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Hamburger SV und Hannover 96: Neustart mit gedämpfter Erwartungshaltung

Vor dem Start in die Saisonvorbereitung

Sven Töllner

19.06.2019 | 15:20 Uhr

Dieter Hecking (l.) und Mirko Slomka (r.) stehen vor schwierigen Missionen.
Image: Dieter Hecking (l.) und Mirko Slomka (r.) stehen vor schwierigen Missionen.

Am Montag starten der Hamburger SV und Hannover 96 ihre Saisonvorbereitung. Trainer, Strategie, Erwartungshaltung - Sky Reporter Sven Töllner schätzt die Lage bei den beiden abgestürzten Traditionsklubs ein.

Es geht um Kultur. Um Identität. Und darum, dass etwas verloren gegangen ist in den vergangenen Jahren. Im nostalgischen Schwelgen durch die glorreichen Zeiten ist sowohl beim HSV in Hamburg als auch beim HSV in Hannover der geschliffene Blick für den Ist-Zustand abhanden gekommen. Zwei deutlich abgehängte Traditionsklubs wollen ambitioniertes Selbstverständnis und bittere Realität wieder besser synchronisieren - mit zum Teil ähnlichen Denkansätzen.

Morgen treffen sie sich wieder. In Hamburg und Hannover zum ersten Tag der Saisonvorbereitung. Drei Wochen früher als die Gegner, mit denen sie sich möglichst bald wieder messen wollen. Aber die Bundesliga startet drei Wochen später.

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Der Hamburger SV will sich schon im Juli endgültig von seiner legendären Uhr im Volksparkstadion trennen. Sky Reporter und HSV-Experte Sven Töllner ordnet die Entscheidung ein.

Ziel: Rückkehr ins Konzert der Großen

HSV und H96 bekommen es mit Sandhausen, Fürth und Wehen zu tun - und sich auf derartige Aufgaben mit hundertprozentiger Gewissenhaftigkeit vorzubereiten, ist ganz sicher kein Fehler. Die jüngste messbare Referenz des Hamburger SV: 15. der Zweitliga-Rückrundentabelle. Der Hannoversche SV ist nach einer zum Teil abenteuerlichen Saison am Ende als Tabellenvorletzter dahin zurückgekehrt, wo er nach einem einjährigen Zwischenhoch im Oberhaus herkam. Zwei Nordrivalen auf unfreiwilliger Augenhöhe - und mit derselben Zielstellung: Die Rückkehr ins Konzert der Großen.

Die Hauptverantwortung für die Mission haben beide Klubs in erfahrene Hände gelegt. Absteiger Hannover ist auf der Suche nach einer erkennbaren Identität bei einem gelandet, der für bessere Zeiten steht. Mirko Slomka steht für die Europa-League-Teilnahmen, ist in Hannover bestens vernetzt und mit den Besonderheiten des Klubs optimal vertraut. Könnte ein Vorteil sein, schürt gewiss aber auch Erwartungen und erhöht die Fallhöhe in einem Misserfolgs-Szenario.

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Zoff-Potenzial in Hannover

Wenn selbst in dieser Konstellation kein entscheidender Schritt in die erwünschte Richtung getan wird, wer soll's denn dann noch schaffen...!? An Slomkas Seite ein junger Sportdirektor mit frischen Ideen, aber ohne Erfahrungswerte im beinharten Verdrängungswettbewerb auf dem Transfermarkt. Durch seine vorübergehende Tätigkeit in der Berater-Agentur SportsTotal hat Jan Schlaudraff Einblick in die Gepflogenheiten erhalten. Sicher kein Nachteil - aber eine andere Perspektive.

Als Chefeinkäufer der Roten wird er knallhart und öffentlich daran gemessen werden, ob sein Kader homogen zusammengestellt ist und seine Verpflichtungen liefern. Die einzige Währung: Erfolg! Dass Slomka und Schlaudraff in der Trainer/Spieler-Konstellation ein gespanntes Verhältnis hatten, bleibt ein interessanter Umstand. Zoff-Potenzial? Vorhanden!

