Werder Bremen ist nach Ergebniskrise im Abstiegskampf der Bundesliga angekommen
Vom Europa-Hoffnungsträger zum Abstiegskandidaten: Werder Bremen steckt in einer tiefen, selbstverschuldeten Krise.
27.01.2026 | 11:00 Uhr
Sportliche Mängel, strategische Fehlentscheidungen und Vertrauensverlust sorgen für Alarmstimmung an der Weser.
Von Nils Matzkowitz
Nach anfänglichen Schwierigkeiten und einer zähen Transferphase galt Werder Bremen früh in der Saison als Abstiegskandidat. Doch die Lage entspannte sich rasch.
Stabilere Leistungen und ein gefestigter Eindruck ließen die Sorgen verblassen, der Blick ging plötzlich nach oben. In Bremen wurde nicht mehr über den Klassenerhalt gesprochen, sondern, zumindest zeitweise, sogar von Europa geträumt. Inzwischen ist von dieser Zuversicht jedoch kaum etwas geblieben. Werder steht auf Platz 15 nur knapp über dem Strich und steckt nun doch mitten im Abstiegskampf. Was als sportliche Delle begann, hat sich längst zu einer strukturellen Krise ausgeweitet, in der nicht mehr allein die Mannschaft im Fokus steht.
Natürlich ist die sportliche Lage alarmierend. Ergebnisse bleiben aus, die Auftritte wirken verunsichert, vor allem offensiv fehlt es an Automatismen und Durchschlagskraft. Doch je länger die Negativserie anhält, desto deutlicher wird: Die Probleme reichen tiefer. Trainer Horst Steffen steht ebenso in der Kritik wie die sportlich Verantwortlichen Clemens Fritz und Peter Niemeyer. Anders als in früheren Krisenphasen gelingt es dem Klub derzeit jedoch nicht, Geschlossenheit oder eine klare Linie zu vermitteln. Stattdessen entsteht der Eindruck eines Vereins, der auf die Entwicklungen eher reagiert, als sie aktiv zu gestalten.
Besonders brisant ist der zunehmende Vertrauensverlust an der Basis. Eine Petition zur Einberufung einer außerordentlichen Mitgliederversammlung mit dem Ziel, die Arbeit von Clemens Fritz bewerten zu lassen, ist Ausdruck dieser Unzufriedenheit. Solche Forderungen entstehen nicht über Nacht. Sie sind das Ergebnis aufgestauter Frustration, gespeist aus sportlichen Fehlentscheidungen, unklarer Kommunikation und dem Gefühl, dass Werder strategisch auf der Stelle tritt.
Transferpolitik ohne nachhaltige Wirkung
Ein zentraler Kritikpunkt bleibt die Transferpolitik. Verpflichtungen wie Victor Boniface sollten sportlich helfen, entpuppten sich jedoch als Fehlschläge. Die Parallele zur Personalie Naby Keïta, bei der Hoffnung und Realität ebenfalls weit auseinanderlagen, drängt sich auf. Gleichzeitig ließ Werder mit Nick Woltemade im Sommer 2024 ein Eigengewächs ablösefrei ziehen - nur um anschließend mitanzusehen, wie dieser für eine Rekordsumme nach England weiterverkauft wurde. Ein sportlich wie wirtschaftlich schmerzhafter Vorgang, der sinnbildlich für mangelnde Weitsicht steht.
Hinzu kommt der Umgang mit bewährten Leistungsträgern. Der Abgang von Top-Scorer Marvin Ducksch erfolgte ohne gleichwertigen Ersatz und wurde von vielen Fans als Zeichen fehlender Wertschätzung wahrgenommen. Dass ausgerechnet in einer Phase, in der es der Mannschaft an offensiver Durchschlagskraft mangelt, ein solcher Spieler nicht kompensiert wurde, verschärft die sportliche Schieflage zusätzlich.
Auch die Trennung von Ole Werner wirft rückblickend Fragen auf. Trotz ordentlichem Punkteschnitt und sichtbarer Entwicklung entschied man sich für einen Neuanfang. Womöglich auch, weil Werner auf weitere Transfers drängte. Während er inzwischen in Leipzig erfolgreiche Arbeit leistet, wirkt Werders damalige Entscheidung zunehmend schwerer zu rechtfertigen.
Fehlende Linie und kommunikative Brüche
All diese Einzelaspekte münden in einem übergeordneten Problem: Es fehlt eine erkennbare sportliche Linie. Kaderplanung, Transfers sowie interne und externe Kommunikation greifen nicht ineinander. Symbolisch dafür steht die Episode, dass Fritz zunächst nicht wusste, wie viele Spieler Werder überhaupt ausleihen darf und erst über die Website transfermarkt.de von einer weiteren Möglichkeit erfuhr. Fritz sprach anschließend von einem „internen kommunikativen Missverständnis". Das entsprechende Fan-Plakat „Fritz verleihen" brachte Spott und Enttäuschung treffend auf den Punkt.
Parallel dazu gerät auch Trainer Steffen zunehmend unter Druck. Berichte über Vertrauensverlust in der Kabine, Kritik an den gewählten Aufstellungen des Übungsleiters, sowie der jüngste Trainings-Ärger um Skelly Alvero verstärken den Eindruck eines Vereins ohne innere Stabilität.
Die Folgen sind offensichtlich: Die Fans verlieren das Vertrauen, die Außenwahrnehmung leidet, und Werder wirkt derzeit mehr mit sich selbst beschäftigt als mit der Bundesliga-Konkurrenz. Der Abstiegskampf ist real und das Resultat monatelanger, wenn nicht jahrelanger Versäumnisse. Will Werder Bremen diese Saison überstehen, braucht es mehr als Durchhalteparolen. Es braucht Klarheit, Selbstkritik und vor allem eine überzeugende sportliche Vision.
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