Köln-Kaderplaner Tim Steidten im Exklusiv-Interview mit Sky Sport

Tim Steidten war bereits für Bundesliga-Klubs wie Werder Bremen oder Bayer Leverkusen im Scoutingbereich tätig. Auch in der Premier League hat er Erfahrung gesammelt.

Zusammen mit seinem Team feilt Kaderplaner Tim Steidten beim 1. FC Köln am Kader der neuen Saison.
Image: Zusammen mit seinem Team feilt Kaderplaner Tim Steidten beim 1. FC Köln an der Mannschaft für die neue Saison.  © Imago

Im exklusiven Sky Sport Interview spricht der Kaderplaner des 1. FC Köln über seine Arbeitsweise, den wachsenden Einfluss von KI, die Vorzüge des Effzeh und über die Personalie Said El Mala.

Sky Sport: Herr Steidten, wie würden Sie ihre Aufgaben beschreiben?

Tim Steidten: Mein Hauptgebiete sind Scouting und Recruitment, damit verantwortlich für die Scoutingabteilung und die Kaderzusammenstellung. Wir erarbeiten in enger Abstimmung mit Thomas Kessler und Rene Wagner Profile für Spieler und machen Vorschläge für den Kader. Den Prozess kann man sich folgendermaßen vorstellen: Wir besprechen mit den beiden, wo wollen wir hin, was wollen wir spielen lassen, wie ist unsere Identität? Daraus ergeben sich dann die Profile und Aufgaben für die Scouting-Abteilung. Wir arbeiten mit Datenscouting, Video-Scouting und Live-Scouting. Die Ergebnisse, die sich daraus ergeben, bespreche ich in der Abteilung und wir filtern dann, was wir an Thomas und den Trainer weitergeben. Natürlich steht unsere Arbeit in der Transferphase im Fokus, aber natürlich beginnt sie viel, viel früher. Worüber wir gerade sprechen, ist das Ergebnis der Arbeit der letzten Wochen und Monate. Diese Prozesse finden kontinuierlich statt.

Sky Sport: Das heißt, es ist auf jeden Fall sehr viel auf Daten basiert?

Steidten: Daten sind heutzutage ein sehr wichtiger Faktor im Scouting, aber natürlich spielen Videos und Live-Scouting auch eine wichtige Rolle. Wir schauen uns die Spieler auch vor Ort im Stadion oder im Training an. Aber gerade wenn es um die Bewertung der Profile geht, spielen Daten eine wichtige Rolle.

Sky Sport: Wie wollt ihr spielen lassen?

Steidten: Über den Spielstil möchte ich nicht sprechen, das ist Trainersache. Für meine Abteilung und mich ist nur wichtig, welche Profile und Qualitäten wir in einer Mannschaft brauchen - wie muss sie zusammengestellt sein, damit etwas funktioniert. In unserer Denkweise im Scouting gibt es nicht mehr die klassischen Positionsprofile, wie wir sie früher kannten. Es geht viel mehr um Räume und wie wir sie bespielen wollen. Aus der Analyse der letzten Saison haben sich Themen ergeben, die wir bearbeiten müssen, wie zum Beispiel Standards. Das berücksichtigen wir natürlich auch bei der Auswahl der Profile.

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"Können uns keine Zielmärkte erlauben"

Sky Sport: Wie ist das am Beispiel Paul Okon-Engstler abgelaufen?

Steidten: Paul ist ein gutes Beispiel, weil er in Australien gespielt hat. In einer Liga, die man hier in Deutschland vielleicht gar nicht so auf dem Schirm hat. Auf ihn sind wir durch Datenscouting aufmerksam geworden. Wir haben klare Datenprofile, die wir in unsere Datenbanken geben. Im nächsten Schritt schauen wir dann, ob auch das qualitative Niveau passt. Die australische Liga ist nicht mit der Bundesliga vergleichbar. Deshalb sind Live-Eindrücke dann entscheidend, wie zum Beispiel bei der WM. Wenn diese passen, gehen wir in Gespräche.

Sky Sport: Gibt es denn noch klassische Zielmärkte?

