Lothar Matthäus über Deutschland, Neuer, Nagelsmann, Sane, Baumann
Lothar Matthäus spricht im exklusiven Sky Sport Interview über den DFB-Kader und die Nominierungen von Manuel Neuer und Leroy Sane.
22.05.2026 | 21:52 Uhr
Außerdem äußert sich der Rekordnationalspieler zu den Zielsetzungen der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft.
Lothar Matthäus über …
… die WM-Kadernominierung von Manuel Neuer:
"Ich bin froh, dass Julian noch einmal umentschieden hat, aber auch Manuel Neuer. Denn es war ja nicht nur die Geschichte, dass Julian Nagelsmann nicht auf Manuel Neuer zurückgreifen konnte oder wollte oder wie auch immer, sondern Manuel Neuer ist ja vor zwei Jahren zurückgetreten - und jetzt der Rücktritt vom Rücktritt. Wir sind froh in Deutschland, dass der beste Torhüter Deutschlands uns bei dieser Weltmeisterschaft verstärkt, auch wenn Oliver Baumann bis dahin gute Leistungen gebracht hat. Vor allem im Nationaltrikot hat er sehr gut performt, eine gute Qualifikation gespielt, aber Manuel Neuer ist outstanding. Für mich ist es auch die richtige Entscheidung von Julian Nagelsmann, dass er Manuel überzeugt hat. Und vielleicht nicht nur Julian Nagelsmann, sondern auch die Mitspieler von Bayern München, die bei der Weltmeisterschaft dabei sind. Vielleicht hat ihn auch Rudi Völler angerufen. Also man hat ihn umgarnt, dass er im Endeffekt zumindest bei dieser Weltmeisterschaft dabei ist. Gerade nach diesen Weltmeisterschaften, die wir in den letzten acht bis zwölf Jahren erlebt haben: Die Italiener waren gar nicht dabei, Deutschland ist zweimal in der Gruppenphase ausgeschieden. Und natürlich will man bei dieser Weltmeisterschaft einiges besser machen, was man bei den vergangenen beiden Weltmeisterschaften nicht gemacht hat."
… die Kommunikation von Bundestrainer Julian Nagelsmann in den vergangenen Monaten:
"Ich habe ja mittlerweile meine Informationen bekommen, wie alles gelaufen ist, weil es mich natürlich interessiert. Wenn ich nach außen etwas sage, kann ich nur das sagen, was ich sehe - aber man sieht nicht alles, man hört nicht alles. Es hat anscheinend schon Anfang April ein Gespräch gegeben zwischen Oliver Baumann und Julian Nagelsmann, in dem der Name Neuer das erste Mal gefallen ist. Aber nicht in der Form, dass man sagt, man holt Neuer zurück. Man wusste auch nicht: Bleibt Neuer verletzungsfrei? Will er überhaupt für die Nationalmannschaft spielen? Diese Gespräche sind dann in den vergangenen zwei, drei Wochen intensiver geführt worden. Dann hat Neuer 'Ja' gesagt und sich natürlich mit seiner Familie abgestimmt. Julian Nagelsmann hat mit ihm gesprochen. Und dann ist man natürlich auch auf Oliver Baumann zugegangen und hat ihm gesagt, dass die Möglichkeit besteht, Manuel Neuer zurückzuholen. Und wenn Manuel für die Nationalmannschaft wieder bereit ist zu spielen, dann wird er bei der Weltmeisterschaft dabei sein. Und da muss man nicht extra sagen, er ist die Nummer eins - das ist eine Selbstverständlichkeit. Sonst braucht man Manuel Neuer nicht zurückzuholen. Er ist outstanding. Ich habe schon gesagt: Er hat in den vergangenen Wochen überragende Leistungen gebracht. Lassen wir das Heimspiel gegen Real Madrid mal weg - da hat er auch seine Fehler gemacht. Aber wenn Manuel Neuer im Tor steht, dann ist das ein Mehrwert für diese Mannschaft, für dieses Fußballland. Ich glaube, ganz Deutschland ist glücklich - vielleicht bis auf die Hoffenheim-Fans -, dass Manuel wieder dieses Trikot bei dieser Weltmeisterschaft überzieht. Denn mit ihm steigen vielleicht die Chancen, erfolgreicher zu sein."
