Wie Pep Guardiola den englischen Fußball transformiert hat

Pep Guardiola wird Manchester City zum Saisonende verlassen und damit seine zehnjährige Amtszeit beenden, in der er den englischen Fußball nachhaltig geprägt hat.

Pep Guardiola sollte Manchester City im Sommer verlassen, findet Matthias Sammer.
Image: Pep Guardiola hat den englischen Fußball nachhaltig verändert.  © Imago

Der 55-Jährige verlässt den Verein als zweit erfolgreichster Trainer in der Geschichte der Premier League; mit bisher sechs Titeln liegt er nur hinter dem ehemaligen Trainer von Manchester United, Sir Alex Ferguson.

Von Nick Wright and Adam Smith - übersetzt und editiert von Sky Sports

Was den Stil angeht, kann jedoch kein Trainer der Moderne von sich behaupten, einen größeren Impact gehabt zu haben als Guardiola. "Between the Lines" von Sky Sports erklärt, wie sein Einfluss den englischen Fußball geprägt hat.

Peps unmittelbarer Einfluss

Guardiolas erstes Spiel als Trainer von Manchester City, ein 2:1-Sieg gegen Sunderland, der durch ein Eigentor von Paddy McNair im Etihad Stadium im August 2016 besiegelt wurde, war kein besonders denkwürdiges. Doch schon damals gab es Anzeichen für den bevorstehenden Wandel.

Joe Hart saß auf der Bank, da er als ungeeignet für Guardiolas Spielweise galt. Es gab den ungewohnten Anblick, dass die Außenverteidiger Gael Clichy und Bacary Sagna ins Mittelfeld rückten. Citys Ballbesitzanteil von 77,7 Prozent war der vierthöchste, der jemals in einem Premier-League-Spiel verzeichnet wurde.

"Das ist der erste Schritt", sagte der neue Trainer anschließend. Damit machte er seine Absichten deutlich. Guardiola würde in dieser Saison zum ersten Mal in seiner Karriere ohne Titel bleiben. Doch die Umstellung auf seinen bevorzugten, ballbesitzorientierten Ansatz erfolgte sofort.

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Bei Manchester City könnte nach dieser Saison die Ära von Pep Guardiola enden. Laut Medienberichten soll der Startrainer beim Premier-League-Klub vor dem Rücktritt stehen - trotz eines noch laufenden Vertrages bis 2027.

Während Manuel Pellegrinis letzter Spielzeit als Trainer lag der Ballbesitz von City im Durchschnitt bei 55 Prozent und es wurden 487 kurze Pässe pro Partie gespielt: In Guardiolas erster Saison stiegen diese Werte auf 65 Prozent Ballbesitz und 584 kurze Pässe pro Match.

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Einige kostspielige individuelle Fehler führten zu Skepsis hinsichtlich seines Engagements für das Spiel aus der Abwehr heraus. Guardiola gab seinen Kritikern weiteren Zündstoff, als er nach einer 2:4-Niederlage gegen den späteren Meister Leicester City im Dezember jener Spielzeit sagte: "Ich trainiere keine Tacklings."

X-Faktor Ederson

Doch die Probleme im Spielaufbau von Manchester City wurden in seiner ersten Saison 2017/18, in der er den Premier-League-Titel gewann, ausgeräumt - unterstützt durch eine Reihe von Neuzugängen, darunter Torhüter Ederson, dessen herausragende Ballfertigkeit sich als bahnbrechend erwies.

Da Ederson Guardiolas Spielaufbau mit einer Gelassenheit orchestrieren konnte, die der von Manuel Neuer beim FC Bayern München und Victor Valdes beim FC Barcelona ähnelte, schossen die Zahlen von Manchester City bei den Pässen, den Passstafetten von zehn oder mehr Zuspielen und den Angriffsaufbauten in die Höhe.

Seine hervorragende Verteilung über größere Distanzen bot zudem eine unschätzbare Möglichkeit, die Pressingstrukturen des Gegners zu durchbrechen.