Steidten: Nein, die gibt es nicht mehr. Das können wir uns auch nicht erlauben, wir müssen weltweit denken und können keine Märkte ausschließen. Noch vor ein paar Jahren gab es diese Möglichkeit noch nicht. Und man konnte es sich natürlich finanziell nicht erlauben, permanent um die ganze Welt zu fliegen. Aufgrund des Datenscoutings ist es heutzutage möglich, diesen Blick zu haben und dann gezielt Spieler anzuschauen.

Eckdaten der Saison 2026/2027

  • Bundesliga, 1. Spieltag: 28.08.2026
  • Bundesliga, 34. Spieltag: 22.05.2027
  • 2. Bundesliga, 1. Spieltag: 07.08.2026
  • 2. Bundesliga, 34. Spieltag: 23.05.2027
  • DFB-Pokalfinale: 29.05.2027
  • Franz Beckenbauer Supercup: 22. August 2026

Sky Sport: Sind Sie durch Ihre Geschichte ein Türöffner für den englischen Markt?

Steidten: Das ist natürlich kein Nachteil. Dadurch, dass ich dort gearbeitet habe, habe ich viele Kontakte und es ist einfacher in Gespräche zu kommen. Aber dieser Markt war auch schon vorher ein Thema beim FC, bereits im Winter kam ja zum Beispiel Jahmai (Simpson-Pusey, Anm.Red.).

Sky Sport: Gab es einen Wert, zum Beispiel jetzt bei Paul, der herausgeragt hat?

Steidten: Das Volumen war bei ihm ein Wert, der herausgeragt hat.

Sky Sport: Gibt es dann noch Überraschungen?

Steidten: Was die physischen Daten angeht, sind Spieler nahezu gläsern geworden. Gleichzeitig rekrutieren wir Menschen. Mentalität und Charakter sind natürlich auch extrem wichtig. Auch wenn ein Spieler datenbasiert top ist, kann es sein, dass man in den Gesprächen feststellt, dass es einfach nicht passt.

Sky Sport: Kann es im ersten Schritt sein, dass ihr dem Trainer Profile hinlegt, ohne dass ein Name darübersteht?

Steidten: Zu Beginn des Prozesses sprechen wir nur über die Profile, nicht über Namen. Das kommt im zweiten Schritt, wenn wir uns konkret mit der Persönlichkeit beschäftigen. Was ist das für ein Typ, was ist das für ein Mensch, passt er charakterlich zu uns?

"Für junge Spieler sind Einsatzzeiten entscheidend"

Sky Sport: Sie suchen also nicht nach Prominenz, um den Leuten etwas zu bieten?

Steidten: Nein, das spielt im Recruitingprozess im ersten Schritt keine Rolle. Klar ist aber auch, dass wir nicht nur auf dem Platz zeigen, wo wir hinwollen, sondern auch neben dem Platz. Die Verpflichtungen, die wir machen, stehen nicht nur für Qualität, sondern auch für unseren Weg, den wir gehen möchten. Es ist wichtig für uns, dass Spieler bei uns einen klaren Weg erkennen und es für sie ein logischer Schritt ist, zum FC zu kommen.

Sky Sport: Das Aussuchen des Spielers ist eine Sache, aber den dann auch zu bekommen, bestimmt die schwierigere. Was ist Ihr Argument für den FC?

Steidten: Für junge Spieler zum Beispiel sind Einsatzzeiten entscheidend. Die Voraussetzung dafür ist, dass wir ein Umfeld haben, das das auch zulässt. Junge Spieler zu entwickeln, bedeutet auch, Fehler machen zu dürfen und setzt das Verständnis voraus, dass es möglicherweise Zeit braucht. Deswegen ist das Argument bei jungen Spielern immer, dass du ihnen Spielzeit gibst. Bei erfahrenen Spielern, wie zum Beispiel bei Gideon (Mensah, Anm.Red.) wussten wir, dass er auf Tradition, auf Fans, auf Emotionen Bock hat. Das war ein wichtiger Faktor, warum er sich für den FC entschieden hat. Köln gilt dann irgendwann als Klub, bei dem sich junge Spieler entwickeln können. Das ist unser Ziel. Wir wollen mit dem FC eine Nische besetzen, da wir bei der Verpflichtung von Spielern in Konkurrenz zu allen anderen Clubs stehen. Auf diesem Weg wird es entscheidend sein, dass wir in der Bundesliga spielen. Diese Plattform, in einer der fünf großen Ligen in Europa zu spielen, ist eines der wichtigsten Argumente.

