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Wimbledon: Julia Görges spricht über den Erfolgslauf von Tatjana Maria

Görges über Marias Chancen im Wimbledon-Halbfinale gegen Jabeur

Im exklusiven Interview mit skysport.de spricht Julia Görges über den Erfolgslauf von Tatjana Maria in Wimbledon. Die ehemalige Tennis-Spielerin und heutige Sky Expertin blickt dabei insbesondere auf das anstehende Halbfinale gegen Ons Jabeur und wagt einen Blick in die sportliche Zukunft von Maria.

Sky Sport: Tatjana Maria und Jule Niemeier haben sich ein hochklassiges Viertelfinale in Wimbledon geliefert und viel Werbung für das deutsche Damentennis betrieben. Welche Worte haben Sie für dieses deutsch-deutsche Duell?

Julia Görges: "Es war eine herausragende Leistung von beiden. Ins Viertelfinale vom Wimbledon zu kommen und dann so ein Match zu spielen, einfach klasse. Man hat am Anfang schon die Nervosität und Emotionen auf beiden Seiten gemerkt, aber vollem hinten raus mit der Spannung und den kuriosen Ballwechseln hat das Ganze sehr spannend für den Zuschauer gemacht. Ich konnte da richtig mitfiebern. Das Match war etwas Besonderes und es ist einfach schön zu sehen, dass zwei deutsche Damen so tief im Turnier noch mit dabei waren. Das war beste Werbung für das deutsche Damentennis."

Sky Sport: Für Niemeier ist das Turnier vorbei, für Maria geht es jetzt im Halbfinale gegen Ons Jabeur weiter. Maria hat noch im On-Court-Interview nach dem Match Niemeier-Spiel gesagt, dass Jabeur ein Teil ihrer Familie sei. Auf was für ein Match können wir uns da einstellen, gerade mit Blick auf die Emotionalität?

Görges: "Ich glaube, dass Taddi schon über die Jahre hinweg sehr gut einordnen kann, wie man das auf dem Platz händelt. Natürlich ist es nie einfach, aber gleichzeitig auch toll, wenn man gegen eine sehr gute Freundin spielt. Es sind einfach Momente, die man gerne zusammen teilt und wenn nur eine am Ende gewinnen kann. Ich glaube, dass sie da schon etwas Positives mitnehmen wird, egal wie der Ausgang dieses Matches dann sein wird. Es ist etwas Besonderes dadurch, dass Ons sehr viel mit Charlotte und Cecilia [Töchter von Maria; Anm. d. Red.] macht. Ich denke, das wird einfach schön für beide werden."

Sky Sport: Für Maria geht es dann auch erstmals auf den Centre Court. Sie waren selbst 2018 im Wimbledon-Halbfinale und haben dort gespielt. Welche Atmosphäre wartet dort auf Maria und wie groß wird der Druck dort vor 15.000 Zuschauern sein?

Görges: "Auf diesem Court zu spielen, ist schon etwas ganz Besonderes. Ich habe vor meinem Halbfinale gegen Serena Williams bereits bei Olympia gegen Agnieszka Radwanska [ehemalige Nr. 2 der Welt, 1. Runde 2012; Anm. d. Red.] auf dem Centre Court gespielt. Dennoch war das von der Atmosphäre noch einmal etwas ganz anderes. Ich denke, es kommt auch immer darauf an, gegen wen man spielt und wie oft man auch in seiner Karriere in so einer Situation bei einem Grand-Slam-Turnier war. Diese Erfahrung haben beide noch nicht gemacht. Auch Ons spielt ihr allererstes Halbfinale bei einem Grand-Slam-Turnier, sie hat aber schon vorher auf dem Centre Court bei diesem Turnier gespielt. Sie hat da ein bisschen mehr Erfahrung und auch schon größere Turniere gewonnen. Da ist jeder aber individuell anders, wie er dann mit solchen Momenten umgeht. Es gibt vielleicht auch Tage, wo du überhaupt nicht nervös bist. Ich war 2018 gegen Serena sehr nervös, konnte diese Nervosität dann irgendwann aber ablegen, auch wenn es ein bisschen zu spät war. Von den Spielertypen erwarte ich aber viele Rallyes zwischen Taddi und Ons, was zwischen Serena und mir nicht so der Fall war. Über eine Rallye hast du sicherlich auch mehr Chancen, sich in so ein Match hineinzuarbeiten und die Nervosität dann auch besser abzulegen."

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Sky Sport: Michael Stich hat bei Sky gesagt, dass Jabeur sich sehr gut auf den Slice von Maria einstellen kann. Wie stehen für Sie die Chancen für Maria in diesem Halbfinale und was trauen Sie ihr noch zu in diesem Turnier zu?

