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Formel 1: Der Sky Experte zieht Bilanz und blickt auf die neue Saison

Marc Surer: Hamilton kann Schumachers Titel-Rekord erreichen

09.12.2017 | 13:36 Uhr

Sky Experte Marc Surer glaubt an ein Comeback von Nico Rosberg, Ferrari traut er nicht mehr viel zu.
Image: Sky Experte Marc Surer erwartet in der neuen Saison mehr verschiedene Sieger als 2017.

Sky Experte Marc Surer zieht im Interview mit skysport.de eine Bilanz der vergangenen Formel-1-Saison. Für Weltmeister Lewis Hamilton gibt's viel Lob, für Sebastian Vettel und Ferrari Kritik.

Zudem sagt der ehemalige Formel-1-Pilot, ob er es für möglich hält, dass Hamilton den Rekord von Michael Schumacher brechen kann und blickt auf die neue Saison voraus. Dabei macht er den Fans Hoffnung auf einen packenden Kampf um die Weltmeisterschaft. Unter Umständen erwartet er sogar einen Vierkampf.

Sky Sport: Marc, Sebastian Vettel ist zum ersten Mal Vizeweltmeister geworden. Warum ist nicht der ganz große Wurf gelungen? Lag es auch an Ferrari oder ihm selbst?

Surer: Ferrari hat Fehler gemacht. Die Qualitätskontrolle scheint nicht perfekt zu sein. Es sind Teile kaputt gegangen, die normalerweise nicht kaputt gehen. Wenn man einen Motor- oder Turboschaden hat, kann man sagen: 'Okay, das sind Teile, die sind hoch belastet.' Aber wenn eine Luftzuführung zum Motor undicht wird, dann muss man schon die Frage stellen, ob das nötig war.

Allerdings trägt auch Vettel eine Mitschuld. Beim Start in Singapur ist er viel Risiko eingegangen, was man als WM-Leader nicht machen sollte. In Mexiko hat er, als es um seine letzte WM-Chance ging, gepatzt und gecrasht - da hat er es selbst weggeworfen. Und Lewis Hamilton hat diese Fehler eben nicht gemacht.

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Mercedes-Doppelsieg beim Saisonfinale in Abu Dhabi

Sky Sport: In Aserbaidschan gab es noch ein heftiges Gerangel mit Lewis Hamilton, als Vettel ihm während einer Safety-Car-Phase ins Auto gefahren ist. Muss sich Vettel besser im Griff haben?

Surer: Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn einen die Wut packt und das Gefühl hat, man ist absichtlich ausgebremst worden. In diesem Moment verstehe ich schon, dass man überreagiert. Aber einem so ins Auto zu fahren - das habe ich in der Formel 1 noch nicht gesehen. Bei einem Zweikampf vielleicht. Aber nicht wenn man während einer Safety-Car-Phase jemanden mit Absicht ins Auto fährt. Das war der absolute Tiefpunkt von Vettel in diesem Jahr.

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Sky Sport: Lewis Hamilton ist dagegen zum vierten Mal Weltmeister geworden. Halten Sie es für realistisch, dass er die sieben Titel von Rekordweltmeister Michael Schumacher noch erreichen kann?

Marc Surer: Nicht für realistisch, aber für möglich. Wenn er weiter im besten Auto sitzt, ist es absolut drin. Wir dürfen nicht vergessen, dass Micheal Schumacher zwei Titel mit dem Benetton errungen hat und die übrigen Titel in einem überlegenen Ferrari. Wenn Lewis weiterhin in einem überlegenen Auto sitzt, ist das möglich.

Sky Sport: Hamiltons Teamkollege Valtteri Bottas stellt keine Gefahr für ihn dar? Immerhin sitzt er im gleichen Auto.

Surer: Nein, der fährt in einer anderen Kategorie als Lewis Hamilton. Das hat man in diesem Jahr deutlich gesehen. Wenn Lewis ernst macht, dann fehlt Bottas etwas.

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Sky Sport: Nico Rosberg kennt Hamilton gut und glaubt, dass er schon bald zurücktreten könnte. Haben Sie auch das Gefühl?

Surer: Ich denke manchmal auch, dass er so abgelenkt ist von seinem Privatleben und was er sonst so macht, dass er irgendwann sagen könnte: 'Oh Mann, jetzt muss ich noch Rennen fahren.' Und dann sagt, ich habe keine Lust mehr. Bei ihm ist das schon so, dass es jederzeit passieren könnte.

