Yussuf Poulsen über den HSV, seine Karriere und Zukunftspläne
Im exklusiven Interview spricht Yussuf Poulsen vor dem Spiel gegen Stuttgart (Sa., 15:30 Uhr live auf Sky Sport) über den Saisonstart, Verletzungen und seine Zukunftsplanung. Der 32-Jährige sagt auch, warum er sich als Mentor für junge Spieler sieht.
16.10.2026 | 14:28 Uhr
Mit Blick auf den Platzverweis gegen Bayerns Michael Olise erklärt er, warum man - gerade als Offensivspieler - lernen muss, seine Emotionen unter Kontrolle zu behalten.
Sky Sport Sport: Eine schlechte Entscheidung des Hoffenheimers Bernardo und die folgende Gelb-Rote Karte hat das Spiel des HSV bei der TSG Hoffenheim gedreht. Wie viel hängt im Fußball von Momenten, von Sekunden oder Zehntelsekunden ab?
Yussuf Poulsen: Sehr viel. Manchmal entscheidet eine halbe Sekunde darüber, ob du an den Ball kommst oder nicht. Und daraus kann dann etwas Entscheidendes entstehen.
Sky Sport Sport: Machen wir uns also zu viele Gedanken über Taktik und Prinzipien?
Poulsen: Das würde ich nicht sagen. Denn die Ideen und Prinzipien, die du hast, erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass du überhaupt in solche Situationen kommst. Und dass diese Entscheidungen innerhalb von ein oder zwei Sekunden eher zu deinen Gunsten ausfallen. Deshalb sind taktische Prinzipien weiterhin sehr wichtig. Aber es gibt eben nicht den einen Weg, um Fußballspiele zu gewinnen. Das macht diesen Sport auch so wahnsinnig interessant.
Sky Sport: Wie groß ist die Rolle des Zufalls?
Poulsen: Zufall gehört zum Fußball dazu. Aber Zufall ist eben nicht immer nur Zufall. Manchmal sieht etwas zufällig aus, obwohl sehr viel Arbeit dahintersteckt. Wenn du immer wieder in bestimmte Situationen kommst, erhöhst du die Wahrscheinlichkeit, dass etwas für dich läuft. Wenn du einmal aufs Tor schießt oder zehnmal, ist die Wahrscheinlichkeit, ein Tor zu erzielen, bei zehn Versuchen natürlich größer. Deshalb kann man den Zufall durch gute Arbeit beeinflussen. Genau dafür sind taktische Prinzipien und Abläufe wichtig.
Sky Sport: Gibt es im Fußball generell zu viel Aufregung?
Poulsen: Entscheidend ist für mich immer, wie eine Mannschaft spielt. Natürlich können einzelne Situationen ein Spiel verändern. Aber wir müssen uns die Chancen auch erst einmal erarbeiten. Wir bekommen sie nicht geschenkt, sondern weil wir vorher vieles richtig machen. Deshalb sollte man nicht alles nur an einer Roten Karte oder einer einzelnen Szene festmachen. Wir haben am Ende auch gezeigt, dass wir gut genug waren, um uns diese Möglichkeiten herauszuspielen.
Sky Sport: Wie wichtig war der jüngste Sieg für den HSV - die Bestätigung nach dem Sieg gegen Köln?
Poulsen: Sehr wichtig. Vor allem, weil wir gezeigt haben, dass wir auch unter schwierigen Voraussetzungen gewinnen können. Wir hatten einige Ausfälle, dazu kamen Spieler von ihren Nationalmannschaften zurück und haben wenig mit der Mannschaft trainiert. Trotzdem haben wir das Spiel über weite Strecken kontrolliert. Das zeigt die Qualität unseres gesamten Kaders. Wir können solche Situationen auffangen und müssen nicht nach Ausreden suchen.
Sky Sport: Hat dich die Widerstandsfähigkeit der Mannschaft überrascht?
Poulsen: Nein, ich weiß, welche Qualität wir in der Mannschaft haben. Aber natürlich ist es schön, wenn man das auch auf dem Platz sieht. Wir haben Spieler, die Verantwortung übernehmen und wir können Ausfälle kompensieren. Das ist sehr wichtig für eine Saison, weil du nie davon ausgehen kannst, dass immer alle zur Verfügung stehen.
Sky Sport: Wie schwer wiegt der Ausfall von Nicolai Remberg?
Poulsen: Das ist natürlich erst einmal total bitter. Er ist ein sehr wichtiger Spieler für unsere Mannschaft und hat eine hohe Qualität. Er ist nicht nur auf dem Platz wichtig, sondern auch innerhalb der Mannschaft. Deshalb ist es schade, dass er uns jetzt fehlt. Aber wir werden einen Weg finden, das gemeinsam aufzufangen und uns entsprechend zu organisieren.
