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Kolumne "So sehe ich das"

Matthäus über Götze: Mal drei Monate kein Instagram

25.09.2018 | 23:23 Uhr

Exklusiv bei Sky: Die Kolumne von Lothar Matthäus.
Image: Exklusiv bei Sky: Die Kolumne von Lothar Matthäus. © Sky

Rekordnationalspieler und Sky Experte Lothar Matthäus analysiert jede Woche exklusiv in seiner Kolumne "So sehe ich das" aktuelle Themen aus der Bundesliga und der Fußballwelt auf skysport.de. Dieses Mal hat er einen Rat für Mario Götze.

Nun also der nächste sportliche Tiefpunkt für Mario Götze bei Borussia Dortmund. Nachdem er in Brügge von Beginn an ran durfte, saß er in Hoffenheim auf der Tribüne. Mario hat nun im "kicker" verraten, dass er es nicht schaffe, die Kritik "auszublenden". Es sei für ihn eine "Herausforderung."

"Mario muss jeden Stein umdrehen"

Ich glaube es ist an der Zeit, dass Mario, seine Berater, seine Familie, der BVB und die Verantwortlichen, so wie alle Menschen die es gut mit ihm meinen - aber vor allem er selbst - jeden Stein umdrehen, unangenehme Wahrheiten aussprechen, und alles, aber auch wirklich alles tun, damit Mario Götze wieder eine Macht auf dem Fußballfeld wird.

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Ich erinnere mich an eines seiner ersten Länderspiele in Stuttgart gegen Brasilien im August 2011. Wir gewannen 3:2. Mario schoss das 2:0. Spritzig, wendig, trickreich, austrainiert und mit genialen Bewegungen und Ballbehandlungen. Da war er gerade 19 Jahre alt und hat Weltstars wie Julio Cesar, Lucio oder Thiago Silva entzaubert. Was war damals da, was heute nicht mehr vorhanden ist, Mario?

"Wünsche mir Götze als Spieler des Spiels"

Ich wünsche mir wirklich von Herzen, Mario in dieser Kolumne oder bei mir im Interview nach dem Topspiel bei Sky als Spieler des Spiels in den Himmel zu loben. Das wäre mir so viel lieber als ihn zu kritisieren oder nach Gründen für seine abhanden gekommene Form zu suchen.

Er hat nach vier Spieltagen keine einzige Minute in der Liga absolviert. In den Pokal-Wettbewerben durfte er ran, wurde ausgewechselt und weder in Fürth noch in Brügge konnte er glänzen. Der Fairness halber muss man sagen, dass der BVB in beiden Spielen enttäuscht hat. Und zwar fast alle Spieler, nicht nur Mario. Auch wenn beide Partien gewonnen wurden.

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Wunsch an Götze: mehr Emotionen zeigen

Ein bisschen mehr Emotionen würde ich mir von Mario wünschen. Und die können und müssen auch mal etwas heftiger ausfallen. Kopf ganz hoch. Brust raus. An sich glauben, komme was wolle. WM 2014, abhaken. Probleme mit Pep, Tuchel oder wem auch immer sind vorbei. Es zählt nur das Jetzt!

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Er muss seinen Unmut zeigen, sauer auf den Trainer sein, weil er ihn nicht spielen lässt. Nicht nur durch feine Pässe, sondern auch mal mit körperlicher Härte im Training auffallen ohne unglaubwürdig zu sein.

"Mal für drei Monate kein Instagram"

Wenn man merkt, dass man mit dem, was man tut, seit Jahren auf der Stelle tritt, oder sich gar rückwärts bewegt, dann muss man irgendwann mal etwas ändern. Vielleicht sogar radikal sein. Dann gibt es eben mal für drei Monate kein Instagram. Dann trainiere ich eben mal individuell an Dingen, die ich vielleicht vernachlässigt habe, noch härter. Dann tausche ich vielleicht meine Berater, privaten Trainer oder sonstige Dinge aus.

Wut und negative Energie in Motivation verwandeln

Es kann einfach nicht sein, dass so ein feiner Kerl mit fußballerischen Anlagen, die kaum einer hat, nach einem Spiel in der Champions League auf die Tribüne muss.

Das muss ihn so sauer und wütend machen, dass er die daraus entstehende negative Energie in Motivation verwandelt. Das ist die Kunst, wenn man im Hochleistungssport ganz oben sein will.

Der Trainer nimmt da keine Rücksicht. Die letzten Trainer haben das auch nicht getan. Also liegt es, wie immer, an einem selbst. Nur er alleine ist verantwortlich. Wenn er das einmal eingesehen hat und sich und seinen Stärken wieder vertraut, muss und wird das eine positive Veränderung mit sich bringen.

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Nicht von Kritik runterziehen lassen

Ich wurde früher oft von den Fans, der Presse oder meinem Umfeld für jedes schlechte Bayern- oder Deutschland-Spiel verantwortlich gemacht. Und da gab es nicht immer Rückendeckung vom Klub.

So manches Mal wurde ich von Uli Hoeneß in der Öffentlichkeit so heftig kritisiert, dass andere sich davon monatelang nicht erholt hätten. Aber ich hab mich davon nicht lange runterziehen lassen. Und das war alles andere als schön oder leicht. Aber ich habe das als Motivation gesehen. Ich hab innerlich zu mir gesagt: "Uli, dir und allen anderen Kritikern werde ich's zeigen!" Und das habe ich dann auch getan.

Hart an sich arbeiten

Ich weiß, das ist eine Charaktersache und möglicherweise ist das nicht die Art, wie Mario mit Kritik umgeht und sie empfindet. Das ist natürlich völlig in Ordnung. Jeder darf mit Kritik anders umgehen. Aber wenn er irgendwann einmal wieder annähernd an die spielerische Klasse von vor Jahren anknüpfen will, dann muss er das jetzt hinter sich lassen und so hart an sich arbeiten, dass weder Favre noch irgendein anderer Trainer an ihm vorbei kommt.

Das muss er ausstrahlen, das muss er einfordern, das muss er mit jeder Faser seines Körpers wollen und mit jedem Gedanken anvisieren. Das muss er in jedem Training sich, seinen Mitspielern und seinem Trainer unmissverständlich beweisen.

Bremen wäre ein gutes Umfeld für Götze

Und wenn das in Dortmund nicht klappen sollte, dann geht es eben weiter. Wo ist das Problem? Dann muss er einen Verein finden, der ihm zu hundert Prozent vertraut, hilft, ihn spielen lässt und keine Angst vor den Schlagzeilen hat, die ein solcher Transfer mit sich bringt. Ich könnte mir vorstellen, dass das in der Bundesliga Werder Bremen ist.

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Ich würde es Florian Kohfeldt, den Bremer Verantwortlichen, den Fans und der Presse dort zutrauen, das richtige Umfeld für Mario zu sein. Kohfeldt hat ein tolles Händchen für verschiedenste Spieler-Typen. Erfahrene wie Pizarro, spezielle wie Kruse und und und...

Die verlorene Geschwindigkeit, das Selbstvertrauen für ein Dribbling, das magische Auge für den Mitspieler und den Riecher für Tore muss er natürlich auch dort wiedererlangen. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, Mario Götze wieder glänzen und strahlen zu sehen. Ich hoffe, er auch nicht.

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