Zum Inhalte wechseln

Frings im Interview: "Glaube an Bayern, aber hoffe auf Dortmund"

Ex-FCB und BVB-Profi über Bayern, Flick, Kovac und Dortmund

Sky Sport

09.11.2019 | 10:23 Uhr

Torsten Frings gastierte im Mai 2017 als Trainer von Darmstadt 98 in seiner ehemaligen Wahlheimat München.
Image: Torsten Frings gastierte im Mai 2017 als Trainer von Darmstadt 98 in seiner ehemaligen Wahlheimat München. © Getty

Torsten Frings spielte für Bayern und Dortmund, in Bremen war er Spieler und Co-Trainer. Bayern-Interimstrainer Hansi Flick kennt er aus der Nationalmannschaft. Bei Sky Sport spricht Frings über die Situation in München und beim BVB und erklärt, was aus Spieler- und Trainersicht wichtig ist.

Sky Sport: Herr Frings, Sie waren zuletzt Trainer in Darmstadt, was machen Sie gerade?

Torsten Frings: Ich warte darauf, dass ich wieder die Möglichkeit bekomme, mich als Trainer zu beweisen. Aber momentan gibt es nichts Konkretes.

Den besten Fußball live streamen

Den besten Fußball live streamen

Mit Sky Ticket streamst du die Bundesliga, 2. Bundesliga, Premier League, DFB-Pokal und die UEFA Champions League live. Einfach monatlich kündbar.

Sky Sport: Niko Kovac ist nicht mehr Trainer bei Bayern, Lucien Fravre musste im Umfeld mit Gegenwind kämpfen, hat Borussia Dortmund aber wieder in die Spur geführt. Wie beurteilen Sie als ehemaliger Spieler beider Vereine und aus Sicht eines Trainers das, was in den vergangenen Wochen passiert ist?

Frings: Eigentlich ist es der absolute Wahnsinn. Denn im Grunde war ja nicht wirklich viel passiert. Beide Klubs haben den Anspruch, Titel zu gewinnen, und beide sind momentan absolut im Soll, sind im Pokal weiter und auch in der Champions League sieht es gut aus. Aber man erwartet von beiden, dass sie in der Liga durchmarschieren. Und wenn das nicht der Fall ist, dann werden eben die Trainer schnell in Frage gestellt. Mit Niko Kovac hat es dann leider schon den ersten getroffen.

Sky Sport: Musste Kovac vielleicht für etwas herhalten, dass er selbst gar nicht zu verantworten hatte? Vor der Saison ging es viel um mögliche Transfers dann wurde auf den letzten Drücker Coutinho verpflichtet, was den Wirbel um Thomas Müller zur Folge hatte.

Frings: Das stimmt, der Trainer hat mit den Transfers relativ wenig zu tun. Für mich als Außenstehender sah es schon so aus, als ob das Binnenverhältnis zwischen dem Trainer und der Mannschaft nicht einwandfrei war. Der Trainer ist dann am Ende des Tages oft die ärmste Sau. So ist halt das Geschäft. Das ist nicht immer richtig, aber es ist leider so.

Mehr dazu

3:03
Champions League, 4. Spieltag: Im ersten Spiel unter der Leitung von Interimstrainer Hansi Flick gewann der FC Bayern 2:0 gegen Olympiakos Piräus und löste vorzeitig das Ticket für die nächste Runde.

Sky Sport: In dem Geschäft ist es nicht unbedingt üblich, dass ein Trainer sich per Mail bei den Mitarbeitern des Vereins bedankt und sich persönlich bei allen Spielern verabschiedet.

Frings: Bei aller Kritik muss man auch den Charakter bewahren. Und das hat Niko Kovac super gemacht. Er hat vielleicht nicht alles gesagt, was er auf dem Herzen hatte, weil es dann noch mehr Probleme gegeben hätte, aber es hatte schon Stil, wie er sich verabschiedet hat. Er hat mit München das Double geholt und stand zuletzt in allen Wettbewerben gut da. Er hat keinen Scherbenhaufen hinterlassen.

Sky Sport: Bayerns Sportchef Hasan Salihamidzic hat zur Trainersuche gesagt, der neue Coach müsse zu den Spielern passen. Besteht die Gefahr oder ist es schon so, dass die Spieler mehr Macht haben als die Trainer?

Frings: Gerade bei solchen Mannschaften wie Bayern hast du lauter Nationalspieler und Stars, da ist es schwierig, alle unter ein Dach zu bekommen. Aber genau das ist das Wichtige: dass du die Spieler auf deine Seite bekommst und allen das Gefühl gibst, wichtig zu sein. Schaffst du das bei einigen nicht, hast du diese Spieler auch schnell gegen dich. Wenn diese Spieler bei ihren Kollegen angesehen sind, hast du die ganze Mannschaft gegen dich. Und dann hast du als Trainer sowieso keine Chance mehr.