Sky Sport: Wie bist du körperlich in diese Saison gegangen?
Poulsen: Mit einem ganz anderen Gefühl als im vergangenen Jahr. Mir war schon damals klar, dass die letzte Saison körperlich eine besondere war, weil ich eigentlich zu keinem Zeitpunkt richtig fit gewesen bin. Das wussten wir alle. Wir wussten auch, dass die Art und Weise, wie wir mit meinen Verletzungen und den Comebacks umgegangen sind, gewisse Risiken mit sich bringt. Diese Risiken haben wir bewusst in Kauf genommen. Das war eine gemeinsame Entscheidung.
Für diese Saison war mir aber klar, dass es anders werden würde. Ich wusste: Wenn ich eine normale Vorbereitung absolvieren kann, vernünftig trainiere und alles Schritt für Schritt aufbaue, werde ich körperlich in einer ganz anderen Verfassung sein. Mit genau diesem Gedanken bin ich in die Vorbereitung gegangen.
Sky Sport: Hast du die Zweifel an deiner Leistungsfähigkeit gespürt?
Poulsen: Ja, natürlich. Sogar im eigenen Freundeskreis und in der Familie. Wenn so viele Dinge nicht nach Plan laufen, ist es doch ganz normal, dass Menschen anfangen, sich Gedanken zu machen. Ich bin schließlich auch keine 19 mehr. Wenn du in diesem Alter solche Probleme hast, sagen alle: Der hat noch fünf Jahre Zeit, um wieder richtig in Form zu kommen. Bei mir wird das natürlich anders betrachtet.
Aber für mich persönlich hat das keinen Unterschied gemacht. Ich kenne meinen Körper und weiß, was ich kann. Ich wusste auch, dass ich nicht für den Rest meiner Karriere solche Probleme haben würde wie in der vergangenen Saison. Ich hatte großes Vertrauen, dass ich wieder in eine andere körperliche Verfassung kommen würde.
Sky Sport: Hast du selbst das Vertrauen in deinen Körper verloren?
Poulsen: Im vergangenen Jahr gab es tatsächlich nur wenige Momente, in denen ich wirklich großes Vertrauen in meine körperliche Verfassung hatte. Aber das hatte eben mit der besonderen Situation zu tun.
Sky Sport: Hast du sogar ans Karriereende gedacht?
Poulsen: Nein, überhaupt nicht. In diese Richtung habe ich zu keinem Zeitpunkt gedacht. Ich wusste einfach, dass ich nach Verletzungen teilweise sehr schnell wieder spielen musste und das auch wollte. Dadurch steigt natürlich das Risiko, dass wieder etwas passiert. Aber damit war ich einverstanden, genauso wie der Trainer und die medizinische Abteilung.
In diesem Jahr ist die Situation ganz anders. Ich musste bislang nicht aus einer Verletzung heraus wieder zurückkommen. Genau das macht einen großen Unterschied. Ich hatte nie das Gefühl, dass mein Körper nicht mehr mitmacht und ich deshalb mit dem Fußball aufhören müsste. Ich wusste einfach, dass es eine schwierige Phase war. Und dass es nach sieben Wochen Pause und einem vernünftigen Neuaufbau anders aussehen würde.
Sky Sport: Gegen Kopenhagen musstest du früh raus. Wieder ein Rückschlag?
Poulsen: Nein, das war einfach eine Vorsichtsmaßnahme. Fußball ist ein körperlicher Sport. Ich habe einen Pferdekuss in die Wade bekommen, der richtig wehgetan hat. Aber mehr war es auch nicht. Durch die Einblutung in den Muskel konnte ich nicht weiterspielen und musste ein paar Tage pausieren. Sobald das Blut abgebaut ist, kannst du aber wieder loslegen, ohne ein Risiko einzugehen.
Sky Sport: Waren die Ärzte trotzdem alarmiert?
Poulsen: Ja, das merke ich natürlich auch bei unserer medizinischen Abteilung. Wenn mir etwas passiert, sind alle sofort besonders aufmerksam und denken wahrscheinlich: Oh nein, was ist denn jetzt schon wieder los? Deshalb habe ich erst einmal versucht, alle zu beruhigen.
Sky Sport: Wirst du wieder 90 Minuten Vollgas geben können?
Poulsen: Ja, auf jeden Fall. Wann genau das sein wird, musst du den Trainer und die medizinische Abteilung fragen. So weit bin ich noch nicht. Aber ich bin absolut davon überzeugt, dass ich das wieder schaffen werde, solange ich körperlich fit bleibe.
