Matthias Sammer über Klopp, Undav, DFB, Nagelsmann, Bierhoff
Matthias Sammer sieht Jürgen Klopp als richtige Besetzung für die Spitze des DFB. Der ehemalige Europameister verbindet mit Klopp die Hoffnung auf eine neue Identität der Nationalmannschaft und unterstützt dessen personelle Entscheidungen.
22.09.2026 | 12:33 Uhr
Sammer verteidigt zudem in "Sammer & Basile - der Hagedorn-Talk" seinen Kurs bei der Nationalmannschaft. Gleichzeitig äußert er sich kritisch zu Deniz Undav, Oliver Bierhoff und den Entwicklungen der vergangenen Jahre im DFB.
Matthias Sammer über ...
… Jürgen Klopp: "Ich habe große Hoffnung in ihn. Ich erkenne bei ihm einen absoluten Plan. Seine Organisationsform kann man immer diskutieren, aber sie folgt einem Plan. Und ich finde, er verkörpert etwas. Meine ganz große Hoffnung liegt darin, dass dieser Mann uns eine Identität zurückbringt, die wir dringend brauchen. Ich bin guter Dinge, dass er der Richtige ist für die Spitze in meinem Pyramidensystem, nämlich der Nationalmannschaft und gleichzeitig habe ich große Hoffnungen in Per Mertesacker und Hannes Wolf, dass in der Pyramide das Fundament sehr stark sein wird und dementsprechend haben sie alle meine Unterstützung und ich wünsche ihm alles Gute. Aber er kann nicht hexen, sondern es geht darum, in seiner Persönlichkeit, in seiner Erfahrung als Trainer auch verständlich zu machen, dass das möglicherweise auch ein bisschen Zeit braucht. Er wird euphorisiert auf das Volk und auf die Mannschaft wirken. Aber nur mit Euphorie kannst du nicht laufen. Also ich kann mit Euphorie keinen Marathonlauf absolvieren. Es wird ein paar Punkte geben, in Sachen Austausch, der jetzt schon gut begonnen hat, was ich sehr wertschätze, bei denen er die Klubtrainer brauchen wird."
… Deniz Undav: "Jürgen Klopp hat eine gewisse Idee, wie er Fußball spielen möchte und welche Spieler er dazu braucht. Laufstark, Intensität, sofortige Reaktion bei Ballverlust."
Das hat er alles nicht?
"Zumindest kann man das infrage stellen. Stand jetzt hätte ich ihn nicht nominiert. Stand jetzt! Ich würde ihn aber sehr im Auge behalten, weil er dir mit seinen Qualitäten irgendwann, wenn du in der Box Themen hast, helfen kann. Und deshalb zusammengefasst: Ich hätte ihn nicht nominiert und gleichzeitig aber mit dem Trainer, mit ihm, das Gespräch gesucht, um zu sagen, das ist eine Momentaufnahme."
Er hat sich ja enttäuscht gezeigt, dass er dachte, er hätte mehr Kredit aufgrund seiner vergangenen Leistung. Und jetzt werden 44 Menschen nominiert. Und er nicht. Das ist für ihn schon auch ein Schlag ins Gesicht.
"Willkommen im Leben, Willkommen in Leistungssport, Willkommen in der Brutalität, auch bei Veränderungen. Willkommen, ein neuer Trainer und letztendlich, wenn du Kredite willst, musst du zur Bank gehen. Alles andere musst du dir neu erarbeiten. Jürgen Klopp ist, und ich liebe das, im Leistungssport nicht kompromissbereit. Er ist kompromisslos. Er hat vielleicht ein Signal gesetzt, ob richtig oder falsch, wissen wir alle nicht."
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… Oliver Bierhoff und dessen Kritik an fehlenden Persönlichkeiten in der Mannschaft: "Es ist nicht lange her, da hieß es auch von seiner Seite aus, wir brauchen in Deutschland flache Hierarchien. Das möchte ich einfach mal sagen. Das soll nicht besserwisserisch klingen oder auf irgendwas einwirken, um zu sagen, ich habe es gewusst oder du hast es nicht gewusst, oder umgekehrt, darum geht es nicht. Sondern es geht immer darum, was ich heute argumentiere, werde ich morgen oder übermorgen bekommen oder nicht bekommen. Und ich war immer ein Verfechter davon, dass es die Typen Leader, Teamplayer und Individualisten gibt. Und wenn du die alle auch in der Argumentation gleich behandeln willst und auch in der Stellung, in der Kabine auf dem Feld, dass die alle gleich sein sollen, dann brauchen wir uns doch heute nicht beschweren, dass uns ein paar Typen fehlen."