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Sechs Jahre hat Rafael van der Vaart für den Hamburger SV gespielt. Es geht in die zweite Zweitligasaison mit dem Wiederaufstieg als Ziel. Van der Vaart mit einem Erklärungsversuch.

Das ist Heckings entscheidender Vorteil

Im Volkspark haben sich die Verantwortlichen ebenfalls für Erfahrung entschieden. Dieter Hecking befand sich über die Jahre mehrfach im engsten Kandidatenkreis für den Trainerposten bei Hamburgs ehemaligem Vorzeige-Verein. Bernd Hoffmann & Co. setzen nach Bernd Hollerbach, Christian Titz und Hannes Wolf auf einen, der im Fußballgeschäft schon alles erlebt hat - außer die manchmal verwirrende Welt des Ex-Dinos. Bringt der knorrige Westfale mit den eisblauen Augen die vielstimmigen Einflüsterer und die kraftvollen externen Einflüsse so in Einklang, dass am Ende eine erfolgsorientierte Konzentration auf den Fußball möglich ist?

Das zum Teil absurde Brimborium inner- und außerhalb des Vereins hatte zuletzt den hochgeschätzten, aber relativ unerfahrenen Fußballfachmann Wolf aufgefressen. Hecking wird gut daran tun, die Antennen für atmosphärische Strömungen stets auszufahren. Sein Vorteil gegenüber seinen Vorgängern: Er ist besser in der Lage, Wichtiges von überflüssigem Firlefanz zu unterscheiden.

Seine natürliche Autorität ist mit der erfolgreichen Arbeit in Wolfsburg und Gladbach zudem noch stabiler geworden. An seiner Seite ebenfalls ein junger Kerl. Im Unterschied zu Schlaudraff hat Jonas Boldt bereits auf Top-Niveau Management-Entscheidungen erheblichen wirtschaftlichen Ausmaßes mitverantwortet, viele Transfers sogar in Eigenregie von Scouting bis Vertragsabschluss durchdekliniert.

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Der Hamburger SV hat bekanntlich den Wiederaufstieg in die Bundesliga verpasst. Der wurde vor der letzten Spielzeit noch als großes Ziel ausgerufen. Vor der nun zweiten Saison im Unterhaus schlägt Präsident Marcell Jansen eher ruhige Töne an.

Viel Arbeit für Boldt und Schlaudraff

Erfahrener Coach, junger Sportchef - diese Formel gilt für die beiden abgeschmierten Traditionsklubs aus dem hohen Norden also gleichermaßen. Könnte klappen - theoretisch. Die erste praktische Bilanzprüfung steht nach Ablauf der Transferperiode an.

Bislang haben weder Boldt noch Schlaudraff dafür sorgen können, dass ihre Coaches zum Trainingsauftakt mit der vollen Kapelle zum Angriff blasen können. In Hamburg gehen viele davon aus, dass beim Zweitligastart am letzten Juli-Wochenende nur noch sehr wenige Spieler der Vorsaison das Trikot mit der Raute überstreifen dürfen. Der Muff der Enttäuschung soll raus aus den Klamotten - und aus der Kabine. Sonny Kittel wird Boldts erste Verpflichtung. Er kommt von Zweitliga-Absteiger Ingolstadt - na ja.

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Fans mit gedämpfter Erwartungshaltung

Der Umbruch in Hannover dürfte sich auf einem ähnlich umfangreichen Niveau einpendeln. Auch Schlaudraff hat bislang noch keine Verstärkungen präsentieren können. Die Aufräumarbeiten in der Altlastenabteilung des Kaders binden Ressourcen - wie in Hamburg. Beide Klubs haben das Ziel Erstliga-Aufstieg zwar bereits proaktiv formuliert. Bis die Qualitätsstruktur der zwei HSV-Kader erkennbar wird, bleiben das aber natürlich Lippenbekenntnisse.

Die Erwartungshaltung vieler Fans ist dementsprechend gedämpft. Nicht gedämpft optimistisch. Sondern einfach nur gedämpft.

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