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Sky Sport: Ist das Gehalt Teil der Datensätze?

Steidten: Nein, das Thema Gehalt spielt erstmal keine Rolle. Die Scouts gehen nicht mit einem Budget auf die Suche. Diese Bewertung erfolgt im zweiten Schritt, bei dem wir abwägen, ob ein möglicher Transfer in einem realistischen Rahmen abbildbar ist.

Sky Sport: Was die Persönlichkeit betrifft, welche Wege habt ihr, um das möglichst gut abzuklopfen im Vorfeld?

Steidten: Wir ziehen alles in Betracht, was möglich ist, sprechen mit unserem Netzwerk, das können Mitspieler sein, Trainer oder Staffmitglieder. Dazu kommen die persönlichen Gespräche, die sehr entscheidend sind. Wie beim Recruiting von Mitarbeitenden gibt es auch bei Spielern gewisse Fragenkataloge, die wir nutzen, um sie besser einschätzen zu können.

Sky Sport: Wie entscheidet man? Ist das eher eine Bauchentscheidung?

Steidten: Die menschliche Komponente ist das Entscheidende. Die Daten können noch so gut sein, wenn das gegenseitige Verständnis nicht passt, gibt es keine Verpflichtung.

Sky Sport: Wie verändert die KI den Arbeitsalltag?

Steidten: KI ist immer da hilfreich, wo es um die Datenflut geht. Daten stehen in einem riesigen Ausmaß zur Verfügung, die viel wichtigere Frage ist aber, wie Du sie filterst? Dazu kommen viele Dinge im Alltag, die durch KI inzwischen deutlich erleichtert werden und hilfreich sind.

"Erwarten von allen Spielern das Maximum"

Sky Sport: Was erwarten Sie von den Spielern?

Steidten: Wir erwarten von allen Spielern das Maximum und haben den Glauben daran, dass sie dieses Maximum auch abrufen können. Sonst würden wir sie nicht verpflichten.

Sky Sport: Wie emotional verfolgen Sie dann die Spieler, die Sie geholt haben?

Steidten: Ich habe sehr viel Vertrauen in die Abteilung und unsere Entscheidungsfindung. Kein Spieler kommt einfach so, sondern immer mit der Überzeugung, dass sie ihren Beitrag leisten können, um unsere Ziele zu erreichen. Trotzdem hat man auch immer eine Verantwortung gegenüber den Spielern, viele kommen aus einem anderen Land, aus einer anderen Liga, deshalb schauen wir auch darauf, dass sie gut bei uns ankommen und sich im Club und in der Stadt wohlfühlen. Das ist auch eine wichtige Voraussetzung, um Leistung abrufen zu können. Unser Players Care Team sowie der gesamte Verein machen es den Spielern hier so einfach und angenehm wie möglich.

Fakten zum 1. FC Köln

  • Spitzname: Die Geißböcke
  • Gründung: 13. Februar 1948
  • Vereinsfarben: Rot-Weiß
  • Stadion: RheinEnergieStadion
  • Trainer: Lukas Kwasniok
  • DFB-Pokalsiege: 4 (zuletzt 1983)

Sky Sport: Bei Reigan Heskey und Gideon Mensah, die kommen nicht aus dem Datenscouting, weil Sie die schon kannten?

Steidten: Auch bei Spielern, die man kennt, werden immer die Daten miteinbezogen. Natürlich sind Kontakte in die Branche wichtig, aber niemand kommt zu uns, nur weil ich seinen Berater gut kenne. Wir müssen den Spielern eine überzeugende Perspektive aufzeigen.

Sky Sport: Wie gehen Sie mit Flops um?

Steidten: Wir werden nicht perfekt sein. Es wird auch Spieler geben, die nicht so funktionieren wie wir es uns vorstellen. Damit werden wir ehrlich umgehen - damit wir daraus lernen.

Sky Sport: Sie waren auf Leverkusener Seite daran beteiligt, Florian Wirtz aus Köln zu holen. Kann so etwas heute nochmal passieren? War es ein Leverkusener Geniemove oder war es ein Kölner Fehler?

Steidten: Das ist schwer zu sagen, weil ich zur damaligen Zeit keine Einblicke in die Entscheidungsfindung der Kölner hatte. In meinen Augen, von außen betrachtet, war es aber kein Fehler.

