Wie Titelträume last minute platzen können - Interview mit Torben Hoffmann

Als Leverkusen 2000 noch die Meisterschaft vergeigte

Michael Ballack leitete mit einem Eigentor am letzten Spieltag die bittere 0:2-Pleite gegen Unterhaching ein, die Leverkusen 2000 die Meisterschaft kostete.
Image: Michael Ballack leitete mit einem Eigentor am letzten Spieltag die bittere 0:2-Pleite gegen Unterhaching ein, die Leverkusen 2000 die Meisterschaft kostete.  © DPA pa

Sky Reporter und Ex-Profi Torben Hoffmann war mit dabei, als Leverkusen im Jahr 2000 trotz drei Punkten Vorsprung am 34. Spieltag noch die Meisterschaft verspielte. Vor dem Herzschlagfinale zwischen Bayern und Dortmund haben wir mit ihm über psychologische Faktoren gesprochen.

Sky Sport: Torben, du warst beim Drama 2000 mit im Kader, als Leverkusen am letzten Spieltag mit 0:2 gegen Unterhaching verlor und Bayern punktgleich Meister wurde. Kannst du 19 Jahre später erklären, was da am 20.05.2000 genau passiert ist?

Torben Hoffmann: Auch nach einer so langen Zeit ist es schwer, das zu erklären. Diese Niederlage hat lange geschmerzt. Nach Ballacks Eigentor und dem Ergebnis waren wir nicht mehr in der Lage, mit Leichtigkeit und dem Selbstverständnis der vorigen Wochen zu spielen.

Torben Hoffmann - Reporter Sky Sport News HD
Image: Torben Hoffmann ist seit 2011 als Reporter für Sky Sport News HD im Einsatz. Davor spielte er für den VfB Lübeck, SC Freiburg, Bayer 04 Leverkusen, TSV 1860 München, Eintracht Frankfurt und die SpVgg Unterhaching.  © Sky

Sky Sport: Das Team wirkte damals von Anfang an verunsichert und ängstlich. Warum?

Hoffmann: Weil die Vorzeichen zu klar, eigentlich zu leicht waren. Ein Scheitern war nicht vorstellbar! Nach dem 1:0 und dem schnellen 3:0 der Bayern gegen Bremen fingen die Köpfe an zu "denken" und dadurch wurden die Beine schwer.

Sky Sport: Welche Rolle hat Mentalität gespielt? Ist es die Mannschaft "nicht richtig" angegangen?

Hoffmann: Ich glaube, es war keine Frage der Mentalität, sondern die mangelnde Einstellung oder vielleicht auch eine kleine Überheblichkeit, weil unsere Truppe brutal besetzt war.

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Sky Sport: Wie hat euch Trainer Christoph Daum damals in der Kabine auf das Spiel heiß gemacht?

Hoffmann: An die genauen Worte kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber generell ist es Christoph Daum immer gelungen, die Mannschaft heiß zu machen.

Sky Sport: War es rückwirkend betrachtet ein Problem, dass ihr "nur" einen Punkt brauchtet?

Hoffmann: Sicherlich hat diese Konstellation dazu beigetragen, sich der Meisterschaft und des Sieges zu sicher zu sein.

Sky Sport: Wie ist das mit dem Druck? Würdest du sagen, es ist besser, vor dem entscheidenden Finale Jäger oder in der Pole Position zu sein?

Hoffmann: Aus der Position des Jägers ist es mit Sicherheit angenehmer, in den letzten Spieltag zu gehen, da der Gejagte den ersten Platz und somit das Endziel verlieren kann.

Sky Sport: Am letzten Spieltag passieren organisatorische Dinge. Es gibt ein Meister-Banner, Shirts werden vorbereitet. Dann steht die Schale im Stadion. Was macht so etwas mit einem als Spieler?

Hoffmann: Es war schön zu sehen, dass die Original-Meisterschale in Unterhaching stand. Und ich kann mich noch dran erinnern, dass ich einen Meter von der Schale entfernt stand und mir bildlich schon vorgestellt habe, sie später in den Händen zu halten.

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Sky Sport: Welche Rolle hat es damals gespielt, dass ihr ausgerechnet gegen Unterhaching, einen Aufsteiger im tabellarischen Mittelfeld, gespielt habt?

Hoffmann: Das hat dazu beigetragen, dass man die Partie vielleicht nicht mit der 100-prozentigen Schärfe angegangen ist. Beim Vergleich der beiden Kader war es eigentlich unmöglich, dieses Spiel zu verlieren.

Sky Sport: Am Samstag spielen Bayern und Dortmund gegen Top-Gegner, für die es noch um die Champions League geht. Wie beeinflusst das die Meisterschaftsentscheidung?

Hoffmann: Das macht die Konstellation und den letzten Spieltag besonders prickelnd und aufregend. Denn die Gegner von Bayern und Dortmund kämpfen um die internationalen Plätze und werden auch noch einmal alles fokussieren und versuchen reinzuhauen. Das führt aber auch entsprechend bei den Bayern und bei Borussia zur 100-prozentigen Schärfe in dem Spiel.

Sky Sport: Du bist ganz nah dran an den Bayern. Wie realistisch ist es in dieser verrückten Saison, dass sich die Bayern die Meisterschaft noch nehmen lassen?

Hoffmann: Ich würde aus eigener Erfahrung kategorisch nichts ausschließen. Die Bayern kennen diese Situation nicht aus den vergangenen Jahren und es ist auch für die Mannschaft eine andere Drucksituation als die Jahre zuvor. Deshalb glaube ich, dass es sehr unbequeme und harte Partien für die Bayern und für Dortmund werden. Es ist aber für mich generell schwer vorstellbar, dass die Bayern vor heimischer Kulisse das Spiel verlieren werden.

Das Interview führte Sarah Zoche

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