Sky Sport: Zwei Tore nach fünf Spielen - hochgerechnet wird das eine zweistellige Ausbeute. Realistisch
Poulsen: Das ist für mich nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass wir als Mannschaft möglichst viele Punkte holen. Fußball ist für mich ein Mannschaftssport. Wenn ich dabei zweistellig treffe, ist das super. Wenn nicht, ist es auch in Ordnung. Mir ist egal, ob ich die Tore schieße oder der Spieler, der neben mir im Sturm steht. Mein Ziel ist es, Fußballspiele zu gewinnen. Und wenn ich dafür auf eigene Tore verzichten muss, dann mache ich das. Ich ordne meine persönlichen Statistiken immer dem Erfolg der Mannschaft unter.
Sky Sport: Dein Vertrag läuft aus. Wie lange willst du noch spielen?
Poulsen: Solange ich das Gefühl habe, dass ich auf diesem Niveau mithalten kann. Sowohl fußballerisch als auch körperlich. Solange das der Fall ist, möchte ich gerne weiterspielen. Aber ich werde sicherlich nicht mit 40 noch auf dem Fußballplatz stehen.
Sky Sport: Wann möchtest du über deine Zukunft entscheiden?
Poulsen: Wenn der Verein auf mich zukommt. Ich mache da überhaupt keinen Stress. Ich bin sehr zufrieden mit meiner aktuellen Situation und auch damit, wo ich in meiner Karriere stehe. Wenn der Verein das Gefühl hat, dass wir über meine Zukunft sprechen sollten, setze ich mich sehr gerne zusammen. Ob das zeitnahpassiert oder erst später, ist für mich nicht entscheidend.
Sky Sport: Warum bist du so gelassen?
Poulsen: Weil ich weiß, wie schnell sich die Dinge im Fußball verändern können. Ich habe in meiner Karriere schon erlebt, dass eine Entscheidung in einer Woche in die eine Richtung geht und eine Woche später plötzlich in die andere.
Sky Sport: Euer Kapitän ist trotz der Verletzung sehr präsent. Glaubst du, das wird ihm auf die Dauer guttun, oder wird er auch Zeit für sich brauchen?
Poulsen: Das ist individuell unterschiedlich. Ich glaube, dass beides wichtig ist. Natürlich muss sein oberstes Ziel sein, möglichst schnell wieder gesund zu werden. Darauf muss er sich konzentrieren. Aber er hat auch einen großen Einfluss auf viele Spieler in unserer Mannschaft. Deshalb finde ich es sehr schön, dass er sich vorgenommen hat, weiterhin viel bei uns zu sein. Gleichzeitig muss er aber auch den Kopf freibekommen. Denn leider wird es eine lange Zeit dauern, bis er wieder spielen kann. Es ist wichtig, dass er auch mal Abstand gewinnt.
Sky Sport: Kann ihm die Nähe zur Mannschaft helfen?
Poulsen: Auf jeden Fall. In einer Mannschaft passieren jeden Tag unglaublich viele Dinge. Es gibt ständig Gespräche, gemeinsame Erlebnisse und Interaktionen. Wenn du verletzt bist und plötzlich für ein halbes Jahr oder noch länger komplett weg bist, verlierst du einen Teil davon. Deshalb kann es für einen Spieler sehr wertvoll sein, weiterhin dabei zu sein und sich als Teil der Gruppe zu fühlen. Und für uns als Mannschaft ist es natürlich ebenfalls gut.
Sky Sport: Kofi Amoako kommt auf dem Platz als Remberg-Ersatz in Frage. Ist er schon bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen?
Poulsen: Ich habe volles Vertrauen in ihn. In der Zeit, in der ich gegen Hoffenheim auf dem Platz stand, hat er seine Sache ziemlich gut gemacht. Wenn der Trainer entscheidet, dass Kofi spielen soll, bin ich zu hundert Prozent überzeugt, dass er das schaffen wird. Wir haben außerdem noch weitere Spieler, die auf dieser Position spielen können. Deshalb mache ich mir da überhaupt keine Sorgen. Ich finde, wir haben einen sehr guten Kader.
Sky Sport: Amoako schien noch ein paar Probleme zu haben, sich nach seinem Wechsel an das höhere Niveau zu gewöhnen...