… Oliver Baumanns Umgang mit dieser Situation:
"Er ist ein Sportsmann, er ist kein Stinkstiefel. Deswegen war er sicher nicht erfreut über die Mitteilung, dass er jetzt die Nummer zwei ist, weil er ja auch gut gehalten hat. Aber er muss es sportlich akzeptieren. Wir haben gesagt: Die Besten sollen mitfahren. Und Manuel hat eben dieses Standing. Er ist Manuel Neuer - fünfmal Welttorhüter, mit Bayern München wieder Deutscher Meister, Champions-League-Halbfinalist, Pokalfinalist - und das ist ja auch ein Verdienst von Manuel Neuer. Ich habe selbst mal in der Defensive gespielt, zum Schluss meiner Karriere: Da bist du schon froh, wenn du so einen Typen wie Manuel Neuer hinter dir hast. Ich habe Oliver Kahn damals hinter mir gehabt - da weißt du, wenn ich mal überlaufen werde oder einen Fehler mache, dann habe ich da hinten noch jemanden, der ein wahnsinniges Charisma hat. Wenn du vor Manuel Neuer stehst, hast du vielleicht ein bisschen mehr Kopfzerbrechen beim Abschluss als bei einem anderen Torhüter."
… seine Überraschungen im deutschen WM-Kader:
"Große Überraschung gibt es nicht. Wir wussten von Manuel Neuer - das wäre eine große Überraschung gewesen, wenn das gestern erst rausgekommen wäre, aber es ist schon seit zwei Wochen in den Zeitungen diskutiert worden. Nein, ich bin mit dem Kader im Großen und Ganzen zufrieden. Ich war überrascht, dass Leroy Sane dabei ist. Und ich muss dazu sagen: Ich bin Fan von Leroy Sane und deswegen bin ich überrascht, dass er dabei ist, weil er nicht so performt hat, wie er performen sollte. Er hat ein tolles Spiel gemacht gegen die Slowakei, aber das war es für mich eigentlich. Er ist kein Stammspieler bei Galatasaray Istanbul. Vor allem bei den Fans ist man mit der Leistung von Sane nicht zufrieden. Er verdient sehr viel Geld, und das sagen sie auch ganz offen in der Türkei. Deswegen hat es mich überrascht, dass er Leroy Sane nominiert hat und Said El Mala weggelassen hat. Denn El Mala hat in dieser Saison nicht nur statistisch bessere Zahlen, sondern auch von seinem Auftreten her überzeugt. Und ich glaube schon, dass er ein wichtiger Faktor für den 1. FC Köln gewesen ist, die Bundesliga zu halten - mit seinen Toren, mit seinen Assists und so weiter. Ich hätte El Mala mitgenommen, obwohl ich 0,0 gegen Leroy Sane habe. Wir kommen auch privat gut klar, haben in München häufiger Kontakt gehabt. Aber ich hoffe, dass er das Interview hört und dass es ihn zusätzlich motiviert, mir das zu zeigen, was ich sehen möchte - weil er es kann. Er hat es immer wieder gezeigt, aber leider zu selten."
