Matthäus: Müller ist auf der Außenbahn verschenkt
Matthäus-Kolumne: "So sehe ich das"
08.10.2019 | 18:01 Uhr
Rekordnationalspieler und Sky Experte Lothar Matthäus analysiert jede Woche exklusiv in seiner Kolumne "So sehe ich das" aktuelle Themen aus der Bundesliga und der Fußballwelt auf skysport.de. Dieses Mal bewertet er die Länderspiele gegen Frankreich und Peru.
Die ersten beiden Länderspiele nach unserer desaströsen WM in Russland waren eine Steigerung zu den gebotenen Leistungen der Nationalmannschaft beim letzten Turnier. Das soll jetzt aber kein allzu großes Lob sein, denn schlimmer als bei der WM kann man sich nicht präsentieren.
Beim 0:0 gegen Frankreich und beim 2:1 gegen Peru konnte man erkennen, dass sich die Mannschaft von Jogi Löw vor allem vorgenommen hat, anders aufzutreten. Das Team hat mehr Einsatz, Leidenschaft, Einstellung und spielerische Klasse gezeigt. Das wird jetzt alles noch einige Zeit dauern bis der Rückschlag so richtig verdaut ist und das Selbstbewusstsein und die Spielfreude wieder zurück sind. Einige Dinge bereiten mir jedoch ein wenig Kopfzerbrechen.
Problem 1: Vier Innenverteidiger gegen Frankreich
Wieso spielen wir teilweise mit vier Innenverteidigern in der Abwehr? Ich kann den Impuls verstehen, defensiv so kompakt wie möglich zu stehen. Aber vier gelernte Innenverteidiger in der Viererkette bedeutet auch, dass auf den Außenbahnen zwei Profis agieren, die sich zum einen innen wohler fühlen und zum anderen nicht den Zug nach vorne haben, den ein gelernter Außenverteidiger mitbringt.
Es fehlt dadurch Kreativität, ein Dribbling oder auch die Präzision bei Flanken von der Grundlinie. Man kann das so machen, das hat auch Trapattoni in Salzburg damals gemacht, aber der Anspruch einer großen Fußballnation sollte ein anderer sein.
Problem 2: Kein echter Sechser
Und damit kommen wir zur nächsten Baustelle: die Sechserposition. Löw hat Kimmich auf die zentrale, defensive Mittelfeldposition gesetzt. Der Spieler hat sich unglaublich darüber gefreut und auch ordentlich gespielt, denn es ist seine angelernte Position. Als rechter Verteidiger war Kimmich in den vergangenen zwei Jahren allerdings überragend und unersetzlich. Außer Sebastian Rudy und Emre Can haben wir keine richtigen Sechser. Beides sind wirklich gute Spieler. Aber auch nicht mit außergewöhnlicher Qualität ausgestattet.
Problem 3: Kein Mittelstürmer
Das dritte große Fragezeichen ist unsere Nummer neun. Besser gesagt: der Mittelstürmer, den wir anscheinend nicht haben. Weder Reus noch Werner sind Mittelstürmer. Ja, sie sind torgefährlich, aber das Strafraumzentrum ist nicht ihre Heimat.
Die sollen mit Geschwindigkeit über die Flügel kommen und die Abwehrreihen auseinandernehmen. Aber es sind keine Goalgetter. Nils Petersen ist das, und er hat absolut die Berechtigung als Joker gebracht zu werden. Aber ähnlich wie bei Jonas Hector bin ich der Meinung, dass ein Spieler aus Freiburg oder Köln ohne große internationale Erfahrung nicht das Allheilmittel für eine der führenden Fußballnationen sein kann.
Selke und Ginczek als Hoffnungsträger
Ich habe immer noch die Hoffnung, dass Davie Selke über kurz oder lang eine Lösung für unser Sturmproblem sein kann. Auch der Wolfsburger Daniel Ginczek bringt vieles mit, um auch in der Nationalmannschaft Tore zu schießen. Sollte er über einige Monate verletzungsfrei bleiben und seine Seuchenzeit endlich beenden, wäre er ein Kandidat für mich.
Problem 4: Löw hat die richtige Position für Müller nicht gefunden
Was mir aber am allerwichtigsten ist und da möchte ich eine große Bitte, ja einen Appell, an Jogi Löw richten: Bitte finde die richtige Position für Thomas Müller! Auf der offensiven rechten Außenbahn ist Thomas Müller verschenkt. Das hat man nicht nur gegen Frankreich gesehen. Ihm fehlt das Dribbling und das Tempo.
Thomas muss entweder auf einer offensiven Halbposition spielen, so wie er es jetzt bei Bayern tut, oder im unmittelbaren Umfeld des Mittelstürmers agieren. Im Strafraum mit Blick aufs Tor. Entweder Löw lässt ihn dort spielen, wo er wertvoll, wichtig und herausragend ist - oder man lässt es bleiben. Mit Sane, Reus, Werner und dem starken Brandt haben wir mindestens vier Außenspieler, die auch dahin gehören. Thomas Müller zählt nicht dazu.
Fazit: Je nachdem auf welcher Position Joshua Kimmich spielt, haben wir ein Problem auf der Sechs oder hinten rechts und eben im Sturmzentrum.
Es kann nicht sein, dass wir es in Deutschland nicht mehr schaffen, einen Weltklasse-Mittelstürmer auszubilden oder klassische Außenverteidiger plötzlich nicht mehr vorhanden sind.