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DFB News: Pro & Contra zur deutschen Mannschaft gegen die Türkei

Pro & Contra: Löw-Experimente zur richtigen Zeit oder Armutszeugnis?

Florian Neuhaus durfte gegen die Türkei sein Debüt feiern.
Image: Florian Neuhaus durfte gegen die Türkei sein Debüt feiern.  © DPA pa

Drittes Remis im dritten Länderspiel nach der Coronapause. Die Bilanz des DFB-Teams hat sich mit dem 3:3 gegen die Türkei nicht verbessert. Ein Grund dafür dürfte die kuriose Startaufstellung sein. Doch hat sich Joachim Löw wirklich verpokert? Pro und Contra zur ersten Elf vom Mittwoch.

Wie schon gegen die Schweiz und Spanien verhinderte ein Treffer in der Schlussphase auch gegen die Türkei einen Sieg. Die ohnehin recht wilde Partie fand mit dem 3:3 einen passenden Abschluss. Die eigentlich als Underdog eingestuften Bosporus-Kicker errangen das Remis nicht unverdient, zumal die Leistung der deutschen Nationalmannschaft zu Wünschen übrig ließ.

Schon vor der Partie war klar: Es wird ein interessantes Spiel. In der Startformation waren neben Debütant Florian Neuhaus auch Bankdrücker wie Nico Schulz oder Benjamin Henrichs zu finden. Dass die Rädchen dieser Elf nicht reibungslos ineinander greifen würden, war bei der bunt zusammengewürfelten Truppe erwartbar. Die Frage, die sich nun stellt: Vercoacht oder einfach gewagt - war das die richtige Aufstellung?

Aufstellung: Leno - Henrichs, Can, Koch, Rüdiger, Schulz - Brandt, Neuhaus - Havertz, Draxler - Waldschmidt

PRO: Ein Experiment ohne Risiko zur passenden Zeit

Die Wissenschaft strebt bei aufgestellten Thesen stets das Ziel an, zu einem eindeutigen Ergebnis zu kommen. Dabei ist die Bewertung des Ausgangs, sei dieser nun positiv oder negativ, zunächst zweitrangig. Wichtig ist, dass es überhaupt zu einem Ergebnis kommt. Dieses hat auch Löw nach dem Spiel gegen die Türkei.

Mit seiner zu Stirnrunzeln anregenden Startformation konnte der Bundestrainer einige Erkenntnisse gewinnen. Unverkennbar negative, wie die Tatsache, dass Vereinsspielpraxis auch für die Nationalmannschaft ungemein wichtig ist, aber auch positive. Neuhaus zum Beispiel hat mit einer souveränen Debüt-Vorstellung gezeigt, dass er sich die Nominierung verdient hat (Sky Note 2).

Der Gladbacher könnte für den Fall einer größeren Verletzungswelle im Mittelfeld eine Alternative sein, auf die Löw auch in Zukunft zurückgreift. Der Einsatz von Julian Draxler, der bei Paris Saint-Germain kaum zum Einsatz kommt, ist ein Investment. Ebenso wie der von Julian Brandt, der beim BVB derzeit einen schwierigen Stand hat. Der Bundestrainer hält zweifelsfrei begabte Spieler bei Laune, die wenn der Schuh wirklich drückt, schon mit dem Team vertraut sind und dann keine Integrationszeit benötigen.

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XXL-Kader bringt XXL-Möglichkeiten

Auch der Zeitpunkt ist perfekt gewählt. Im Vorfeld musste der DFB für die Ansetzung eines Freundschaftsspiels vor den zwei Nations-League-Partien bei der Ukraine und gegen die Schweiz einiges an Kritik einstecken. Die Belastung ist durch die vollgepackte Saison zur Coronazeit ungemein hoch, sodass zusätzliche Spiele, bei denen sich Profis verausgaben und im schlimmsten Fall verletzen könnten, für wenig Begeisterung bei den Vereinen sorgt.

Gerade da kommt die großflächige Rotation richtig. Löw verhindert eine zu große Belastung der Stammelf und besänftigt die Vereine dieser Akteure. So erklärt sich auch der XXL-Kader aus gleich 29 Spielern. Da ist es keine Überraschung, dass auch Wackelkandidaten wie Benjamin Henrichs, Nadiem Amiri oder Suat Serdar eingeladen wurden - erst recht wenn berücksichtigt wird, dass in diesem Spiel bewusst auf Stars des FC Bayern und RB Leipzig verzichtet wurde.