… die Gründe des Bundestrainers für eine Nominierung von Leroy Sane:
"Wenn wir danach gehen, dass ein Spieler viele Freunde hat - das gehört natürlich auch dazu. Aber El Mala ist doch kein Stinkstiefel. Ich muss doch schon die Leistung berücksichtigen. Ich kenne Leroy Sane schon länger, ich hatte ihn bei Bayern München und so weiter, aber das sollte nicht das entscheidende Kriterium sein. Das ist meine Meinung. Jeder kann seine Meinung haben, und die Entscheidung trifft Julian Nagelsmann. Er hat einen Plan für die Weltmeisterschaft, und ich widerspreche nicht. Sané hat seine Qualitäten, auch für die Mannschaft. Aber er soll sie dann auch zeigen. Wenn es nach Leistung allein geht, wäre ich ein Befürworter gewesen, El Mala zu nominieren. Wenn andere Gründe über der Leistung stehen, muss man das akzeptieren. Der Trainer weiß, welche Position wie und warum er sie so besetzen will. Und er sieht etwas in Sané, das ich auch sehe - aber ich hoffe, dass er es dann auch bei der Weltmeisterschaft umsetzt."
… die Zielsetzung der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft:
"Halbfinale sollte eigentlich Pflicht sein. Also das sollte auf jeden Fall drin sein. Aber natürlich wissen wir auch, dass im Achtelfinale schon sehr starke Mannschaften auf uns warten können. Es kann alles passieren. Man sollte sich jetzt auf die Gruppenphase konzentrieren. Es werden zwei schwere Spiele auf uns zukommen - gegen die Elfenbeinküste und gegen Ecuador. Das erste gegen Curaçao ist, glaube ich, ein Spiel, das man hoch gewinnen muss. Dann sehen wir weiter, was der Turnierbaum bringt. Aber wenn man Weltmeister werden will - und das ist ja das Ziel -, muss man auch gegen große Mannschaften gewinnen. Das war 1990 nicht anders: Gruppenphase souverän, und dann kam der Europameister Niederlande mit Gullit, Van Basten, Rijkaard. Das hätte auch ein Endspiel sein können. Aber das kann man sich nicht aussuchen. Deshalb muss man wirklich von Spiel zu Spiel denken - das ist keine Floskel. Man weiß nicht, was auf einen zukommt. Im Ligaalltag hat man einen Plan. Bei der Weltmeisterschaft nicht. Da weißt du vier Tage vorher erst, gegen wen du spielst. Deshalb: bei sich bleiben, konzentrieren, das umsetzen, was das System und die Vorgaben sind. Alles andere ergibt sich im Turnier."
… Konrad Laimer und eine mögliche Vertragsverlängerung beim FC Bayern München:
"Konny Laimer ist ein Spieler, den wir in Deutschland gerne hätten. Auf der Position, auf der er bei Bayern München spielt, nämlich rechts hinten - das spielt er bei Österreich ja nicht. Dann wäre Kimmich fürs Mittelfeld frei, und rechts hinten ist das ein Problem bei uns. Kimmich ist eigentlich ein Mittelfeldspieler, der das Spiel bestimmt, den Rhythmus vorgibt. Er spielt rechts hinten - kann er, macht er auch Weltklasse. Aber wir haben keinen richtigen Backup für diese Position. Da haben wir Nachholbedarf. Laimer ist dort auch nicht ausgebildet, aber er macht es hervorragend. Und deshalb wünsche ich mir, dass er bei Bayern verlängert. Er ist ein sehr wichtiger Spieler - nicht nur wegen der Position, sondern auch wegen seiner Mentalität. Ich wünsche es mir, und ich kann mir ihn gar nicht woanders vorstellen. Er bringt sich ein, ist in der Mannschaft vernetzt, sorgt für gute Stimmung. Und er bringt Leistung. Ich glaube nicht, dass man an ihm ein Exempel statuieren sollte wegen Gehaltsgrenzen. Die hat man bei anderen auch nicht immer eingehalten. Er verkörpert das, was Bayern ausmacht: Einsatz, Energie. Und da sollte es an ein paar Millionen nicht scheitern. Wertschätzung zeigt sich nicht nur über Geld, sondern auch über Vertrauen und Einsatzzeiten. Und die bekommt er. Ich hoffe, dass beide Seiten eine Lösung finden."
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