Sky Sport: Wie schaut man denn in Leverkusen auf Köln?

Steidten: Ich glaube, so wie wir auf Leverkusen schauen. (lacht)

"FC ist ein cooler, emotionaler Klub mit geilen Fans"

Sky Sport: Was hat Sie vom 1. FC Köln überzeugt?

Steidten: Nach der Zeit in England waren für mich zwei Dinge wichtig: Zum einen wollte ich zurück nach Deutschland, um wieder näher bei meiner Familie zu sein, zum anderen ist die menschliche Komponente bei der Zusammenarbeit für mich ganz entscheidend. Nach dem ersten Gespräch mit Thomas war mir relativ schnell klar, dass das passt. Dazu hat mir Thomas einen überzeugenden Weg aufgezeigt und ein klares Rollenverständnis. Und natürlich ist der FC ein cooler, emotionaler Klub mit geilen Fans und einem geilen Stadion.

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Sky Sport: Köln hat einen jungen Trainer, einen Sport-Geschäftsführer, der gerade loslegt. Sehen Sie hier die Chance, eine Ära gestalten zu können?

Steidten: Absolut. Ich wäre nicht gekommen, wenn ich nicht das Gefühl hätte, dass wir hier etwas bewegen können. Ich sehe ein Riesenpotenzial in diesem Verein. Und die Voraussetzungen sind gut. Wir haben einen jungen Trainer, der nicht nur junge Spieler fördern und entwickeln will, sondern alle Spieler. Ein Geschäftsführer-Sport, der mutig ist, Entscheidungen zu treffen und den Menschen, mit denen er zusammenarbeitet, zu vertrauen.

Sky Sport: Sind Sie auch eine Art interner Berater, beziehen Spieler Sie in ihre Zukunftspläne ein, damit Sie Rat geben und auch reagieren können?

Steidten: Klar gibt es Jungs, die nach Rat fragen. Das hilft natürlich, weil man ein Gespür dafür entwickelt, wie sie sich und ihre Rolle im Klub gerade sehen.

Sky Sport: Ist das Interesse anderer Vereine an Spielern, läuft das dann auch über Sie?

Steidten: Klar, wenn man solange dabei ist, erkundigen sich Berater oder Vereinsvertreter, wie es bei gewissen Themen aussieht.

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Sky Sport: Wie stehen Sie zu Beratern?

Steidten: Berater sind ein Teil des Geschäfts und man sollte ihre Arbeit anerkennen, sie hat ihre Berechtigung.

Sky Sport: Können Sie uns verraten, was noch passieren wird beim FC in diesem Sommer und wo Sie suchen?

Steidten: Wir werden noch etwas machen, das ist klar. Dazu bin ich engem Austausch mit Thomas und Rene.

Sky Sport: Sind sie frustriert, wenn etwas nicht funktioniert?

Steidten: Natürlich ärgert man sich, wenn Dinge nicht funktionieren. (lacht).

Sky Sport: Gehört auch Mut dazu, etwas zu versuchen, das geringe Aussichten hat?

Steidten: Man holt sich auch mal eine blutige Nase. Aber man verliert ja nichts, wenn man mutig ist und einfach mal anruft und fragt, wie die Situation ist.

"El Mala fühlt sich sehr wohl"

Sky Sport: Wie schätzen Sie die Lage um Said El Mala ein?

Steidten: Das mag vielleicht komisch klingen, aber das ist bei uns gar nicht so ein großes Thema. Wir sind da absolut entspannt. Said ist Spieler des 1. FC Köln und er fühlt sich sehr wohl - und wir fühlen uns genauso wohl mit Said, insofern gibt es aktuell auch überhaupt keinen Grund über etwas anderes zu sprechen.

Sky Sport: Wenn das Gegenüber weiß, dass man Geld hat, wird es dann teurer?

Steidten: In England war die Situation so, dass alle wussten, dass man Geld hat. Deswegen war der ein oder andere Spieler vielleicht auch teurer als sonst. Aber diesen Unterschied kann man auch dementsprechend mit einkalkulieren, wenn es ums Budget geht. Aber es ist auch immer eine Frage der Zeit: Wenn sich deine Kassen erst zwei Tage vor Transferschluss füllen, ist das in dem Moment auch nichts wert.

Mehr zum Autor Marlon Irlbacher

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