VfL Wolfsburg News: Woher rührt dieser Leistungsabfall?
Das Pech der Pomadigen
15.01.2022 | 15:56 Uhr
Wenn Wolfsburg weiter verlieren sollte, wird auch die VfL-Chefetage irgendwann zum Manöver des letzten Augenblicks greifen.
Womöglich werden Schmadtke & Co. die Kollision mit dem Eisberg sogar etwas frühzeitiger zu vermeiden versuchen, als es beispielsweise die Kollegen in Bremen am Ende der vergangenen Saison probiert haben. Gelingt Florian Kohfeldt (Sonntag ab 11:30 Uhr zu Gast bei Sky90) die Wende in absehbarer Zeit nicht, werden robuste Lösungen zwangsläufig auch an der Aller salonfähig - wie bei Werder zu Kohfeldts Ungunsten.
Dass die Verantwortlichen dann aus Überzeugung handeln würden, ist allerdings einigermaßen sicher auszuschließen. Denn die sportliche Misere in Wolfsburg hat deutlich mehr mit den Spielern zu tun, als mit den beiden Cheftrainern, die in dieser Serie bislang vergeblich versucht haben, das personell kostspielig aufgepimpte Erfolgsteam der Vorsaison auf Erfolgskurs zu navigieren. Ein zweiter Trainer-Rauswurf wäre ein Akt der Verzweiflung.
Ernüchternder Auftritt in Bochum
Jörg Schmadtkes Frühwarn-Sensoren für kontraproduktive Sperenzchen der Spieler sind jedenfalls bereits seit einiger Zeit scharf geschaltet. Was wer wie nach dem Spiel sagt soll schon Thema einer außerordentlichen Kabinen-Predigt gewesen sein. Körpersprache und Ego-Anfälle haben dem Vernehmen nach immer mal wieder interne Einläufe von oberer Stelle zur Folge. Entscheidend nach vorne geholfen hat all das bislang nicht.
Der Auftritt in Bochum war jedenfalls mindestens ernüchternd, in Teilen sogar erschütternd. Die Mutlosigkeit, die mit zunehmender Spieldauer vor allem von Kreativen wie Waldschmidt und Philipp Besitz ergriffen hatte, konkurriert auf der nach unten offenen Geht-gar-nicht-Skala weiterhin mit der mangelnden Schärfe und der fehlenden Hilfsbereitschaft aller, die in die Defensivarbeit eingebunden sind. Fehler des Nebenmannes ausbügeln? Ist doch nicht mein Problem.
Was sind die Gründe für den Leistungsabfall?
Die Patzerkette beim Siegtreffer des Aufsteigers hat den Blick auf die derzeitige chemische Zusammensetzung des Kaders freigelegt. Weghorst bringt die Statik der eigenen Mannschaft mit einer fahrlässig schlampigen Aktion in die Unwucht und friert ein, statt Stress auf den Gegner auszuüben. Roussillion versucht den absehbaren Schaden hernach mit völlig unangemessener Nonchalance zu verhindern. Beim Doppelkopfball-Duell kam zu Lacroix' eingeschränkter Wachsamkeit dann auch noch Pech dazu. Das Pech der Pomadigen.
Woher rührt dieser eklatante Leistungsabfall? Der Kader, der in der Vorsaison bemerkenswert stabil die Champions-League-Qualifikation sichergestellt hat, ist zusammengeblieben und wurde mit vermeintlichen Fachkräften im Wert von mehr als 50 Millionen Euro versucht zu veredeln - dazu der Leih-Deal mit Lukebakio. Ein Mathematiker würde bei seinen Berechnungen wohl auf eine berauschend hohe Erfolgswahrscheinlichkeit kommen.
Zahlen sind im Fußball nicht immer verlässliche Parameter, gleichzeitig aber natürlich überaus einflussreiche Größen. Vor allem wenn sie das Salär der Protagonisten betreffen - und im Besonderen, wenn es sich dabei um Ziffern handelt, die andernorts in virtuellen Vertragsentwürfen stehen könnten. Maxence Lacroix wird beispielsweise immer wieder als verdächtiger Vertreter des beschriebenen Dilemmas genannt.