Dank drei Partien hat der Trainerstab sogar Zeit, sich ein wenig intensiver mit den abbestellten Kickern zu beschäftigen, sie kennenzulernen und einzuschätzen. Denn am Ende bleibt die Partie gegen die Türkei ein Experiment ohne Risiko, das auch überraschend hätte funktionieren können.

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Sky Reporter Uli Köhler analysiert das 3:3 der deutschen Nationalmannschaft gegen die Türkei und nennt das Kernproblem. (Video, Länge: 03:04 Minuten)

CONTRA: Verlust von Prestige und Glaubwürdigkeit des Leistungsprinzips

Das Risiko der kuriosen Startelf war nicht reell wahrzunehmen. Ein Remis im Testspiel ändert nichts am Ausgang irgendeines Wettbewerbes, sei es nun die Nations League oder die Qualifikation für ein großes Turnier. Zwangsläufig muss man sich dann jedoch die Frage stellen, ob das nicht ein wenig zu kurz gedacht ist.

Das DFB-Team hat derzeit einen schweren Stand. Der oft gepriesene Umbruch ist nicht spürbar, nach dem Vorrundenaus bei der Weltmeisterschaft 2018 scheint sich auch sportlich nicht viel nach vorne zu bewegen. Die Fans, so sie denn "Die Mannschaft" noch nicht satt haben und ihrer Auftritte überdrüssig sind, würden sich sicherlich mehr über Hurra-Fußball als Experimente freuen. Das Spiel am Mittwoch verfolgten nicht einmal sechs Millionen Zuschauer vor den Fernseher.

Wahrnehmung und Prestige der Nationalmannschaft stehen aktuell auf der Kippe. Das Duell mit der Türkei hat auch ohne Relevanz für irgendeinen Wettbewerb ein wenig Brisanz. Deutsch-türkische Spieler haben mittlerweile Tradition in beiden Nationalmannschaften, die Wahl für das favorisierte Land ist immer wieder Thema.

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Leistungsprinzip durch Lieblinge außer Kraft gesetzt

Bayer Leverkusens Kerem Demirbay beispielsweise entschied sich trotz Ausbildung in Juniorenteams der Türkei für die deutsche Auswahl. Seine jüngste Nicht-Berücksichtigung steht sinnbildlich für einen anderen Kritikpunkt: Trifft Löw unabhängig von der Startelf bei der Nominierung überhaupt die richtige Auswahl?

In der Werkself ist Demirbay gesetzt und zeigte in der bisherigen Saison gute Leistungen. Zumindest so gut, dass es für Amiri nicht mehr zu einem Startelf-Platz reicht. Beim Bundestrainer hat Letzerer jedoch die Nase vorn. Trotz des Mammut-Kaders fehlen Spieler, mit denen man eigentlich gerechnet hätte.

Dafür stehen Spieler im Kader oder sogar der Startformation, die in ihren eigenen Klubs nicht zum Stammpersonal gehören. Alleine im Spiel gegen die Türkei starteten mit Schulz, Brandt (beide BVB), Henrichs (RB Leipzig), Draxler (Paris Saint-Germain) und Antonio Rüdiger (FC Chelsea) fünf Spieler, die bei ihren Klubs kaum oder gar nicht zum Einsatz kommen. Gleiches gilt für die Einwechselspieler um Mahmoud Dahoud (BVB) oder Jonathan Tah (Bayer Leverkusen). Hier scheint das Leitungsprinzip nicht zu greifen. Ein gefährliches Signal an formstarke Spieler.

Der Druck für die Spiele in der Nations League am Samstag bei der Ukraine und Dienstag gegen die Schweiz ist groß. Zwar wird in diesen Begegnungen wohl eine ganz andere Mannschaft auf dem Platz stehen, doch diese muss Reaktion zeigen und beweisen, dass Löw wirklich Zeit für Experimente hat und nicht das ganze Projekt Nationalmannschaft auf den Prüfstand stellt.

Mehr zum Autor Lars Pricken

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