City konnte die Wirksamkeit von Guardiolas Ansatz in dieser zweiten Saison zweifelsfrei unter Beweis stellen und holte sich mühelos den Premier-League-Titel mit rekordverdächtigen 100 Punkten und 106 erzielten Toren - eine eindrucksvolle Bestätigung der Methoden ihres Trainers.

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Premier-League-Klubs folgen seinem Beispiel

Einige Premier-League-Teams, darunter Brendan Rodgers' Swansea sowie Mauricio Pochettinos Mannschaften aus Southampton und Tottenham, hatten bereits vor Guardiolas Ankunft in der Premier League damit begonnen, von ihm inspirierte Prinzipien des Kurzpassspiels umzusetzen.

Doch das Spiel aus der Abwehr heraus setzte sich erst in den folgenden Jahren durch. Die durchschnittliche Anzahl der Pässe, die Premier-League-Teams in ihrer eigenen Hälfte spielten, stieg mit seiner Ernennung stetig an, nachdem sie zuvor rückläufig gewesen war.

Der Einfluss greift auf die EFL über

Guardiolas Einfluss machte sich bald nicht nur in der Premier League, sondern auch in den unteren Ligen des englischen Fußballs bemerkbar. Dieser Trend setzte sich zwar langsamer durch, doch es dauerte nicht lange, bis die durchschnittliche Anzahl der Pässe, die die Mannschaften in der Championship, der League One und der League Two in ihrer eigenen Hälfte spielten, der Entwicklung in der Premier League zu folgen begann.

Die Zahlen erreichten 2023/24 in allen vier Ligen gleichzeitig ihren Höhepunkt, nachdem City in der Saison 2022/23 das Triple gewonnen hatte.

Der Einfluss von Pep Guardiola auf die EFL (Quelle: Infografik: Screenshot Sky Sports)
Image: Der Einfluss von Pep Guardiola auf die EFL (Quelle: Infografik: Screenshot Sky Sports).

Die Rolle des Torhüters hat sich gewandelt

Die Hinwendung zu Guardiolas Spielweise wirkte sich auf Spieler aller Positionen aus. Am stärksten betroffen waren die Torhüter, von denen verlangt wurde, im Ballbesitz quasi als zusätzliche Feldspieler zu agieren und unter Druck Pässe im und um den Strafraum herum spielen zu können.

Hart war zweifacher Meister und hatte fast 350 Einsätze für Manchester City vorzuweisen. Doch ihm fehlte die technische Sicherheit, um unter Guardiola zu performen. Seine Ablösung durch Claudio Bravo und später durch Ederson verdeutlichte die veränderten Prioritäten auf seiner Position.

Die Passgenauigkeit im City-Tor (Quelle: Infografik: Screenshot Sky Sports).
Image: Die Passgenauigkeit im City-Tor (Quelle: Infografik: Screenshot Sky Sports).

Unter Guardiola verdreifachte sich die Anzahl der erfolgreichen Torwartpässe in der Hälfte von Manchester City innerhalb von zwei Spielzeiten - von sieben pro Spiel unter Pellegrini auf 19 in Guardiolas erster Saison als Trainer und 21 pro Partie in seiner zweiten. Der Durchschnitt stieg in der Spielzeit 2023/24 auf einen Höchstwert von 27 pro Spiel.

Die breitere Akzeptanz stellte sich nicht sofort ein: In der restlichen Premier League gab es von 2015/16 bis 2017/18 nur einen geringen Anstieg der Torwartpässe in der eigenen Hälfte. Doch danach stieg der Durchschnitt schrittweise an, da die Vereine nach spielstarken Torhütern suchten.

Die Passgenauigkeiten der Premier-League-Torhüter (Quelle: Infografik: Screenshot Sky Sports).
Image: Die Passgenauigkeiten der Premier-League-Torhüter (Quelle: Infografik: Screenshot Sky Sports).

Der Premier-League-Durchschnitt für Torwartpässe in der eigenen Hälfte erreichte in derselben Saison wie bei Manchester City seinen Höchststand, nämlich 19 pro Spiel in der Spielzeit 2023/24 - ein Anstieg um 140 Prozent gegenüber dem Durchschnitt von acht pro Spiel in der Saison 2016/17.

