduldig geworden?

Hashemian: Ein Trainer braucht Zeit. Vincent Kompany hatte bei Bayern auch nicht sofort nach wenigen Spieltagen alles perfekt. Felix Magath war 2008 mit Wolfsburg zur Winterpause auch nicht ganz oben - und wurde später Deutscher Meister. Aber bei uns wurde der Präsident gewechselt, ein neuer Präsident kam, und man wollte einen anderen Trainer holen. Danach lief es sportlich schlechter. Ich hatte in acht Spielen eine Niederlage, mein Nachfolger hatte in sieben Spielen fünf Niederlagen - aber ich habe meinen Job verloren.

Sky Sport: Wie geht es für Sie weiter?

Hashemian: Ich bin Trainer, ich will auf dem Platz stehen. Diese Zeit nutze ich für meine Weiterentwicklung. Ich analysiere viele Spiele, schaue viel Fußball, tausche mich mit Kollegen aus.
Meine Familie ist in Hamburg, deshalb bin ich wieder zurückgekommen. Ich habe dort auch eine kleine Fußballschule. Aber natürlich warte ich auf eine neue Herausforderung. Ich bin Fußballer, ich bin in Deutschland groß geworden - und ich hoffe, dass ich bald wieder einen Verein bekomme.

Mehr zum Autor Sven Töllner

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