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Hannover 96 vor DFB-Pokal-Duell mit Kaiserslautern: Wagner und Boldt unter Druck - wer trägt Schuld an der Krise?

In der vergangenen Saison spielte Hannover 96 noch um den Aufstieg, inzwischen befindet sich der Klub im Abstiegskampf. Trainerwechsel, Transfers und ein Führungsvakuum haben Spuren hinterlassen. Vor dem Pokalduell stellt sich die Frage: Wer trägt Verantwortung?

Sandro Wagner kann sich mit einem Sieg im Pokal wieder etwas Luft verschaffen.
Image: Sandro Wagner kann sich mit einem Sieg im Pokal wieder etwas Luft verschaffen.  © DPA pa

Am Mittwochabend bekommt Hannover 96 die nächste Chance auf einen Befreiungsschlag. In der zweiten Runde des DFB-Pokals empfangen die Niedersachsen den Zweitliga-Dritten 1. FC Kaiserslautern. Für 96 geht es inzwischen allerdings um wesentlich mehr als nur den Einzug ins Achtelfinale.

Von Janik Nestler

Nach neun Spieltagen steckt Hannover 96 tief im Tabellenkeller fest. Mit acht Punkten belegen die Niedersachsen lediglich den Relegationsrang 16. Besonders im Fokus: Sandro Wagner. Der neue Trainer wartet nach drei Ligaspielen weiterhin auf seinen ersten Sieg. Dem 0:3 in Magdeburg folgten ein 1:1 gegen St. Pauli und die ernüchternde 0:2-Derbyniederlage in Braunschweig. Ein Punkt, 1:6 Tore.

Hannover 96 gegen den 1. FC Kaiserslautern seht Ihr am Mittwoch ab 20:35 Uhr live auf Sky Sport.

Doch die Krise betrifft längst nicht nur den Trainer. Auch der Geschäftsführer Sport Jonas Boldt gerät zunehmend unter Druck. Laut BILD soll es intern inzwischen große Zweifel am 44-Jährigen geben. Klub-Patron Martin Kind habe sich bereits von Boldt abgewandt. Für zusätzlichen Unmut sollen geplante Urlaubstage unmittelbar vor dem Derby gesorgt haben. Intern werde bereits von einem "Missverständnis" gesprochen. Kind selbst wird mit den deutlichen Worten zitiert: "Wir dürfen nicht absteigen." Auf den schwachen Saisonstart hatte Boldt bereits im September reagiert und Christian Titz durch Wagner ersetzt.

DFB-Pokal, 2. Runde - Mittwoch

Ab 17:15 Uhr - live auf SKY SPORT
Freiburg -:- Wolfsburg
Dresden -:- Schalke
Paderborn -:- Stuttgart
Jeddeloh II -:- Hertha BSC
 
Ab 20:35 Uhr - live auf SKY SPORT
FC Bayern -:- Magdeburg
Leverkusen -:- Nürnberg
Kiel -:- Hoffenheim
Hannover -:- K'lautern

Unter Wagner ist die Dominanz verschwunden

Titz hatte zuvor lediglich vier Punkte aus fünf Partien geholt. Boldt begründete die Freistellung mit fehlender "Stabilität und Klarheit" sowie negativen Mustern aus der Vorsaison. Die Ergebnisse unter Titz waren schlecht, der Fußball war es jedoch meist nicht. Bereits in der vergangenen Saison produzierte Hannover mit rund 69,5 Expected Goals den höchsten xG-Wert der 2. Bundesliga. 96 dominierte viele Spiele, scheiterte aber zu häufig an der eigenen Chancenverwertung.

Auch in dieser Saison ist der Unterschied deutlich. Unter Titz erspielte sich Hannover in fünf Ligapartien durchschnittlich 2,03 xG, 17,4 Abschlüsse und 54,2 Prozent Ballbesitz. In Wagners drei Spielen sind es bislang nur 1,09 xG, 13,7 Abschlüsse und 48,7 Prozent Ballbesitz. Die Stichprobe unter Wagner ist zwar klein, der Unterschied jedoch erheblich. Unter Titz fehlten vor allem Tore und Ergebnisse. Unter Wagner fehlt bislang zusätzlich die offensive Spielidee - von Durchschlagskraft ganz zu schweigen.

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Auch defensiv bekommt 96 die Probleme nicht in den Griff. Sechs Gegentore kassierte 96 in Wagners drei Ligaspielen. Vor allem individuelle Patzer verschärfen die Lage. So zuletzt im Derby, als Leo Weinkauf den Abschluss vor dem 0:1 nach vorne abprallen ließ und Marie in der Folge abstaubte.