Also ist er auch dafür verantwortlich?
"Natürlich ist er ein Stück weit dafür verantwortlich. Mich wundert das sehr, dass das zum jetzigen Zeitpunkt kommt. Wenn du heute als Führungskraft eine übergeordnete Leitlinie setzt, musst du wissen, was das morgen und übermorgen bedeutet. Und ich halte das für einen der kapitalsten Fehler, die je begangen wurden, von flachen Hierarchien im Leistungssport und in einer Mannschaft zu sprechen. Das ist eine Katastrophe."
… die DFB-Neulinge: "Ein außergewöhnlicher Trainer wie er hat ein außergewöhnliches Auge. Das kannst du nirgendwo lernen. Mit seinen Erfahrungen, mit seinen Qualitäten und letztendlich auch mit den Leuten, mit denen er sich umgibt. Er sieht etwas in diesen Spielern. Er muss heute nicht das EM-Finale vorbereiten. Aber er muss die Leistung vorbereiten, um über die Zeit eine schlagkräftige Nationalmannschaft zu entwickeln mit Spielern, bei denen er etwas sieht zum jetzigen Zeitpunkt. Nur den Beweis wird auch die Zeit bringen, werden die Spieler bringen müssen. Und da wird es Entwicklungen geben, da werden wir sagen, wow, wie hat er das erkannt? Und dann wird es aber auch welche geben, da wäre es vielleicht besser gewesen, sie nicht mitzunehmen. Wir haben einfach das Leistungspotenzial, egal ob viel oder wenig, nicht ausgereizt."
… Julian Nagelsmann: "Wenn ich in einer verantwortlichen Position wäre und mich damit auseinandersetzen müsste, dass ich einen Trainer brauche, würde ich mich intensiv mit ihm beschäftigen. Aber mit keinem anderen von ihm rundherum. Nur mit ihm. Ich habe ein paar Jahre auf dem Buckel, um zu erkennen, hat er dazugelernt oder hat er nicht dazugelernt. Er ist ein erstklassiger Fachmann. Er hat das in Hoffenheim sehr gut gemacht. Er hat es in Leipzig sehr gut gemacht. Ihm hat aber der letzte Schritt manchmal gefehlt - auch in München."
Was meinst du mit den Leuten drumherum? Seine Berateragentur?
"Ja, natürlich. Du hast mir ja die Frage gestellt, ob er eine Zukunft hat in Deutschland. Die Qualitäten hat er allemal. Er muss dazulernen. Ein Trainer ist ein Souverän. Und er muss einfach dazulernen, dass viele Dinge an ihm abprallen müssen, viele Dinge er gar nicht zum Thema machen muss, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und ich würde es für eine Schande halten für unser Land, wenn wir so einen begabten Trainer irgendwo verlieren. Ich würde ihm raten, einen Fußballweisen aufzusuchen, mit ihm zu sprechen. Das kann z.B. Lothar Matthäus sein. Und das kann auch ein Stefan Effenberg sein. Ein Didi Hamann. Jetzt kann man wieder sagen, es ist gefährlich, weil die auch in der Öffentlichkeit stehen. Aber da draußen gibt es auch ältere Trainer, einen Friedhelm Funkel, nur mal als Beispiel. Mit weisen, alle mögen mir verzeihen, alten Leuten, die überhaupt nicht mehr das Gefühl haben, sie müssen sich präsentieren, sondern die etwas weitergeben wollen mit ihrem Erfahrungswissen, das würde ich ihm raten."
Aber habe ich richtig verstanden? Du würdest eher sagen: Berateragentur, nein. Alter, weiser Mann, ja?
"Ich würde ihm das raten. Ich bin ja Ratgeber. Mehr bin ich ja nicht. Ich beobachte ihn lange. Er sollte mit jemandem sprechen, der keine eigenen Interessen mehr hat an so einem Gespräch, sondern ihm die Dinge mal benennt. Es geht doch nicht darum, was alles falsch oder richtig war. Es geht oftmals um die Wirkungen. So dass ein Prozess eingeleitet wird, dass eine erstklassige Qualität dort wachsen kann, das würde ich mir wünschen für ihn."
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