Lothar Matthäus Kolumne über DFB-Team, Nagelsmann, Sane, Undav und Musiala
In seiner Kolumne lobt Lothar Matthäus die Mentalität der Nationalmannschaft in den Spielen in der Schweiz und gegen Ghana, kritisiert aber Bundestrainer Julian Nagelsmann in Bezug auf dessen Umgang mit Deniz Undav und Leroy Sane.
31.03.2026 | 17:38 Uhr
Für Jamal Musiala könnte sich der Sky Sport Experte mit Blick auf die Weltmeisterschaft hingegen eine Sonderbehandlung vorstellen und erinnert an Bastian Schweinsteigers Situation vor der WM 2014.
Die deutsche Nationalmannschaft hat zwei Siege eingefahren. Sie hat beide Spiele bestimmt, ist in der Schweiz nach dem Rückstand zurückgekommen, hat sich nicht mit einem Unentschieden zufriedengegeben und auch gegen Ghana nach dem Ausgleich noch gewonnen.
Das spricht dafür, dass es ein gutes Miteinander gibt und eine Einheit auf dem Platz steht. Schlotterbeck macht einen Fehler, aber keiner stellt sich gegen ihn. Im Gegenteil: Er wird aufgefangen. Das sind Zeichen einer Mannschaft, die zusammensteht. Und das bewerte ich sehr positiv.
Das ist ein gefährliches Spiel von Nagelsmann
Aber eines gefällt mir nicht: Es wird zu viel diskutiert, zu viel nach außen getragen. Wenn Spieler schon im Vorfeld wissen, dass sie kaum Startelfchancen haben, außer wenn sich jemand verletzt - dann ist das schwierig.
Ich verstehe, dass Julian Nagelsmann eine Stammformation formen will. Aber wer so klar öffentlich sagt, dass bestimmte Spieler im Moment nicht erste Wahl sind, muss aufpassen. Was ist, wenn sich einer verletzt? Dann braucht man genau die Spieler, die vorher außen vor waren und so funktionieren wie Deniz Undav gegen Ghana. Das ist ein gefährliches Spiel und könnte zum Bumerang werden.
Seien wir doch froh, dass wir wieder einen wie Gerd Müller haben
Ich bin kein Statistik-Fan und ich verstehe auch, dass der Bundestrainer Undav nicht auf der Neun sieht. Undav ist kein Kopfballungeheuer, aber Gerd Müller war auch nicht der Größte. Müller hat so ähnlich wie Undav gespielt, war oft kaum zu sehen und hat dann aus dem Nichts getroffen, wie im WM-Finale 1974. Es ist ein großer Vergleich - aber seien wir doch froh, dass wir wieder einen wie Müller haben!
Vielleicht hat Nagelsmann seine Faibles, was die Körpergröße, die technischen Fähigkeiten und das Kombinationsspiel angeht. Es ist sein Recht zu sagen, dass ihm Kai Havertz vorne besser gefällt. Wenn sich aber dann noch einer verletzt, muss er wieder auf die Spieler zurückgreifen, die er vorher links liegen gelassen hat.
Spieler, die Leistung bringen, sitzen auf der Bank
Vor ein paar Monaten hat der Bundestrainer erklärt, dass die Spieler in ihren Vereinen möglichst viele Einsatzminuten benötigen und abliefern müssen. Jetzt sitzen Spieler, die diese Kriterien erfüllen, auf der Bank. Und andere, die sie nicht erfüllen, stehen auf dem Platz. Die Spieler haben das im Kopf und denken sich: 'Ich bin im Verein Stammspieler und liefere ab, ein anderer nicht, aber der spielt trotzdem.'
"Was interessiert mich der Schmarrn von gestern?"
Natürlich haben Havertz und Nick Woltemade noch zwei Monate Zeit, um in Form und in ihren Rhythmus zu kommen. Havertz war lange verletzt, Woltemade hat im Verein lange nicht getroffen, aber er hat Ende 2025 viel dazu beigetragen, dass die Nationalmannschaft gute Resultate erzielt und sich für die WM qualifiziert hat. Ich finde es gut, dass Nagelsmann beide mitnimmt.