Poulsen: So sehe ich das überhaupt nicht. Ich würde bei keinem Spieler aus unserem Kader sagen, dass er grundsätzlich noch nicht bereit ist. Bei Louis Lemke hätten wahrscheinlich auch viele gefragt, ob er mit 16 Jahren schon bereit für die Bundesliga ist. Und dann steht er zum zweiten Mal in der Startelf und macht seine Sache gut. Für mich haben alle Spieler, die bei uns im Kader stehen, die Qualität, um Bundesliga zu spielen. Am Ende muss der Trainer entscheiden, welche Fähigkeiten er für eine bestimmte Position und für das jeweilige Spiel braucht.
Sky Sport: Fühlst du dich als Mentor für die jungen Spieler?
Poulsen: Ja, dafür muss man sich auch Zeit nehmen. Gerade bei einem Spieler wie Louis, der jetzt seine erste richtige Profisaison erlebt, ist das wichtig. Man kann ihm Dinge mitgeben, die man selbst im Laufe seiner Karriere gelernt hat. Aber ich finde es genauso interessant, mit ihm darüber zu sprechen, wie er bestimmte Situationen wahrnimmt.
Sky Sport: Kannst du von den Jungen auch etwas lernen?
Poulsen: Ja, absolut. Ich gehöre schließlich einer komplett anderen Generation an. Und diese neue Generation muss man auch erst einmal kennenlernen. Wie denken die jungen Spieler? Was brauchen sie? Wie kann ich das Beste aus ihnen herausholen? Ich weiß ziemlich genau, was ich selbst als junger Spieler gebraucht habe. Aber das bedeutet ja nicht, dass Louis oder Otto (Stange, d. Red.) heute genau das Gleiche brauchen. Wahrscheinlich ist es sogar anders.
Deshalb lerne ich auch von ihnen. Vielleicht nicht unbedingt fußballerisch, aber im Umgang miteinander. Ich lerne, wie ich mit dieser Generation umgehen muss und wie ich ihr am besten helfen kann.
Sky Sport: Was kannst du den Jungen mitgeben?
Poulsen: Es gibt natürlich viele Dinge, die sie in ihrer noch jungen Karriere einfach nicht erlebt haben und deshalb auch noch nicht wissen können. Solche Erfahrungen kann man weitergeben. Vieles lernen sie von den Trainern, aber manche Dinge lernst du eben nur von deinen Mitspielern. Gerade von denen, die schon lange dabei sind und bestimmte Situationen selbst durchgemacht haben. Deshalb finde ich diesen Austausch sehr wichtig.
Sky Sport: Wie denkst du als RB-Klub-Legende über die Leipziger Chancen im Top-Spiel bei den Bayern (Samstag, ab 17:30 Uhr live und exklusiv auf Sky Sport) - werden sich die Bayern abermals in den ersten Sekunden kalt erwischen lassen?
Poulsen: Das ist eine interessante Frage. Leider ist es bei den Bayern oft so, dass sie nach ein oder zwei Spielen, in denen sie nicht so gut performt haben, irgendwann wieder eine Mannschaft erwischen, die das dann richtig zu spüren bekommt. Aber Leipzig hat die letzten beiden Spiele gewonnen und zuletzt sehr gute Leistungen gezeigt. Deshalb glaube ich, dass es auf jeden Fall eine interessante Partie wird.
Sky Sport: Bayern-Superstar Michael Olise hat sich in Stavanger provozieren lassen und wurde des Feldes verwiesen. Wie schwierig ist es, sich von ekligen Gegenspielern nicht aus dem Konzept bringen zu lassen?
Poulsen: Das passiert überall. Es ist gewissermaßen auch ein Stilmittel. Wenn du dir beispielsweise südamerikanische Spieler anschaust, dann siehst du häufig, dass sie solche Mittel ganz bewusst einsetzen. Das gehört zum Fußball dazu.
Wenn es zu weit geht, ist es die Aufgabe des Schiedsrichters, einzugreifen. Ansonsten musst du als Spieler einfach lernen, damit umzugehen.
Sky Sport: Ist dir das selbst schon zum Verhängnis geworden?
Poulsen: Ja, ich habe in meiner Karriere auch schon Gelb-Rote Karten bekommen. Manchmal ist es aus unterschiedlichen Gründen schwierig, seine Emotionen unter Kontrolle zu behalten. Aber genau das musst du lernen. Du darfst deine Energie oder deinen Frust nicht in eine Richtung lenken, die dem Schiedsrichter die Möglichkeit gibt, dich zu bestrafen. Du musst diese Energie stattdessen ins Spiel bringen.
Sky Sport: Könnte dir das mit 32 noch passieren?
Poulsen: Wegen einer solchen Provokation glaube ich das eigentlich nicht mehr. Wobei man im Fußball natürlich nie etwas völlig ausschließen kann. Es ist ein emotionaler Sport, und manchmal gehen die Emotionen hoch.
Das Interview führte Sven Töllner
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