Matthäus: Ich trample nicht auf Mario Götze herum
Kolumne "So sehe ich das"
20.09.2018 | 15:55 Uhr
Rekordnationalspieler und Sky Experte Lothar Matthäus analysiert jede Woche exklusiv in seiner Kolumne "So sehe ich das" aktuelle Themen aus der Bundesliga und der Fußballwelt auf skysport.de. Dieses Mal spricht er über Mario Götze und die Personalsorgen der Bayern.
Drei Spieltage sind in der Bundesliga absolviert und die Champions League startet nun. Die ersten Tendenzen sind erkennbar und manche Themen sind weiterhin aktuell und sorgen für Gesprächsstoff.
Ich habe die Worte von BVB-Boss Watzke in meine Richtung vernommen und bin folgender Meinung: Ich trample auf niemandem herum, schon gar nicht auf Mario Götze. Und ich muss auch keine provokanten Aussagen tätigen, um als Sky Experte mein Geld zu verdienen. Ich analysiere, habe eine Meinung, und stelle fest. Und wenn ich auf einen der berühmtesten deutschen Fußballspieler angesprochen werde, äußere ich mich auch dazu.
Götze ruft nicht ab, was er kann
Ich habe großen Respekt vor Borussia Dortmund, Hans-Joachim Watzke und Mario Götze. Und es ist mehr: Ich bin seit sieben, acht Jahren ein Fan von Borussia Dortmund. Wie sie größtenteils In den letzten Jahren Fußball gespielt haben, ihre einzigartigen Fans begeistert haben, und hinter dem FC Bayern ein Aushängeschild für den deutschen Fußball waren, nötigt mir viel Respekt ab.
Und trotzdem bin ich und viele andere weiterhin der Meinung, dass Mario seit viereinhalb Jahren aus verschiedenen Gründen nicht das abruft, was er kann. Ich und viele andere haben Mario für seine einzigartige Klasse auf dem Feld bewundert. Aber leider sind die regelmäßigen Galavorstellungen passe und wir müssen darüber diskutieren, wieso Mario weder bei Guardiola, Tuchel, Bosz, Stöger und nun bei Favre keine tragende oder gar kein Rolle spielt.
Er hat keine einzige Minute nach drei Spieltagen absolviert. Vieles mag am System von Favre liegen und möglicherweise an der nicht vorhandenen Position in dieser Spielanlage. Klar ist aber auch, dass Mario seit sehr langer Zeit nicht sein Potenzial abrufen kann. Dass er im Training hart arbeitet, sich nicht hängen lässt, sich anbietet, und alles gibt, ist eine Selbstverständlichkeit bei jedem Bundesligaprofi, der so viel Geld verdient.
Bayerns Thiago als Beispiel nehmen
Das System ist aber nur die halbe Wahrheit, denn für Künstler am Ball, die jeden Trainer bei jedem Training verzaubern, ist in jeder Mannschaft ein Platz. Bestes Beispiel ist aktuell Thiago bei den Bayern. Niko Kovac lässt ihn auf der Sechs agieren. Dort gehört er eigentlich überhaupt nicht hin, aber er lässt seinem Trainer keine Wahl.
Und das wünsche ich mir genauso wie Herr Watzke, wie jeder BVB Fan und jeder deutsche Fußball-Anhänger. Aktuell ist es aber so, dass der Junge, der uns allen durch seine unglaublichen Fähigkeiten im WM-Finale 2014 einen Glücks-Moment für die Ewigkeit verschafft hat, nicht in Topform ist.
Auf den Außenbahnen der Dortmunder sind Spieler, die schneller, trickreicher und wendiger sind. Auf den zentralen Position sind Akteure, die defensiv und in der Rückwärtsbewegung stabiler und aggressiver sind.
Körpersprache von Götze nicht die allerbeste
Im Fußball geht alles so schnell und in einem Augenblick kann sich alles ändern. Ich wünsche mir und vor allem Mario, dass er diesen Augenblick erzwingt und die Chance dann so nutzt, dass Favre keine Wahl hat und ihn regelmäßig spielen lässt. Aber Stand jetzt sieht es eben nicht danach aus und Mario wird sich garantiert seine Gedanken machen.
Aktuell ist die Körpersprache nicht die allerbeste, die Schultern hängen ein wenig und der Blick war schon mal positiver. Aber auch das kann sich ändern. Ich verstehe Hans-Joachim Watzke, wenn er sich vor seinen Spieler stellt und seine "Fußball-Familie" vor gefühlten Angriffen verteidigt. Dafür habe ich vollstes Verständnis, so muss es ein Familienoberhaupt auch machen. Genauso wie Heidel, Tedesco oder Hoeneß am Wochenende.
Freue mich auf die Champions League
Der Bayern-Präsident hat Karim Bellarabi nach seiner fiesen Attacke auf Rafinha zu scharf kritisiert. Doch auch er möchte seine Schützlinge gegen Alles und Jeden verteidigen. Ich kann total verstehen, wenn Kovac von Freiwild spricht. Zwei Bayern-Spieler sind nach nur drei Spielen durch überharte Fouls länger verletzt.
Coman und Rafinha fallen aus, dazu fehlt auch noch Tolisso extrem lange. Ich sehe für die Bayern trotzdem noch kein Problem, erst recht nicht in der Liga. Wären wir nun im Frühjahr, wäre dies um einiges schlimmer. In den letzten Jahren sind bei Bayern im März und April wichtige Spieler ausgefallen.
Vielleicht hat man dieses Jahr das Glück im Unglück und alle Spieler sind dann an Bord, wenn es darum geht, die Champions League zu gewinnen.
Die startet an diesem Dienstag und ich freue mich darauf und wünsche mir ein sehr erfolgreiches Abschneiden unserer Mannschaften mit vielen magischen europäischen Nächten und tollen Vorstellungen, auch von Mario Götze.