Lukas Nmecha fällt aus
Ein möglicher Zusammenhang zwischen der vom VfL vereitelten Option, in Leipzig finanziell zünftig aufzustocken und der sichtbar geminderten Konzentration auf die Arbeit bei seinem tatsächlichen Vertragspartner, lässt sich nicht belastbar belegen - nur erahnen. Wout Weghorst leidet einerseits darunter, dass seine Zuarbeiter straucheln und mehr damit zu tun haben, die persönliche Balance wiederherzustellen, als zündende Ideen zu kreieren, die dem Top-Torjäger bei seiner Kernkompetenz in die Karten spielen könnten.
Andererseits wird durch die gekappte Versorgungskette unangenehm deutlich, dass der Niederländer als Bällefestmacher und Sprintduellant nicht in der gehobenen Qualitäts-Etage residiert. Dass der EM-Teilnehmer, die Stimmung in der Kabine negativ beeinflusst, ist ein offiziell unbestätigtes Gerücht. "Der benimmt sich so wie immer", heißt es aus dem Innenraum. Denkbar, dass dieses "Benehmen" in Erfolgsphasen besser zu ertragen ist, als im Abstiegskampf. Weghorsts Traum von einem Engagement in der Premier League ist jedenfalls nicht durch ein VfL-Veto vorerst zerplatzt, sondern aufgrund des Mangels ernstzunehmender Offerten von der Insel.
U21-Nationalspieler Lukas Nmecha fällt mit seiner schwerwiegenden Knöchelverletzung als Druckmacher aus - eine seriöse Comeback-Prognose ist nicht öffentlich. Da redliche Qualitätskräfte wie Maximilian Arnold oder Yannick Gerhardt zuletzt viel zu selten ihre maximale Leistungsfähigkeit abgerufen haben und selbst Koen Casteels seine Momente hatte, ist eine Dynamik gewachsen, die das Gesamtgefüge fragil und porös gemacht hat. Acht Pflichtspiel-Pleiten in Folge - das Vertrauen in die eigenen Füße ist bei vielen nachweislich Begabten offenbar in den eleganten Wolfsburger Hybrid-Rasen eingesickert.
Rückkehr der Mentalitäts-Maschine macht Hoffnung
Was also ist zu tun? Die baldige Rückkehr der untadeligen Mentalitäts-Maschine Xaver Schlager macht Hoffnung - im Februar soll es soweit sein. Wie schnell der Österreicher wieder temporeiche Körperlichkeit im Maschinenraum gewährleisten kann, ist nach seinem Kreuzbandriss natürlich schwer zu prognostizieren. Frische Kräfte von außen könnten für nützliche Impulse sorgen - theoretisch zumindest.
Dass das Klima im Wolfsrudel durch weitere anspruchsvolle Charaktere, zusätzlich belastet würde, ist eine ebenso denkbare Variante. Die fußballerische Qualität für eine sorgenfreie Restsaison ist ja ohnehin bereits vorhanden. Natürlich gehört es zu Kohfeldts zentralen Aufgaben, sein Ensemble spielerisch UND charakterlich so zusammenzustellen, dass zumindest das Minimalziel schnellstmöglich in greifbare Nähe rückt. Das heißt aktuell Klassenerhalt.
Er wird dabei die Hilfe seiner Spieler benötigen - und deren Bereitschaft, die bedrohliche Lage zu anzunehmen. Egozentrik wird dabei kein probates Hilfsmittel sein - ein zweiter Trainerwechsel hingegen wird immer wahrscheinlicher, je länger der freie Fall andauert. Weghorst, Lacroix & Co können diesen äußerst unerwünschten Ablauf verhindern. Die volle Konzentration aufs Wesentliche wäre dabei wohl hilfreich. Darüber, wo und für wen sie in der kommenden Saison zur Arbeit gehen, können die VfL-Angestellten sich ja dann nach dem 34. Spieltag den Kopf zerbrechen.
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