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Nach Tränen und Zweifeln: Weiser über sein Märchen-Comeback: "Es war wie eine Explosion"

Nach langer Leidenszeit feierte Mitchell Weiser mit seinem Last-Minute-Siegtor gegen Augsburg ein emotionales Comeback-Märchen. Im RTL & Sky Sport Interview spricht der Werder-Profi über Zweifel, Tränen, seinen Weg zurück und einen Moment, den er nie vergessen wird.

Mitchell Weiser bejubelt seinen Siegtreffer gegen Augsburg.
Image: Mitchell Weiser bejubelt seinen Siegtreffer gegen Augsburg.  © Imago

Mitchell Weiser blickt offen auf die schwerste Phase seiner Karriere zurück. Nach seinem umjubelten Siegtor gegen Augsburg beschreibt der Werder-Star die Gefühlswelt hinter seinem Comeback und verrät, warum sich der Treffer "wie eine Explosion" angefühlt hat.

Sky Sport: Testspielniederlage war ein ungewöhnlich schwacher Auftritt von euch. Das Ergebnis hat zwar keine Auswirkungen auf die Tabelle, liefert aber Kritikern Nahrung. Wie habt ihr das intern aufgearbeitet?

Mitchell Weiser: Wir haben natürlich angesprochen, dass das nicht gut war. Aber für mich persönlich ist das Spiel abgehakt. Ich habe danach nicht mehr viel darüber nachgedacht. Wobei ich vielleicht auch eine etwas andere Perspektive darauf habe: Für mich war es trotzdem schön, endlich wieder von Anfang an auf dem Platz zu stehen. Die letzten Testspiele musste ich bei YouTube oder von der Tribüne aus verfolgen. Deshalb hat es mir auf eine gewisse Art trotzdem Spaß gemacht. Das Ergebnis und die Leistung habe ich erst einmal aus meinem Kopf gestrichen. Für meinen Körper war es trotzdem ein guter Test.

Sky Sport: Ist es nach so einem Spiel besser, es möglichst schnell abzuhaken - oder muss man gerade aus einer solchen Leistung Lehren ziehen?

Weiser: Das ist eigentlich nach jedem Spiel gleich, egal ob du verloren oder vorher gewonnen hast. Es gibt immer Dinge, die nicht gut waren. Diesmal waren es eben mehrere. Aber grundsätzlich sind das Themen, an denen wir ohnehin arbeiten müssen - auch wenn die Spiele davor erfolgreicher waren. Natürlich ziehen wir unsere Lehren daraus. Mit „löschen" meine ich nicht, dass ich die inhaltlichen Dinge ausblende. Ich lösche das Ergebnis. Ich glaube, das tut uns allen gut. Die inhaltlichen Dinge müssen wir mitnehmen und daran weiterarbeiten.

Sky Sport: Jetzt geht es nach Dortmund. Ist das die perfekte Gelegenheit zu zeigen, dass Werder ein ganz anderes Gesicht hat?

Weiser: Mir ist das Testspiel jetzt ehrlich gesagt schon fast zu viel Thema. Ich habe mich damit gar nicht mehr groß beschäftigt. Für Dortmund sind die Themen entscheidend, die Dortmund betreffen. Klar ist: Eine solche Leistung können wir dort nicht bringen. In Dortmund ist allerhöchstes Bundesliga-Niveau gefragt. Wir werden einen Top-Tag brauchen, um dort Punkte zu holen - ganz unabhängig davon, was dann im Detail taktisch oder inhaltlich gefragt ist.

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Sky Sport: Kommen wir zu deiner persönlichen Situation. Hinter dir liegt eine lange Leidenszeit. Dann das Comeback gegen Köln und anschließend dein Last-Minute-Siegtreffer gegen Augsburg. Wie hast du diese Wochen emotional erlebt?

Weiser: Es war unglaublich. Das alles hat sich ein bisschen wie ein Traum angefühlt. Erst einmal überhaupt das Comeback. Im Hintergrund gab es außerdem ein paar Dinge, über die ich nicht sprechen kann, bei denen ich kämpfen musste, um überhaupt auf dem Platz zu stehen. Deshalb war in diesen Wochen sehr viel Bestätigung dabei - für meinen Glauben an mich selbst und für meinen Willen. Nach dieser langen Zeit war das sehr befreiend.

Es war für mich auch die Bestätigung, dass man immer an sich glauben muss und dass man für sich als Person häufig selbst am besten weiß, was richtig ist.