0:41
Champions League - Nach Sieg gegen Piräus: Bleibt Flick länger Bayern-Trainer

Sky Sport: War das Hickhack um Müller der Knackpunkt für Kovac?

Frings: Unter anderem. Da waren sicher ein paar Äußerungen des Trainers dabei, die innerhalb der Mannschaft vielleicht nicht gut ankommen. Aber man muss Niko da auch mal in Schutz nehmen. Ein Trainer kann halt nur elf spielen lassen. Und wenn dann noch einer wie Coutinho, der so teuer war, dass du ihn einbauen musst, zu einem so späten Zeitpunkt dazukommt, war die Vorbereitung ein Stück weit für die Katz..

Sky Sport: Hansi Flick gilt als jemand, der sehr gut mit Spielern umgehen kann. Er war Ihr Co-Trainer in der Nationalmannschaft, und er kennt einige Bayern-Spieler auch noch aus seiner Zeit beim DFB, er hat zusammen mit Müller, Manuel Neuer und Jerome Boateng 2014 den WM-Titel gewonnen. Ist das ein Vorteil für ihn?

Frings: Das ist ein Riesenvorteil. Hansi war schon immer sehr kommunikativ. Er hat sich auch immer um alle Spieler gleichermaßen gekümmert. Das macht er wirklich hervorragend und das kann ich aus meiner Zeit bei der Nationalmannschaft bestätigen. Er hat immer ein offenes Ohr für alle und man kann jederzeit mit jeder Kleinigkeit auf ihn zugehen. Aber man muss auch dazu sagen, dass er Co-Trainer war. Die schlussendliche Verantwortung trägt der Cheftrainer. Der entscheidet und muss am Ende des Tages den Kopf dafür hinhalten. Ein Spieler ist auch nie sauer auf den Co-Trainer, sondern wenn, dann auf den Cheftrainer.

Sky Sport: Sie haben in Bremen nach ihrer Spielerkarriere als Co-Trainer gearbeitet, danach waren Sie in Darmstadt Chef. Was waren oder sind die Unterschiede zwischen den Jobs?

Frings: Als Chef musst du ein Stück weit distanzierter sein. Die Spieler kostet es auch mehr Überwindung, mit dem Chef zu sprechen. Deswegen holt man sich lieber die Infos vom Co-Trainer oder mault sich bei ihm aus. Man vertraut ihm, weil man weiß, er gibt es zwar weiter, aber gefiltert. Von daher hat ein Co-Trainer einen sehr wichtigen Job. Als Cheftrainer muss Flick auch unangenehme Entscheidungen treffen. Wie er damit umgeht, muss man erst noch abwarten.

0:38
In diesem Video (Länge: 38 Sekunden) spricht Leon Goretzka über das Spiel des FC Bayern gegen Borussia Dortmund.

Sky Sport: Könnte Flick auch eine mittel- oder langfristige Lösung sein?

Frings: Ich traue es Hansi auf jeden Fall zu, das Zepter in München komplett zu übernehmen. Am Ende des Tages muss Bayern München die Entscheidung treffen. Ich weiß nicht, wie sie denken, aber ich kann mir vorstellen, dass sie seine Stärke, so gut mit den Spielern umgehen zu können, nicht verlieren wollen.

Sky Sport: Wurde und wird Flick vielleicht unterschätzt, weil er jahrelang "nur" der Assistent von Joachim Löw war?

Frings: Das könnte man als Außenstehender vielleicht denken. Jogi hatte die Verantwortung, aber es gab viele andere, die nicht im Rampenlicht stehen, aber ihre Arbeit getan haben. Ich traue Hansi den Job als Chef zu, weil er die Fachkompetenz und dazu auch die hundertprozentige Sozialkompetenz hat. Die ist gerade bei Bayern besonders wichtig.

Sky Sport: Ist das in München noch mal eine Spur wichtiger als in Dortmund?

Frings: Sie ist in Dortmund auch wichtig, aber bei Bayern ist sie aufgrund des Selbstverständnisses, jedes Jahr Meister werden zu wollen, wichtiger. Alles andere zählt nicht. Du musst Meister werden - und dazu auch noch möglichst schön gewinnen.

Bundesliga-Spielplan 2019/20 zum Durchklicken

Bundesliga-Spielplan 2019/20 zum Durchklicken

Die DFL hat den Spielplan zur neuen Saison veröffentlicht. Hier gibt's alle Termine und Spieltage im Überblick!

