Joachim Löw hat einen Erfolg in Estland fest eingeplant, Zweifel an der erfolgreichen EM-Qualifikation hat er nicht. Doch mit Blick auf das Turnier sieht der Bundestrainer seine Ziele gefährdet.
Vor dem Abflug nach Tallinn gab es für Joachim Löw endlich einmal gute Nachrichten. Toni Kroos, Leon Goretzka und Julian Draxler haben bei ihren Klubs wieder Laufeinheiten bestritten, Nico Schulz ist sogar ins Teamtraining zurückgekehrt, und Matthias Ginter bleibt eine OP an seiner lädierten Schulter erspart.
Im EM-Qualifikationsspiel gegen Estland am Sonntag (20.45 Uhr) kann aber keiner aus diesem für die EURO 2020 fest eingeplanten Quintett mitwirken. Und das ist für den Bundestrainer ein großes Problem.
Einen Sieg beim Fußball-Zwerg hat Löw zwar "fest eingeplant". Auch ohne die fünf Genannten und weitere sieben (!) fehlende Nationalspieler um den Langzeitverletzten Leroy Sane kann er eine Elf aufbieten, die für den 102. der Weltrangliste zu stark ist.
Mit Blick auf sein mittelfristiges Ziel, den Umbruch im DFB-Team bis zur EM 2020 abgeschlossen und seine neue Nationalmannschaft eingespielt zu haben, ist der Oktober-Lehrgang jedoch eine Enttäuschung für ihn. Löw läuft die Zeit davon.
"Wir müssen uns einspielen. Einspielen. Einspielen!", sagte Löw über sein dringendstes Vorhaben. Aber wann? In acht Monaten beginnt die paneuropäische EM, bis dahin stehen nur noch sechs Länderspiele auf dem Programm. Und schon jetzt ist klar, dass Löw auch im November, wenn die EM-Quali gegen Weißrussland (16./Mönchengladbach) und Nordirland (19./Frankfurt) erfolgreich abgeschlossen werden soll, erneut nicht seine vermeintlich beste Elf bringen kann. Sane wird frühestens im Januar zurück erwartet, bei Antonio Rüdiger und Thilo Kehrer ist der Comeback-Zeitpunkt offen.
"Das macht die Sache im Hinblick auf 2020 schwieriger", sagte Löw, "wir hätten das Jahr schon nutzen wollen, um uns vorzubereiten." Dies, betonte er leicht angesäuert, "müssen wir jetzt nächstes Jahr schaffen". Bei den Länderspielen im März und im unmittelbaren Turniervorfeld im Juni. Ob das reicht, um wie erhofft wieder in den Kreis der Favoriten aufzurücken? "Wenn man uns ein bisschen Zeit gibt, kann Gigantisches entstehen", sagte Julian Brandt nach dem 2:2 gegen Argentinien am Mittwoch - aber die Zeit hat Löw nicht.