Doch Undav hat die Einsatzminuten im Verein und den Spielrhythmus. Ich kann verstehen, dass er nicht von Beginn an gespielt hat, aber dann fallen Nagelsmann die Dinge auf die Füße, die er vor ein paar Monaten gesagt hat.
Da fühle ich mich an einen Spruch von Franz Beckenbauer erinnert. Der hat einmal gesagt: "Was interessiert mich der Schmarrn von gestern?"
Nagelsmann hat Sane keinen Gefallen getan
Leroy Sane war im Spiel in der Schweiz ein Schatten des Spielers, der in der WM-Qualifikation gegen die Slowakei sehr gut gespielt und zwei Tore erzielt hat.
Ich bin ein Fan von Leroy und hätte gehofft, dass er an diese Leistung anknüpft. Wenn er so spielt wie im November in Leipzig, hat er für mich einen Stammplatz in der Nationalmannschaft, aber in der Schweiz kam zu wenig von ihm.
Sane ist 30 Jahre alt, er ist kein Talent mehr, die Leute erwarten mehr von ihm als von einem 18-Jährigen. Ich kenne die türkische Liga und finde sie gut, aber die Fans sehen, dass Sane bei Galatasaray zuletzt nicht gespielt hat. Dennoch stand er in der Schweiz in der Startelf und wurde gegen Ghana eingewechselt. Das hat die Leute aufgebracht. Die Pfiffe in der Stuttgarter Arena waren vielleicht nicht nur gegen Sane, sondern auch gegen Nagelsmann gerichtet.
Der Trainer trägt eine Mitschuld, weil er Dinge gefordert, aber nicht eingehalten hat. Mit seinen unglücklichen Aussagen hat er dem Spieler keinen Gefallen getan und sich unglaubwürdig gemacht. Für mich kann Julian machen, was er will. Wenn die Nationalmannschaft am Ende eine erfolgreiche Weltmeisterschaft spielt, hat er alles richtig gemacht. Aber er muss mit den Reaktionen auf Aussagen rechnen, mit denen er für Irritationen gesorgt hat. Dennoch sollte ein Nationalspieler nicht ausgepfiffen, sondern unterstützt werden.
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Lennart Karl hatte gegen Ghana und in der Schweiz einige gute Aktionen als Joker. Er könnte auch von Anfang spielen. Wenn ihm der Trainer das Vertrauen gibt, wird er ihn nicht enttäuschen.
Serge Gnabry ist mit seinen Leistungen und seiner Vielseitigkeit ein ganz wichtiger Spieler für Nagelsmann. Aufgrund seiner Leistungen bei Bayern und im Nationalteam ist er ein Kandidat für die Anfangsformation.
Definitiv gesetzt in der Startelf ist Florian Wirtz. Einige haben seinen Wechsel nach Liverpool kritisiert - ich nicht. Ich habe so etwas als Spieler selbst erlebt: Anderes Land, andere Sprache, anderer Fußball - er musste sich umstellen, das ist eine natürliche Reaktion. Jetzt sieht man, warum er ein Weltklassespieler ist.
Sonderbehandlung für Musiala wie damals bei Schweinsteiger?
Sein kongenialer Partner Jamal Musiala muss zunächst einmal völlig gesund werden. Er braucht Spielpraxis, aber vor allem muss er im Kopf frei werden, er darf nichts erzwingen wollen.
Vor der WM 2014 gab es den Fall Bastian Schweinsteiger, der nicht fit war, aber von Jogi Löw eine Green Card bekommen hat.
Auch wenn Jamal in den nächsten zwei Monaten nicht die Einsatzzeiten bekommt, die der Bundestrainer eigentlich gefordert hat, sollte er sich überlegen, ob der Spieler für ihn so wichtig ist, dass er ihn mitnimmt.
Bei Schweinsteiger wusste Löw, dass er in den ersten Spielen noch nicht so weit war, aber danach war er einer der Leistungsträger. Die WM dauert im besten Fall mehrere Wochen, ein Musiala kann in den entscheidenden Spielen den Unterschied ausmachen. So wie Schweinsteiger bei der WM 2014.
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