Thioune bei Werder: Energie für den Abstiegskampf - aber passt das System zum Kader?
Werder Bremen setzt im Abstiegskampf auf einen Trainerwechsel und einen klaren Kontrast: Daniel Thioune folgt auf Horst Steffen. Laut gegen leise. Energie gegen stoische Ruhe.
06.02.2026 | 11:15 Uhr
Die Entscheidung ist ein bewusstes Signal: Werder will nicht nur reagieren, sondern wieder gestalten. Ob Thioune dafür der richtige Mann ist, hängt weniger an seiner Vita als an einer zentralen Frage: Passt sein Fußball zu diesem Kader und zu dieser Situation?
Der Unterschied zwischen Steffen und Thioune beginnt beim Spielstil. Steffen setzte zuletzt konsequent auf ein 3-4-2-1, der Spielaufbau lief bevorzugt über die Außen, insgesamt kontrolliert, strukturiert, mit klaren Abläufen. Was bei der SV Elversberg hervorragend funktionierte - offensiver, mutiger Fußball mit jungen, entwicklungsfähigen Spielern - ließ sich nur bedingt nach Bremen übertragen. Die Anpassung an das Bundesliga-Niveau und den Abstiegskampf kam schlussendlich zu spät.
Werders neuer Coach steht für einen anderen Ansatz. Thiounes bevorzugtes 4-3-3, mit dem er bei Fortuna Düsseldorf erfolgreich war, zielt auf hohe Intensität, schnelles Umschaltspiel und mutigen Offensivfußball. Wenn das nicht möglich ist, will er Kontrolle - aber nicht Passivität. Auffällig: Thioune ist kein Dogmatiker. In Düsseldorf wich er situativ auf eine Dreierkette aus, wenn es der Gegner oder der eigene Kader verlangte. Flexibilität gehört zu seinem Werkzeugkasten.
Systemfrage als Schlüsselfaktor im Abstiegskampf
Thioune will attraktiven Offensivfußball spielen. Die Frage ist: Kann Werder das aktuell überhaupt?
In der Theorie: ja. Mit Samuel Mbangula und Justin Njinmah verfügt der Kader über Tempo, Dribbelstärke und klassische Flügelqualitäten. Genau das, was ein 4-3-3 braucht. In der Praxis allerdings hat Werder zuletzt fast durchgehend mit Fünferkette gespielt, aus defensiver Notwendigkeit. Das Zentrum war oft überladen, die Außenbahnen primär defensiv gedacht. Für klassische Flügelspieler bleibt in diesem System wenig Raum.
Will Thioune zurück zur Viererkette, muss er defensive Stabilität riskieren. Bleibt er bei der Dreierkette, leidet seine offensive Grundidee. Dieses zentrale Dilemma seiner Anfangsphase könnte nun zum Schlüssel für Erfolg oder Scheitern werden.
Thiounes Zahlen sprechen zunächst für ihn: 1,72 Punkte pro Spiel bei Fortuna Düsseldorf, 1,63 Punkte pro Spiel beim HSV. Beides sehr gute Werte, jedoch erzielt bei Topmannschaften der 2. Bundesliga. Der Makel bleibt: Zweimal verpasster Aufstieg, einmal besonders bitter mit Düsseldorf nach einem 3:0-Hinspielsieg in der Relegation.
Wenn Vertrauen fehlt, wird Mut zur Belastung
Auffällig war dabei eine gewisse Abhängigkeit von Einzelspielern. In der Saison 2023/24 trug Christos Tzolis die Fortuna phasenweise allein. Nach dessen Abgang fehlte ein klarer Fixpunkt, die Leistung brach ein. Thiounes System funktioniert dann am besten, wenn Schlüsselspieler Vertrauen spüren - vom Trainer und in sich selbst. Bleiben Erfolgserlebnisse aus, wird es schwierig - und nach zuletzt zehn Spielen ohne Sieg strotzen Werders potenzielle Leistungsträger in der Offensive nicht gerade vor Selbstbewusstsein.
Steffens Probleme lagen weniger im Fachlichen als in der Wirkung seiner Arbeit nach außen. Schwache Kommunikation, späte Wechsel, fehlende Klarheit bei Personalentscheidungen - etwa im Fall Mbangula, der trotz hoher Investition kaum Spielzeit bekam. Die Folge: Vertrauensverlust, intern wie extern. Am Ende blieb nur die Entlassung.
Thioune ist der Gegenentwurf. Lautstark, präsent, emotional, ein Motivator an der Seitenlinie. Er sucht den Dialog, nimmt Spieler mit, erzeugt Energie. Genau das, was im Abstiegskampf oft entscheidend ist.
Viele Argumente, keine Garantie
Der 51-Jährige hat bewiesen, dass er eine Mannschaft stabilisieren kann. 2022 übernahm er Düsseldorf auf Platz 15, führte sie im Folgejahr auf Rang vier, ein Jahr später auf Platz drei. Das ist keine Garantie, aber ein starkes Argument. Die Bundesliga ist allerdings ein anderes Pflaster. Erstliga-Erfahrung bringt Thioune keine mit. Was er mitbringt, ist Überzeugung, Präsenz und ein klarer Plan. Zusammen mit einem ausbaufähigen Kader voller Potenzial ergibt das eine klassische Wundertüte.
Auf den ersten Blick verkörpert Daniel Thioune genau das, was Werder aktuell fehlt: Energie, Emotionalität und Mut zur Offensive. Ob das reicht, hängt davon ab, wie schnell er sein System an die Realität des Abstiegskampfs anpasst, und ob der Kader den Schritt weg von der defensiven Sicherheitslösung mitgehen kann.
Es ist ein Trainerwechsel mit klarer Idee, aber offenem Ausgang. Oder anders gesagt: Werder bekommt keinen Feuerwehrmann, sondern einen Zündfunken.
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