Wagner selbst sieht die Ursachen tiefer und erklärte, bereits in der vergangenen Saison sei "ein Stück weit was kaputtgegangen". Nach der Derbypleite blieb ihm nur die Forderung: "arbeiten, arbeiten, arbeiten". Boldt schlägt in dieselbe Kerbe. Es gebe "sehr viel Bedarf", insbesondere am Selbstvertrauen müsse gearbeitet werden. Jetzt werde sich zeigen, "wer bereit ist, sich da herauszuarbeiten". Doch Boldt ist längst nicht mehr nur derjenige, der die Krise analysieren muss. Zunehmend stehen auch seine eigenen Entscheidungen auf dem Prüfstand.

Boldts Entscheidungen funktionieren nicht

Als Boldt am 1. Juni seinen Job antrat, wollte er ausdrücklich keinen Neustart und keinen großen Umbruch. Hannover sei schließlich Vierter geworden, auf den vorhandenen Strukturen wolle man aufbauen. Gemeinsam mit Sportdirektor Ralf Becker und dem Trainerteam sollte der Kader gezielt weiterentwickelt werden. Vier Monate später ist von Kontinuität wenig übrig.

Mit Enzo Leopold, Noel Aseko, Daisuke Yokota und Nahuel Noll verlor 96 im Sommer mehrere wichtige Spieler. Die entstandenen Lücken wurden bislang nicht ausreichend geschlossen. Ein Sinnbild dafür ist Pascal Loretz. Der 23-Jährige kam mit 134 Pflichtspielen für Luzern als Stammtorhüter nach Hannover, war mehrfach für die Schweizer Nationalmannschaft nominiert worden und unterschrieb bis 2030. Rund 1,1 Millionen Euro Ablöse soll Hannover für ihn gezahlt haben - für 96 eine erhebliche Investition und eine der teuersten des Sommers.

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Nach nur einem Ligaspiel war Loretz seinen Stammplatz los. Weder unter Titz noch anschließend unter Wagner ist der vermeintliche Königstransfer in der Liga gesetzt. Wagner legte bereits am 8. Oktober fest: Weinkauf spielt zunächst in der Liga, Loretz im Pokal. Deshalb bekommt der Schweizer am Mittwoch gegen Kaiserslautern seine nächste Chance.

Noch deutlicher als Loretz steht Emir Sahiti für einen Transfersommer, der bislang zu wenig Wirkung entfaltet hat. Der Flügelspieler kam am Deadline Day vom HSV und sollte nach Yokotas Abgang die Offensive verstärken. Becker erklärte bei seiner Verpflichtung, Sahiti werde Hannover "besser machen". Im wichtigsten Spiel der bisherigen Saison saß er dennoch 90 Minuten auf der Bank. Als Wagner im Derby offensiv nachlegen musste, brachte er stattdessen die U23-Profis Tom Hobrecht und Merlin Sinanovic.

Ausgerechnet der von Boldt verpflichtete Trainer vertraute damit lieber zwei Debütanten aus der Regionalliga als einem der im Sommer geholten Neuzugänge. Viel deutlicher lässt sich das fehlende Vertrauen in Teile der Kaderplanung kaum ausdrücken. Einzig Marcel Hartel ist davon auszunehmen. Seine fußballerische Qualität ist unbestritten. Doch auch der prominenteste Neuzugang kann eine derart strauchelnde Mannschaft nicht alleine tragen.

Der Trümmerhaufen entstand nicht erst unter Boldt

Ganz bei Boldt begonnen hat Hannovers Niedergang allerdings nicht. Über Jahre prägte Marcus Mann den sportlichen Bereich. Seit 2021 baute er unter anderem das Scouting neu auf, verantwortete mehrere Kaderumbauten und stellte 96 erst unter Stefan Leitl, später noch einmal grundlegend unter Christian Titz neu auf. Zum Jahreswechsel wechselte Mann zu Red Bull Salzburg. Hannover verlor damit den Architekten seiner jüngsten sportlichen Entwicklung.

Fast zeitgleich ging mit Maximilian Lüftl eine weitere Schlüsselfigur. Der seit 2022 verantwortliche Chefscout unterstützte Mann mit seinem Team unmittelbar bei der Zusammenstellung des Profikaders und verwies bei seinem Abschied selbst auf den Transfersommer 2025 mit 18 Neuzugängen. Schalke holte ihn anschließend als Leiter für Scouting, Transfers und Kaderplanung. Seine Position blieb in Hannover zunächst offen und wurde erst Ende Mai mit Paul Wagner neu besetzt.