Sky Sport: Ist es dir während der gesamten Reha gelungen, diesen Glauben an dich zu behalten? Oder gab es auch Momente, in denen du gezweifelt hast, ob du wieder der Alte werden kannst?

Weiser: Natürlich gibt es solche Tage. Grundsätzlich bin ich ein positiv eingestellter Mensch. Ich glaube sehr stark an mich und suche immer nach Wegen, diesen Glauben aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig suche ich nach Dingen, die ich verändern oder verbessern kann.

Aber wenn du jeden Morgen aufstehst, jede Treppe bewusst wahrnimmst und irgendwann fast eine Psychose daraus entwickelst, wie sich dein Knie oder dein Körper gerade anfühlt, dann ist das nicht einfach.

Trotzdem bin ich froh, dass ich diese Zeit erleben durfte. Stand jetzt glaube ich, dass sie mich für mein Leben auf jeden Fall weitergebracht hat. Und ich hoffe natürlich, dass sie mich auch in meiner Karriere und hinsichtlich meiner Qualität als Fußballer weiterbringt. Ich glaube, dass ich persönlich große Schritte gemacht habe. Darauf bin ich sehr stolz. Und jetzt kann ich es kaum erwarten, weiterzumachen.

Sky Sport: Ich habe mit Nico Stempel gesprochen, mit dem du während deiner Reha sehr viel Zeit verbracht hast. Er hat gesagt, es habe eigentlich keinen Moment gegeben, in dem du aufgeben wolltest. Wie hast du verhindert, dass Frust irgendwann die Oberhand gewinnt?

Weiser: Ich habe mir dafür ein bestimmtes Konstrukt aufgebaut. Mit meinem privaten Coach hatte ich einmal in der Woche sozusagen meinen Exit aus dem Alltag hier. Viele Spieler absolvieren ihre Reha an anderen Orten oder teilen sie auf. Für mich kam das nicht infrage, weil meine Familie hier ist. Ich wollte nicht mehrere Wochen ohne meine Familie irgendwo anders leben. Deshalb war ich an Bremen gebunden.

Umso wichtiger war es für mich, einmal in der Woche aus dieser Bubble herauszukommen. Denn die sportliche Situation hier war ja insgesamt nicht gut. Und natürlich war ich auch mit meiner Reha nicht immer zufrieden. Es hat hier nicht gerade vor Positivität gesprüht.

Deshalb habe ich mir diesen einen Tag genommen, an dem ich komplett rausgekommen bin. Dort habe ich immer wieder eine andere Perspektive darauf bekommen, worauf es wirklich ankommt. Dadurch konnte ich mich wieder positiv auf die kommende Woche einstellen. Das war für mich sehr wichtig.

Sky Sport: Wie wichtig war deine Familie in dieser Zeit? Zu Hause haben sich die gewohnten Abläufe schließlich ebenfalls komplett verändert.

Weiser: Das war auch ein Prozess. Normalerweise besteht mein Alltag daraus, dass ich an den Wochenenden meine Spiele habe. Plötzlich war ich jedes Wochenende zu Hause. Die Abläufe haben sich dadurch verändert.

Es war natürlich auch eine schöne Zeit, weil ich beispielsweise die kompletten Wochenenden mit meinen Kindern verbringen konnte. Aber gleichzeitig hat mir der Wettkampf gefehlt. Ich würde nicht sagen, dass ich das innerhalb der Familie ausgelebt habe. Aber natürlich gab es Situationen, in denen ich gemerkt habe, dass mir dieser Ausgleich fehlt.

Sky Sport: Dann kam dieser Siegtreffer gegen Augsburg in der Nachspielzeit. Von außen wirkte dein Jubel wie eine Mischung aus purer Freude und unglaublicher Erleichterung. Wie hast du diesen Moment erlebt?

Weiser: Es war unglaublich. Viele Leute haben mir hinterher geschrieben und gesagt: "Wir wussten alle, dass du noch dieses Tor machst."

Und irgendwie hatte ich dieses Gefühl im Stadion auch. Ich weiß nicht, ob das damit zusammenhing, dass ich eine Woche vorher geweint hatte oder warum es so war. Aber ich hatte wirklich das Gefühl, dass mir in diesem Moment sehr viele Menschen Energie gegeben haben.

Natürlich habe ich selbst immer fest daran geglaubt. Wo diese Energie anfängt und wo sie aufhört, kann ich auch nicht erklären. Aber für mich war es ein unfassbarer Moment. Und ich glaube, für viele Menschen im Stadion und natürlich für meine Mannschaft ebenfalls.

