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Werder Bremen News: Ein Kommentar von Sky Reporter Sven Töllner

Werder: Das glitschige Getänzel am Liga-Abgrund haben alle zu verantworten

Sven Töllner

08.07.2020 | 14:23 Uhr

7:09
Werder Bremen bleibt Bundesligist: Was passiert mit Florian Kohfeldt? Sky Reporter Sven Töllner spricht über die Zukunft des Werder-Trainers (Videolänge: 7:09 Min).

Verdient? Unverdient? Unwichtig! Diese Frage stellt außerhalb von Heidenheim morgen keiner mehr. Den Bremer Verantwortlichen stellen sich derweil etliche knifflige Aufgaben, die trotz der Klassenerhalts-Feierlichkeiten keinerlei Aufschub dulden! Ein Kommentar.

Am Ende war es der doppelte Theuerkauf, der Werder den Absturz ersparte. Ein spektakuläres Eigentor und ein auf Profi-Niveau ungewöhnlicher Monster-Patzer des Ex-Bremers sorgen dafür, dass Grün-Weiß eine Erstliga-Farbe bleibt.

Florian Kohfeldts Bauchklatscher nach Augustinssons Treffer zur Bremer Führung taugte nicht als Sinnbild für den Abend. Für die Saison allerdings schon - es war eine durch und durch schmerzhafte Spielzeit für alle Bremer Fans und Verantwortliche. Fehleinschätzungen bei der Kaderplanung. Übermut bei der Zielsetzung. Schwerfälligkeit bei der Krisenbewältigung. Und Fahrlässigkeit in der Winterpause. Der Reset-Knopf wurde touchiert, aber ganz sicher nicht mit der angemessenen Konsequenz gepresst.

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Keine Festung mehr: Weser-Stadion wird zum Selbstbedienungs-Laden

Gewiss - das Verletzungspech hat Werder schwer zugesetzt. Aber wer Europa als realistisches Ziel ausruft, darf auch davon nicht auf diese Weise kalt erwischt werden. In keinem der 36 Spiele stand eine Bremer Startelf auf dem Platz, der man reinen Gewissens die Bundesliga-Tauglichkeit hätte absprechen können. Und doch hat Florian Kohfeldts Team nicht geliefert und sich zum Teil groteske Vorstellungen erlaubt. 0:1 gegen Paderborn, 0:5 gegen Mainz - vor allem daheim haben die Bremer bitter enttäuscht.

Die einstige Festung an der Weser geriet zum Selbstbedienungs-Laden für direkte Konkurrenten. Abwehr-Gewackel, Abschluss-Schwäche, auch durchaus mal eine Extra-Meile weniger. Leistungsträger, die über (zu) große Teile der Saison Schwachstellen im Gefüge waren (Eggestein, Moisander) und zu viele Zugänge, die nicht zündeten (Toprak, Lang, Selke). Das glitschige Getänzel am Liga-Abgrund haben alle zu verantworten. Der Trainer, die Spieler, die Geschäftsführung.

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Werder-Ikone Torsten Frings spricht im Sky Interview über den Bremer Klassenerhalt und Trainer Florian Kohfeldt (Videolänge: 6:19 Min).

In Bremen ist nun Ehrlichkeit gefragt

Bei der angekündigten "schonungslosen Analyse" sollte es also nicht so sehr um den heftigen "Kraftakt" (Kohfeldt) gehen, mit dem die Bremer ihren grün-weißen Hintern auf den letzten Metern der Zielgeraden über den Strich gewuchtet haben. Auf die Tagesordnung müssen die diversen Verfehlungen, die zu dieser Situation geführt haben. Ehrlichkeit wird dabei gefragt sein. Und ein ungetrübter Blick auf die eigenen Fehler.

Das muss nicht zwingend zu personellen Veränderungen führen, aber zu produktiven Rückschlüssen aus der sportlichen und wirtschaftlichen Beinah-Katastrophe. Dabei wird es zu Abwägungen kommen - der Blick auf morgen mit dem Wissen von gestern: Wird Sportgeschäftsführer Frank Baumann trotz komplizierterer Bedingungen als im Vorjahr in der Lage sein, einen Kader zusammenstellen, der den Klassenerhalt wahrscheinlich macht? Und: Traut er sich das selbst zu?

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Wird es Florian Kohfeldt trotz der flatterhaften Spielzeit gelingen, seinem Kader eine Identität einzuimpfen, die von Lust auf die Aufgabe und Vertrauen in die eigenen Qualitäten geprägt ist? Und: Will er das überhaupt? Sieht Aufsichtsrats-Boss Marco Bode weiterhin mehr Vor- als Nachteile in der grün-weißen Familienkultur? Und: Wäre er überhaupt in der Lage, die Struktur zu verändern?

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Werder Bremen: Trainer Kohfeldt über seine Zukunft

Trainerfrage ist Punkt 1 der Agenda

Es werden intensive Tage an der Weser. Und für Kohfeldts Plan ("Ab an irgendeinen Strand, wo mich keiner kennt") stehen die Umsetzungschancen vorerst gar nicht so gut. Die Trainerfrage muss schließlich an Position 1 auf der Agenda - davon hängt alles ab. Die Beziehung muss auf den Prüfstand - beidseitig. Kohfeldts Karriereplan würde durch eine weitere Saison im Abstiegskampf (mit ungewissem Ausgang) Kratzer erhalten. Seine tiefsitzende und aufrichtige Identifikation mit dem Klub könnte ihn an der Stelle in Gewissenskonflikte stürzen. Die Geschäftsführung muss bewerten, ob der junge Coach glaubhaft den Eindruck vermittelt, weiterhin Bock auf den mit Risiken und Nebenwirkungen gepflasterten Bremer Weg zu haben.

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Ob die branchenunübliche, bedingungslose Treue zu Kohfeldt nun Konsequenz war oder lethargische Ideenlosigkeit, obliegt der Bewertung des Betrachters. Fürs Minimalziel hat es ja gereicht. Geduld und Nerven der Fans haben die Bremer jedenfalls brutal überstrapaziert. Wohl der einzige Bereich im Werder-Kosmos, in dem es keinerlei Luft nach oben gibt.

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