Sky Sport: Sein Vertrag läuft im Sommer 2018 aus. Könnte es seine letzte Saison sein?

Surer: Ich denke, dass er das nicht plant. Wenn die Situation kommt, in der er merkt, mir macht es keinen Spaß mehr, dann schmeißt er hin. Er wird Schluss machen, wenn er merkt, dass er nicht mehr gewinnt. Aber solange er im besten Auto sitzt, fährt er weiter - denke ich.

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Sky Sport: Wie schätzen Sie die Leistung von Nico Hülkenberg ein?

Surer: Nico Hülkenberg kann man eigentlich nur loben. Allerdings hat er in Aserbaidschan eine Riesenchance weggeworfen, auf das Podium zu fahren. Er wäre auf dem Podest gelandet, ohne jemanden überholen zu müssen.

Und dann fährt er über den Randstein und macht das Auto kaputt. Diesen Fehler wird er sich wohl selbst nicht verzeihen. Aber ansonsten ist er eine Bank, stellt das Auto im Qualifying immer weit vorne hin. Er ist der Perfektionist für diese eine Qualifikationsrunde. Das macht keiner besser als er.

Sky Sport: Kimi Räikkönen ist nicht mehr der Jüngste. Wäre Hülkenberg einer für Ferrari als Vettels Teamkollege?

Surer: Ich kann mir nicht vorstellen, dass zwei Deutsche bei Ferrari fahren werden. Hülkenberg war schon einmal bei Ferrari auf der Liste. Damals hatte Ferrari Zugriff auf die Daten von Sauber, wo Hülkenberg zu dieser Zeit unter Vertrag stand. Irgendetwas hat sie dann bewogen, ihn nicht zu nehmen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie nochmal auf ihn zurückgreifen würden.

Sky Sport: Was hat Sie am meisten gefreut in der abgelaufenen Saison?

Surer: Das positivste Ereignis war für mich, als Lewis Hamilton in Ungarn Bottas seinen Platz wieder zurückgab. Das hat Seltenheitswert in der Formel 1. Dass Lewis diese Größe hatte, finde ich großartig. Deshalb freut es mich umso mehr, dass er Weltmeister geworden ist, obwohl er da Punkte verschenkt hat.

Sky Sport: Und was hat Sie am meisten geärgert?

Surer: Das war schon die Aktion von Vettel gegen Hamilton in Aserbaidschan als er ihn absichtlich in der Safety-Car-Phase gerammt hat. Das war einfach nicht weltmeisterlich.

Sky Sport: Wagen wir noch einen Ausblick auf die Saison 2018. Wer ist Ihr Favorit?

Surer: Der Favorit ist und bleibt Mercedes. Die werden auch nächstes Jahr den besten Motor haben. Wir können nur hoffen, dass die anderen aufschließen - vor allem Renault, was die Motoren angeht. Wenn der Renault-Motor nur ein bisschen zulegt, dann haben wir nächstes Jahr vier Autos, die um die WM fahren. Also Max Verstappen im Red Bull, Fernando Alonso im McLaren (beide mit Renault-Motoren; Anm. d. Red.), Sebastian Vettel im Ferrari und Lewis Hamilton im Mercedes. Das wäre seit langer Zeit das erste Mal, dass dies passiert. Das ist meine Hoffnung für die nächste Saison.

Der Favorit bleibt Lewis Hamilton, wenn er nicht zu sehr von seinem Privatleben abgelenkt wird. Er ist weiter die Nummer eins, aber muss auch konzentriert an die Sache herangehen.

Sky Sport: Wie stehen Vettels Chancen?

Surer: Die Frage ist, ob Ferrari noch einen Schritt nach vorne machen kann. Es fehlen noch etwa drei Zehntel. Wenn sie diese drei Zehntel finden, dann bekommen wir in der kommenden Saison ein super Duell. Da gibt es aber noch viele Fragezeichen.

Sky Sport: Auf was dürfen sich die Fans am meisten freuen?

Surer: Es wird wieder mehrere Kandidaten auf Rennsiege geben. Wir können uns auf jeden Fall darauf freuen, dass wir 2018 deutlich mehr unterschiedliche Sieger sehen werden als in der vergangenen Saison.

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