Ich habe eigentlich immer noch keine richtigen Worte dafür, was da passiert ist.

Sky Sport: Zumal es auch fußballerisch kein ganz gewöhnliches Tor war.

Weiser: Nein. Und das sage ich jetzt nicht, um mich selbst zu pushen. Ich bin mit meinem linken Fuß nicht schlecht, aber das war schon ein sehr schwieriger Schuss.

Ich glaube, jede Energie, jedes Prozent, das ich in den vergangenen Monaten versucht habe aus mir herauszuholen, jede Träne und jeder Tropfen Schweiß - all das ist in diesem Moment herausgekommen. Dazu kam der Glaube anderer Menschen an mich und natürlich mein eigener Glaube. Es war wie eine Explosion.

Sky Sport: Danach bist du unter einer riesigen Jubeltraube verschwunden. Kannst du dich überhaupt noch daran erinnern, was dir deine Mitspieler in diesem Moment gesagt haben?

Weiser: Nur teilweise. Gegen Ende des Spiels gab es beispielsweise eine Situation, in der Marco (Friedl, Anm. d. Red.) vom Platz musste. Da habe ich gemerkt, dass ich überhaupt nicht mehr richtig wusste, was gerade passiert. Ich dachte kurz, Marco hätte eine Rote Karte bekommen, weil er plötzlich vom Platz gegangen ist.

Es war alles wie ein Traum - eigentlich wie ein ziemlich wirrer Traum.

Aber ich habe es absolut genossen, nach dem Spiel mit den Jungs zu feiern. Genau das hat mir am meisten gefehlt: mit elf Spielern - und natürlich noch mehr Jungs drumherum - auf dem Platz zu kämpfen und gemeinsam diesen Glauben zu entwickeln, ein Spiel gewinnen zu können.

In diesem Fall haben wir das Spiel sogar gedreht. Das ist für mich das Beste, was Fußball zu bieten hat. Und dass ich das schon in meinem zweiten Spiel nach meiner Rückkehr und dann auch noch in einem Heimspiel erleben durfte, werde ich niemals vergessen.

Sky Sport: Die Länderspielpause dürfte dir entgegengekommen sein, um weiter an deiner Matchfitness zu arbeiten. Wie weit bist du inzwischen? Könntest du in Dortmund schon von Beginn an spielen?

Weiser: Das Testspiel war für mich diesbezüglich sehr wichtig. Ich war selbst überrascht, wie mein Körper darauf reagiert hat. Das Ergebnis ist die eine Sache. Trotzdem glaube ich, dass wir relativ intensiv unterwegs waren - auch wenn man das angesichts des Ergebnisses vielleicht nicht glauben mag.

Für mich persönlich hat es sich körperlich sehr gut angefühlt und ich habe die Belastung gut verkraftet.

Vielleicht käme ein Startelfeinsatz jetzt noch ein bisschen zu früh. Aber von meinem Gefühl, meinem Körpergefühl und meinem eigenen Verständnis her hat mir dieses Spiel schon gezeigt, dass ich grundsätzlich wieder von Anfang an spielen könnte.

Sky Sport: Du warst vor deiner Verletzung einer der Führungsspieler der Mannschaft. Kannst du diese Rolle sofort wieder übernehmen oder musst du dir diesen Status erst wieder erarbeiten?

Weiser: Führung kann man nicht wirklich messen. Ich gebe das, was ich geben kann. Und ich glaube, das habe ich der Mannschaft seit meinem ersten Training nach der Rückkehr auch gegeben.

Ob mich das zu einem Führungsspieler macht, weiß ich nicht. Aber ich gebe das, was ich habe. Und das war vom ersten Training an so.

Sky Sport: Kann gerade deine Leidensgeschichte für die Mannschaft etwas Wertvolles sein? Die Botschaft: Aufgeben ist keine Option, man muss an sich glauben?

Weiser: Ich glaube, das Augsburg-Spiel hat das ja gezeigt.

Sky Sport: Dein Vertrag läuft am Saisonende aus. Wann möchtest du dich damit beschäftigen, wie es für dich nach dieser Saison weitergeht?

Weiser: Darüber habe ich wirklich zu 0,0 Prozent nachgedacht. Jetzt, wo du es ansprichst, fällt mir das gerade überhaupt erst wieder ein. Also: gar nicht.

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