Sky Sport: Sie haben früher im Mittelfeld und als Außenverteidiger gespielt, genau wie es momentan Joshua Kimmich bei Bayern macht. Wie ist es aus Spielersicht, immer hin- und hergeschoben zu werden und wo sehen Sie Kimmich aus Trainersicht?

Frings: Wenn ein Spieler auf beiden Positionen gut ist, würde ich ihn auch immer da einsetzen, wo er für die Mannschaft wichtig ist. Trotzdem glaube ich, dass Kimmich es gern hätte, wenn man sich in der nächsten Zeit auf eine Position festlegt, dass man sich einspielt und er seine ganze Stärke voll entfalten kann. Welche Position es dann für ihn ist, kann ich nicht sagen. Das wird er am besten wissen und mit den Trainern darüber sprechen.

Sky Sport: Man darf also gespannt sein, wo Kimmich gegen Dortmund spielen wird. Wie beurteilen Sie die bisherige Saison des BVB?

Frings: Von der Qualität der Mannschaft her spricht Dortmund ein Wort um die Meisterschaft mit. Sie haben aber relativ viele neue Spieler wie Nico Schulz, Thorgan Hazard oder Julian Brandt dazu geholt, die mit ihren vorherigen Klubs nicht das Ziel hatten, Deutscher Meister zu werden. Es ist noch einmal ein ganz anderer Druck, jetzt in einer Mannschaft zu spielen, die den Titel als Saisonziel ausgegeben hat. Es braucht eine Zeit, sich diesem Druck und dem Niveau anzupassen. Am Anfang hatte Dortmund Probleme, aber es sieht so aus, als hätten sie den Turnaround geschafft.

Sky Sport: Wie finden Sie es, dass Ihr ehemaliger Teamkollege Sebastian Kehl in Dortmund als Leiter der Lizenspielerabteilung arbeitet?

Frings: Es war eine gute Entscheidung. Mit Sebastian haben Sie beim BVB jemanden, der noch näher an den Spielern dran ist.

3:01
BVB-Boss Hans-Joachim Watzke spricht im exklusiven Sky Interview über Coach Lucien Favre (Video-Länge: 3:01 Minuten).

Sky Sport: Dortmund steht jetzt sogar einen Punkt vor Bayern. Danach hatte es lange nicht ausgesehen. Trainer Lucien Favre hatte keinen leichten Stand, wie sehen Sie seine Situation?

Frings: Ich glaube, dass der Druck auf Favre nur von außen kam. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er von innen kam. Herr Watzke und Herr Zorc wissen, was sie an Favre haben. Sie haben viel Erfahrung und drehen nicht durch, nur weil es mal ein, zwei oder drei Spiele nicht rund läuft. Ich glaube, dass sie so eine Phase gerade wegen der vielen neuen Spieler auch eingeplant hatten. Sie sind geduldig geblieben und wie es aussieht, lagen sie damit richtig.

Sky Sport: Die Veröffentlichung von Watzkes Biographie und das Schwelgen in der Vergangenheit mit Jürgen Klopp haben für Wirbel gesorgt. War das unglücklich?

Frings: Aber das ist doch immer so, egal, wann du so etwas rausbringst. Wenn du über erfolgreiche alte Zeiten redest, ist es immer negativ für die aktuelle Situation, wenn es gerade nicht so gut läuft. Über gute alte Zeiten wird immer gern berichtet und gesprochen. Ich bin mir sicher, dass die Dortmunder alles dafür tun, dass Herr Watzke in seiner nächsten Biografie die Zeit mit Favre erwähnen kann.

Sky Sport: Wen sehen Sie am Samstag vorn? Bayern oder Dortmund?

Frings: Ich glaube, dass Bayern aufgrund der größeren Erfahrung in solchen Spielen gewinnen wird. Obwohl ich glaube, dass es eine enge Kiste wird und hoffe, dass Dortmund gewinnt, damit es diese Saison im Meisterkampf enger wird als in der vergangenen Spielzeit.

Sky Sport: Aber so eng wie in dieser Saison war es doch lange nicht. Was trauen Sie Tabellenführer Mönchengladbach zu?

Frings: Ich mag Marco Rose sehr, wir haben zusammen den Fußballlehrer gemacht, und ich drücke ihm die Daumen. Aber ich bin davon überzeugt, dass auch in Gladbach noch irgendwann eine Phase kommt, in der es nicht so rund läuft. Wichtig ist, dass ein Trainer die Zeit bekommt, seine Vorstellungen umzusetzen. Ich freue mich, wenn Leute wie Marco diese Zeit bekommen.

Das Gespräch führte Thorsten Mesch

Mehr zum Autor Thorsten Mesch

Weiterempfehlen:

Mehr stories