Görges: "Ich stimme Michael zu. Ons ist ein Spielertyp, dem der Slice nicht so viel ausmacht, weil sie selbst auch gerne den Slice spielt. Auch Jule Niemeier hatte damit weniger Probleme als noch die Gegnerinnen in den Runden zuvor. In dem Spiel hat dann die Erfahrung von Taddi am Ende viel ausgemacht, spielerisch waren sie auf Augenhöhe. Ons kann sicherlich aus dem Slice sehr viel machen, sie geht auch gerne ans Netz. Da wird viel auf die Taktik draufankommen. Ich glaube, dass Tadde auch nicht darüber nachdenken wird, dass es nur noch einen Schritt bis ins Finale ist, dafür ist dieser Schritt erst einmal noch viel zu lang. Da wird Punkt für Punkt gespielt, auch wenn es sich so nervig und langweilig anhört, es ist der einzige Weg, der letztendlich zum Ziel führt."

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Michael Stich schätzt die Chancen des Halbfinals zwischen Ons Jabeur und Tatjana Maria ein.

Sky Sport: Sie kennen Maria privat auch sehr gut. Sie wirkt in den Interviews immer so entspannt, hat immer glänzende Augen, wenn sie über ihre Familie und ihre Kinder spricht. Inwieweit trägt sie gerade diese Lockerheit durch dieses Turnier und wie stehen die Chancen auf den ganz großen Coup?

Görges: "Es wäre nicht fair, jetzt darüber zu reden, ob sie das Turnier gewinnen kann. Das können grundsätzlich alle vier Spielerinnen, die im Halbfinale stehen. Tadde hat viele schwierige und lange Spiele gewonnen, da wird es auch spannend zu sehen sein, wie ihr Körper das wegsteckt. Sie ist es aber gewohnt, diese langen Matches zu spielen, sie weiß, dass es auch ihrer Spielart geschuldet ist, dass sie viel laufen muss. Aber über einen möglichen Turniersieg möchte ich jetzt nicht sprechen, dafür stehen ihr nun erst einmal noch hoffentlich zwei schwierige Aufgaben bevor. Aber es ist für mich schön zu sehen, dass sie im fortgeschrittenen Tennis-Alter solche Erfolge einstellen und sich ihre harte Arbeit einfach auszahlt. Das Reisen mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern macht sie für sie bezahlt. Sie genießt zusammen mit ihrer Familie trotz der ganzen Aufgaben einfach so ihr Leben. Wenn man zurückschaut, was Taddi alles in ihrem Leben erlebt hat, ist es einfach toll, dass sie mit so einem Lächeln dastehen, die Momente mit ihrer Familie teilen kann und glücklich ist mit dem, was sie hat. Das ist schön zu sehen."

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Sky Sport: Können Sie uns die Spielerin Tatjana Maria noch ein wenig näher beschreiben?

Görges: "Tadde hat eine Gabe, den Ball unglaublich früh zu antizipieren, sie sieht einfach sehr oft, wo der Ball hin gespielt wird. Man muss auch dazusagen, dass sie gegen Spielertypen wie Jelena Ostapenko gespielt hat, die von so einem Spiel total entnervt wird. Hat Ostapenko im zweiten Satz beim Spielstand von 7:5, 4:1 noch zwei Spiele, wo sie alles trifft, dann ist das Match auch vorbei. Aber Tadde gibt sich durch ihre Zähheit, ihren Biss sowie ihren Kampfgeist durch ihren Spielstil immer wieder die Möglichkeit, dass die Fehler bei ihrer Gegnerin kommen. Sie ist keine Spielerin, die selbst auf einmal viele Asse und Winner schlagen wird, sondern sie sagt: 'Ich schenke dir nichts, vielleicht schenkst du mir aber was'. Sie entnervt damit ihre Gegnerin durch ihre Spielart. Sie weiß genau, was sie macht und wo sie den Ball hin platzieren muss, um die Gegnerin genau dahinzubekommen. Und das ist auch eine Gabe und eine Stärke im Tennis. Sozusagen Schach zu spielen, um den Gegner aus der Position zubringen und mit ihrer Spielweise sowie ihrem Kampfgeist geht das auch gar nicht anders."

Sky Sport: Ein Blick noch in die Zukunft: In Wimbledon scheint es bei Maria 'Klick' gemacht zu haben. Sie beißt sich richtig fest in den Duellen, gibt niemals auf und zeigt teils große Comeback-Qualitäten. Was ist sportlich für Maria in den kommenden Monaten und Jahren auf der WTA-Tour noch drin?

Görges: "Vielleicht noch ein drittes Kind und dann noch mal auf die Tour zurückkommen und weiterspielen (lacht). Ich kenne ihre Pläne nicht, aber im Tennis ist nichts unmöglich. Spielerisch hat sie auf Rasen die meisten Chancen, einen großen Erfolg zu feiern. Der Slice liegt dem Rasen, auf anderen Belägen bleibt der natürlich höher und springt nicht so weg. Entsprechend ist es dann auch weniger förderlich, diesen Slice zu spielen. Auf Rasen hat sie 2018 auf Mallorca auch ihren ersten Titel geholt, das Rasenspiel ist schon prädestiniert für sie. Ich freue mich schon darauf, noch mehr von ihr zu sehen."

Das Interview führte Peer Kuni

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