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Dazu kam das Schmadtke-Fiasko: Jörg Schmadtke sollte Mann als Geschäftsführer Sport beerben und war trotz eines ursprünglich bis 2029 laufenden Engagements bereits Ende März wieder weg. Bis Boldts Amtsantritt mussten Henning Bindzus und Becker die Aufgaben interimistisch auffangen. Innerhalb weniger Monate verlor Hannover damit seinen langjährigen Sportchef, seinen Chefscout und anschließend auch Manns Nachfolger. Boldt übernahm also keinen intakten sportlichen Bereich.

Das entlastet ihn ein Stück weit. Nur ist bislang kaum erkennbar, wie er diesen Zustand nachhaltig verbessern will. Im Sommer kündigte er "weniger ist mehr", klare Achsen und das Stärken vorhandener Spieler an. Nach neun Spieltagen sind weder die Achsen noch die erhoffte Stabilität wirklich zu erkennen.

Wird die Titz-Entlassung zum Bumerang?

Besonders kritisch fällt damit der Blick auf Boldts bislang wichtigste Entscheidung: die Trennung von Christian Titz. Frei von Fehlern war auch der 55-Jährige nicht. Hannover verspielte in der vergangenen Saison den Aufstieg auf der Zielgeraden. Der Tiefpunkt folgte am letzten Spieltag gegen Nürnberg: 96 hatte die Relegation selbst in der Hand, führte zweimal und kassierte in der 83. Minute noch das 3:3. Am Ende blieb nur Rang vier. Auch vier Punkte aus den ersten fünf Spielen der neuen Saison waren für die eigenen Ansprüche zu wenig.

Alleridngs hatte Titz trotz aller Rückschläge eine klar erkennbare Spielidee hinterlassen. Hannover war häufig das spielbestimmende Team, erspielte sich Chancen und wusste grundsätzlich, wie es den Gegner unter Druck setzen wollte. Selbst Wagner erklärte bei seiner Vorstellung, unter seinem Vorgänger seien viele Dinge "gut bis sehr gut" gewesen. Boldt betonte damals ausdrücklich, keinen kompletten Stilbruch vollziehen zu wollen. Fünf Wochen später steht Hannover einen Tabellenplatz schlechter als zum Zeitpunkt der Freistellung. Der Trainerwechsel ist bislang verpufft - und neben den Ergebnissen ist inzwischen auch ein großer Teil der spielerischen Dominanz verschwunden.

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Im letzten Jahr verpasste Hannover 96 den Aufstieg nur um Haaresbreite.

In 96-Fankreisen wird deshalb inzwischen sogar mit einem auf den ersten Blick absurden Gedanken gespielt: Warum nicht Christian Titz zurückholen? Konkrete Hinweise auf entsprechende Überlegungen im Verein gibt es nicht, möglich wäre eine Rückkehr grundsätzlich aber: Titz wurde freigestellt und steht noch bis 2027 unter Vertrag. Im deutschen Profifußball wäre eine solche Rolle rückwärts außergewöhnlich, in anderen Ländern wie beispielsweise Italien ist eine Rückkehr in derselben Saison geläufiger. Dass der Name Titz in Fankreisen überhaupt schon wieder fällt, sagt einiges darüber aus, wie es derzeit am Maschsee bestellt ist.

Fünf Tage, die den Druck weiter erhöhen können

Viel Zeit zum Sortieren bleibt nicht. Im DFB-Pokal wartet am Mittwoch mit dem Tabellendritten Kaiserslautern die nächste schwere Aufgabe, am Sonntag folgt mit Dynamo Dresden ein punktgleicher direkter Konkurrent im Tabellenkeller.

Das Pokalspiel wurde zwar nicht offiziell zum Endspiel für Wagner und Boldt erklärt, es könnte sich aber verdammt schnell wie eines anfühlen. Scheitert Hannover gegen Lautern, könnte das Duell mit Dresden nur vier Tage später endgültig Endspiel-Charakter für Wagner bekommen.

Denn der eine muss endlich zeigen, dass seine Mannschaft unter ihm besser werden kann. Der andere, dass seine Entscheidungen Hannover aus der Krise führen - und nicht noch tiefer hinein.

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