Hart war das erste prominente Opfer, doch es sollten noch viele weitere folgen, darunter David De Gea von Manchester United, dessen vermeintliche Limitation, den Ball aus der Abwehr herauszuspielen - ganz im Stil, den Guardiola populär gemacht hatte -, schließlich dazu führte, dass er durch Andre Onana ersetzt wurde.

Das Pressing

Guardiola hatte einen immensen Einfluss darauf, wie sich Mannschaften in England sowohl mit als auch ohne Ball aufstellten. Ein koordiniertes, Mann-gegen-Mann-Pressing weit oben auf dem Spielfeld war der Schlüssel zu seiner Philosophie und wurde in der gesamten Premier League zu einem entscheidenden Mittel, um den Spielaufbau zu stören.

In der Saison 2019/20 verzeichnete Manchester City durchschnittlich knapp zehn Ballgewinne in der hohen Zone pro Spiel, gegenüber weniger als acht in Pellegrinis letzter Saison. Auch hier entwickelte sich der Durchschnitt der Premier League in die gleiche Richtung.

Ein Pressing in der Vorwärtszone erfordert eine hohe Abwehrlinie, um den Raum für den Gegner zwischen den Linien einzuschränken. Manchester City begann unter Guardiola sofort, höher auf dem Spielfeld zu agieren.

Direktheit und Körperlichkeit

Guardiola hat sich stets eher als Pragmatiker denn als Idealist gesehen. "Meine Taktik passt sich den Qualitäten meiner Spieler an", sagte er bei seiner Vorstellung als Trainer von Manchester City im Jahr 2016.

Dieser Pragmatismus ist in den letzten Jahren seiner Amtszeit besonders deutlich geworden. Manchester City ist nach wie vor eine vorwiegend auf Ballbesitz ausgerichtete Mannschaft, die in der Lage ist, den Gegner mit kurzen Passkombinationen zu überwinden. Aber sie haben auch andere Wege entwickelt, um Manndeckungssysteme zu durchbrechen, wodurch ihre Offensivkraft variabler geworden ist.

Die Verpflichtung von Erling Haaland markierte eine dramatische Abkehr vom "False-Nine"-Modell, das Guardiola zuvor bevorzugt hatte, und verschaffte Manchester City eine unschätzbare Anspielstation für direktes Spiel und schnelle Konter, als die Körperlichkeit in der Premier League und die Raffinesse der gegnerischen Manndeckungssysteme zunahmen.

Das Konterverhalten von Manchester City unter Pep Guardiola (Quelle: Infografik: Screenshot Sky Sports).
Image: Das Konterverhalten von Manchester City unter Pep Guardiola (Quelle: Infografik: Screenshot Sky Sports).

In dieser Saison verzeichnet City im Durchschnitt weniger Ballbesitz und weniger Passfolgen als in jeder anderen Saison unter Guardiola zuvor. Gleichzeitig sind die Zahlen bei den schnellen Kontern gestiegen, da Guardiola den Übergängen den Vorzug vor einem ausgefeilten Aufbauspiel gibt und Eins-gegen-Eins-Spezialisten wie Antoine Semenyo und Jeremy Doku gegenüber Passspielern bevorzugt.

Guardiola ändert Spielweise auf der Insel

Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass Guardiolas Ankunft bei Manchester City in England einen allgemeinen Wandel hin zu seiner Spielweise ausgelöst hat, doch die jüngste Abkehr von diesen Prinzipien wirkt eher reaktiv. "Man kann sich beschweren oder man muss sich anpassen", formulierte Guardiola kürzlich.

Guardiolas Bereitschaft zur Anpassung mag andere dazu ermutigt haben, es ihm gleichzutun, doch das lässt sich schwer mit Sicherheit sagen. Sicher ist jedoch, dass seine Ankunft - nun, da er seine Amtszeit bei Manchester City beendet - den englischen Fußball wie kein anderer Trainer verändert hat.

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